Reagan-Attentäter: Der ewige Aussätzige - DER SPIEGEL
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Reagan-Attentäter Der ewige Aussätzige

Ein US-Gericht hat dem Reagan-Attentäter John Hinckley erstmals Freigang erlaubt. Das Urteil reißt alte Wunden auf - und stellt neue, unheimliche Fragen: Wird Hinckley eines Tages ganz freikommen?
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

New York - Sein Tagesablauf ist stets der gleiche, seit 23 Jahren und sechs Monaten. Morgens arbeitet er als Archivar in der Krankenhausbibliothek. Dann isst er in der Kantine zu Mittag. Nachmittags spielt er Gitarre, liest, guckt fern und kann auf dem Gelände der geschlossenen Nervenklinik St. Elizabeths frei herumlaufen. Seit 1999 darf er unter Aufsicht sogar Ausflüge unternehmen: ins Kino, ins Restaurant, an den Strand.

Er schluckt Psychopharmaka, aber, so seine Ärzte, "nur noch prophylaktisch". Seine Psychose und seine Depression seien "in voller Remission", seine Gewaltphantasien verebbt. Sein Anwalt Barry Levine hält ihn für die "am wenigsten gefährliche Person auf der Welt".

Wäre er ein ganz normaler psychiatrischer Patient, dann würde er also eigentlich heute längst sich selbst überlassen werden können.

Unschuldig, da unzurechnungsfähig

Doch er ist kein normaler Patient. Sondern eine der berüchtigtsten Figuren der US-Geschichte: John Hinckley versuchte am 30. März 1981, Präsident Ronald Reagan zu erschießen, auf offener Straße vor dem "Washington Hilton". Ein Gericht erklärte ihn damals für unzurechnungsfähig und, wichtiger noch, für unschuldig, wies ihn allerdings zur Behandlung in die geschlossene Nervenanstalt St. Elizabeths bei Washington ein, Ende offen.

Und darin liegt die Krux dieses Falles, der plötzlich neu aufflammt: Ein US-Bundesgericht in Washington hat jetzt nämlich überraschend entschieden, dass Hinckley mittlerweile gesund genug ist, um erstmals unbeaufsichtigten Ausgang zu erhalten - womöglich ein erster Schritt zur Freiheit.

Das Urteil wirft Grundsatz- und Gewissensfragen auf, die am ohnehin lädierten Nervenkostüm einer Nation in Terror-Angst zerren. Was tun mit John W. Hinckley Jr., 48, dem einzigen lebenden Präsidentenattentäter der USA? Ihn, wie andere Geisteskranke auch, laufen lassen, so klinisch "geheilt"? Oder ihn strengeren Maßstäben unterwerfen, nur weil sein Opfer der 40. Präsident der Vereinigten Staaten war? Wo endet die Gleichheit vor dem Gesetz, jene Grundfeste des Justizsystems?

Es begann mit "Taxi Driver"

Fragen, die auch alte Wunden aufreißen. Der 30. März 1981 traumatisierte die USA, entblößte schon damals ihre Verwundbarkeit. "Unsere Zuversicht", trauerte die "New York Times" am Tag nach dem Attentat, "ist zerschmettert."

Zerschmettert war da aber auch lange schon die labile Psyche John Hinckleys. Denn die Vorgeschichte des Reagan-Attentats ist ein klassisches Beispiel für das marode Gesundheitswesen der USA, in dem eine Geisteskrankheit mit Gewaltpotenzial leicht übersehen und unterschätzt werden kann.

Aufgewachsen in guten Verhältnissen, zeigte Hinckley schon in der High School erste Verhaltensstörungen. Er galt als Einzelgänger, verkroch sich oft in seinem Zimmer. Seine Eltern taten dies als "Schüchternheit" ab.

Im Sommer 1976 kam der Film "Taxi Driver" in die Kinos, Martin Scorseses Drama von einem Psychopathen, der einen Politiker verfolgt. Hinckley sah den Film insgesamt 15 Mal. Im August 1979 dann kaufte er sich seine erste Waffe von vielen, eine Pistole, Kaliber 38.

Liebesbeweis für Jodie Foster

Er entwickelte eine Obsession für die Schauspielerin Jodie Foster, dem Jungstar aus "Taxi Driver". Er schrieb ihr Liebesbriefe, bekam sie sogar zweimal ans Telefon. Um Fosters "Respekt und Liebe" zu gewinnen, beschloss er, den Präsidenten zu ermorden.

Hinckleys Eltern schickten ihn zu einem Therapeuten. Der fand, er sei nur "verwöhnt". Woraufhin die Eltern den Sohn vor die Tür setzten, um ihn zu zwingen, endlich erwachsen zu werden. "Tough love" nennen sie das hier.

