Rauchmelder-Streit: Sirene im Schlafzimmer - DER SPIEGEL
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Rauchmelder-Streit Sirene im Schlafzimmer

Millionen Mieter und Wohnungseigentümer müssen bald Rauchmelder in ihren Privaträumen installieren lassen - doch diese Vorschrift gilt nicht in allen Bundesländern. Die Feuerwehr geht jetzt noch einen Schritt weiter: Sie will die Heuler als ferngesteuerten Sirenenersatz benutzen.
Rauchmelder im Fachgeschäft: "Leben gerettet"
Rauchmelder im Fachgeschäft: "Leben gerettet"

Rauchmelder im Fachgeschäft: "Leben gerettet"

Foto: DDP
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Hamburg - "Das Geräusch werde ich nie vergessen", sagt Verena Tüttelmann. Der schrille Ton ihres Rauchmelders holte die Medienunternehmerin um viertel nach eins in der Nacht aus dem Bett. Im Flur der ausgebauten Dachwohnung am Fasanenplatz in Berlin-Wilmersdorf stand schon der dichte Rauch eines weit vorangeschrittenen Brands, ausgelöst wohl durch schmorende Kabel in den Zwischenwänden.

Tüttelmann, 41, schnappte sich ihren dreijährigen Sohn Paul, presste ihm ein nasses Handtuch aufs Gesicht und flüchtete aus dem fünften Stock ins Freie. Als sie nach oben sah, loderten die Flammen, der Boden des Kinderzimmers war nach den Löscharbeiten nur noch ein großes Loch. Die Feuerwehr stellte die Bilder der vollständig zerstörten Wohnung zur Warnung ins Internet. "Der Rauchmelder hat unser Leben gerettet", sagt Tüttelmann.

Tragisch endete dagegen Anfang des Monats ein Wohnungsbrand im nordrhein-westfälischen Schwelm. Zu spät alarmiert, versuchten die Eltern ihre schlafenden Kinder aus Rauch und Feuer zu retten. Zwei der insgesamt vier Kinder starben zusammen mit den Eltern. "Rauchmelder hätten diese Katastrophe möglicherweise verhindern können", lautete das Fazit der Feuerwehr.

"Fahrlässig Leben riskiert"

Das Feuerdrama von Schwelm gilt als neues Beispiel für die Sinnfälligkeit einer Vorschrift, über die seit Jahren in der Republik gestritten wird: Es geht um die Pflicht, deutsche Wohnungen mit Rauchmeldern zu bestücken. Einige Länder wie Hamburg, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern, Rheinland-Pfalz, Schleswig-Holstein schreiben vor, die runden weißen Dosen bis spätestens 2014 einzubauen.

Das Saarland und Thüringen fordern Rauchwarnmelder gesetzlich nur für Neu- und Umbauten. Die anderen Bundesländer beharren auf Freiwilligkeit. "Da werden fahrlässig Leben riskiert", kritisiert Bernd Pawelke, Vizepräsident des Deutschen Feuerwehrverbandes, den föderalen Flickenteppich.

Die Gegner der flächendeckenden Nachrüstung befürchten eine weitere Bürokratisierung und Bevormundung. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann argumentiert: "Auf freiwilliger Basis kann sich doch jeder einen Rauchmelder einbauen, das muss nicht per Verordnung erzwungen werden." Zumal die Zahl der Todesopfer laut Bundesamt für Statistik relativ gering ist - verglichen etwa mit dem Blutzoll auf deutschen Straßen. So kamen im vorvergangenen Jahr 310 Personen bei privaten Hausbränden ums Leben. Im Jahr zuvor waren es 346.

Kritiker des Zwangs zur Dose an der Decke sehen in der Vorschrift vor allem ein großes Geschäft: Denn bei knapp 40 Millionen Haushalten bedeutet die Verordnung für die Rauchmelder-Hersteller einen Umsatz von mindestens 2,4 Milliarden Euro. Hinzu kommen die Kosten für die Installation und die Wartung, die inzwischen von jenen großen Firmen angeboten werden, die sich auf das Ablesen der Verbrauchszähler an Heizkörpern spezialisiert haben.

Terror in der Urlaubszeit

Zugelassen sind neuerdings nur noch nach der Norm DIN EN 14604 zertifizierte Rauchwarnmelder mit europäischer Kennzeichnung. Gemein ist den Geräten, dass sie Brandrauch über eine Art Lichtschranke erkennen. Nach einer anderen Norm - DIN 14676 - sind die Geräte einmal im Jahr zu warten, worüber "zur Wahrung der Haftungsfreistellung" ein schriftlicher Nachweis zu führen sei, so die Hamburger Fachanwältin für Miet- und Wohnungseigentumsrecht, Ricarda Breiholdt.

Um den jährlichen Rauchmelder-TÜV zu erleichtern, empfehlen Hausverwaltungen deshalb die Installation von batteriegespeisten Systemen, die zehn Jahre halten sollen. Doch auch hier liegt die Tücke in der Praxis. Denn ist die Batterie ausgerechnet zur Urlaubszeit erschöpft, kann ein Rauchwarnmelder in einer gut verriegelten Wohnung einen kompletten Häuserblock terrorisieren.

So lösen wild gewordene Rauchwarnmelder zuweilen Großeinsätze von Polizei und Feuerwehr aus. In Hamburg kostete einen 76-jährigen Ruheständler das Aufstemmen der Eingangstür sowie der Schlosswechsel durch einen herbeigerufenen Sicherheitsdienst und die folgenden Tischlerarbeiten fast 1000 Euro. In Berlin kann die Feuerwehr ein paar hundert Euro berechnen, wenn ein Löschzug zu einem "mutwillig ausgelösten Täuschungsalarm" ausrückt.

Rauchmelder als Sirenen

Schon befürchtet die Berufsfeuerwehr ("Rauchwarnmelder retten Leben"), dass der Fehlalarm alsbald der Regelfall werden könnte und das Bekämpfen einer häuslichen Feuersbrunst die Ausnahme. Zumal in Zukunft die Warngeräte gemäß den Plänen von Feuerwehrverbands-Vize Pawelke noch einem weiteren Zweck dienen sollen: Danach könnte ein per Funksignal von außen gesteuerter Rauchmelder auch die Aufgaben der in den neunziger Jahren größtenteils abgeschafften städtischen Sirenen übernehmen.

Mit dem Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe sowie dem Innenministerium hat Pawelke für seinen "Rauchwarnmelder zur Warnung der Bevölkerung im Gefahrenfall" einen Feldversuch durchgeführt. Derartige funkgesteuerte High-Tech-Heuler sind bei den Fachfirmen bereits in der Entwicklung. Für den Feuerwehrfunktionär geht es um eine "flächendeckende Warnmöglichkeit für die Bevölkerung", die über das Radio erreicht werden soll. "Das Signal", so Pawelke, "muss einen zuverlässigen Weckeffekt haben."

Eine Stimme von der Decke sagt dann: "Rundfunkgerät einschalten."

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