Am 29. März 1981 mietete sich Hinckley ein Hotelzimmer in Washington. Tags darauf schrieb er einen Brief an Foster, in dem er seine "historische Tat" ankündigte, verbunden mit der Bitte, ihm "wenigstens eine Chance zu geben". Dann steckte er eine Pistole, Kaliber 22, ein und fuhr zum Hilton. Dort wartete er auf Reagan, der drinnen eine Rede hielt. Als der Präsident um 14.25 Uhr vor die Tür trat, feuerte Hinckley sechs Schüsse ab. Die Szene spielte sich vor laufenden Fernsehkameras ab und ging um die Welt.

Eine Kugel traf Reagan in die Brust und verfehlte sein Herz nur um Zentimeter. Weitere Kugeln trafen Pressesprecher James Brady in den Kopf und zwei Sicherheitsbeamte in Hals und Magen. Reagan wurde in einer Notoperation gerettet. Brady ist bis heute behindert und an den Rollstuhl gefesselt; mit Hilfe seiner Frau Sarah setzte er 1994 ein nach ihm benanntes Gesetz zur Schusswaffenkontrolle durch.

"Die Dummköpfe am Raten halten"

Hinckley wurde sofort festgenommen. Am 21. Juni 1982, nach sieben Wochen Verhandlung und drei Tagen Beratung, erklärte ihn ein Geschworenengericht für unzurechnungsfähig und wies ihn in die geschlossene Nervenanstalt St. Elizabeths ein, wo er seither einsitzt, "auf ewig ein Aussätziger" ("New York Times").

Die Ärzte diagnostizierten schwere Depression gepaart mit "nicht-spezifischer Psychose". "Mr. Hinckley", resümierten sie, "stellt derzeit eine Gefahr für sich selbst, Jodie Foster und jede andere dritte Partei dar." Das wichtigste Wort: derzeit.

Schon Ende 1983 schien sich sein Zustand zu bessern. Die Ärzte berichteten, er sei nicht mehr von Jodie Foster besessen. 1985 machte er erste Spaziergänge auf dem Freigelände von St. Elizabeths. 1986 verließ er die Anstalt zum ersten Mal, um seine Eltern zu besuchen, eskortiert von Ärzten und dem Secret Service.

Hinckleys Versuche, freien Ausgang zu erhalten, blieben jedoch fruchtlos, nicht zuletzt dank des Protestes der Reagan-Familie. Wenig hilfreich waren dabei auch die 57 Fotos von Jodie Foster, die sich 1987 in seinem Zimmer versteckt fanden. Oder der Tagebucheintrag, der ihn über Jahre verfolgen sollte: "Psychiatrie ist ein Ratespiel, und ich tue mein Bestes, die Dummköpfe am Raten zu halten. Sie werden den wahren John Hinckley nie kennen.''

Freigang mit 17 Auflagen

Erst 1999 erkämpfte er sich das Recht, wenigstens unter Bewachung Ausflüge nach draußen zu machen. Seinen Wunsch nach unbeaufsichtigtem Freigang lehnte das Gericht jedoch immer wieder ab, zuletzt 2001. Aber Hinckley gab nicht auf. Vor ein paar Wochen erzwang er eine neue Anhörung.

Und so standen sie sich jetzt wieder mal vor Gericht gegenüber. Auf der einen Seite Anwalt Levine und Hinckleys greise Eltern, die auf ein gemeinsames Weihnachtsfest hoffen. Auf der anderen Seite die Vertreter der Regierung, die jede Form von Ausgang kategorisch ablehnt.

Levine brachte Gutachten vor, die Hinckley für weitgehend geheilt und ungefährlich erklärten. Die Staatsanwälte hielten dagegen, dass er die Ärzte schon oft an der Nase herumgeführt habe. "Eine Geschichte der Irreführung", nannte es die Anklagebehörde. Eine Freisetzung wäre überdies eine Beleidigung des Weißen Hauses.

Doch Bundesrichter Paul Friedman urteilte für Hinckley. Er verhängte allerdings 17 Auflagen: So darf er sich nur im Großraum Washington bewegen und muss weiter seine Pillen nehmen.

Reagan machte seinen Frieden

Der Gedanke, dass John Hinckley nun tatsächlich wieder frei - wenn auch unter Auflagen - durch die Hauptstadt spazieren kann, bereitet vielen Amerikanern eine Gänsehaut. Als das "New York Times Magazine" jetzt ein nachdenkliches Essay zum Thema abdruckte, protestierten viele Leser in bösen Briefen. "Hinckley darf nie freigelassen werden", schrieb ein Mann aus Massachusetts.

Die Diskussion kommt überdies zu einer Zeit, da die Verklärung Reagans zur Legende immer neue Höhepunkte findet. Ein Reagan-kritisches Doku-Drama löste kürzlich schon vor seiner TV-Ausstrahlung einen solchen Proteststurm aus, dass der Sender CBS es aus dem Programm warf.

Den Hauptbetroffenen schert das alles indes nur noch wenig. Der im Alzheimer-Nebel dahin dämmernde Ex-Präsident, so berichtet sein Sohn Ron Reagan, habe Hinckley längst vergeben: "Er hat seinen Frieden gemacht."