Reality Shows: Ab in den Dschungel - DER SPIEGEL
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Reality Shows Ab in den Dschungel

Wieso beschweren sich Deutschlands Medienwächter, Menschenschützer, Tierfreunde, Elternvertreter, Christen und Politiker eigentlich tagaus, tagein über die hübsche, kleine RTL-Show "Ich bin ein Star – holt mich hier raus"?
Von Markus Brügge
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

"Menschenunwürdig" sei das Spektakel im australischen Dschungel, jammern die Ethiker. "Folter-TV" schreibt die "Bild"-Zeitung. Alle geifern und ereifern sie sich - und schauen (natürlich nur um mitreden zu können) heimlich zu.

Dabei mal ehrlich: Den so genannten Stars geht's in der Wildnis doch prima. Nicht nur, dass ihnen der Aufenthalt zwischen Spinnen, Schlangen und anderem Gekreuch mit dem Gegenwert einer Mittelklasse-Limousine vergolten wird. Sie profitieren auch noch menschlich davon: Unterhaltungs-Urgestein Werner Böhm nimmt Kilo um Kilo ab, sein einstmals schlaffer Körper wirkt von Sendung zu Sendung gestählter, der irrende Blick ist fest und entschlossen.

Schlagerbarde Costa Cordalis beweist seine Qualitäten als Urwald-Meister, kuschelt mit allem, was mehr als fünf Beine hat und strahlt ein In-sich-selbst-Ruhen aus, das wir zum letzten Mal erleben durften, als Helmut Kohl seine Neujahrsansprachen hielt. Die Liste wäre fortsetzbar: Caroline Beil - wie Phoenix aus dem Fisch-Schlamm von der Lästernatter zur tapferen Amazone. Daniel Küblböck - Heldentaten statt Hupfdohlen-Pop.

Deshalb kann es nur eine Forderung an RTL, Sat1, ARD, ZDF und die übrigen deutschen Fernsehanstalten geben: Bitte verlegt all eure Shows in die Wildnis!

Man sieht vor dem inneren Auge schon Alfred Biolek inmitten satten Urwaldgrüns am Herd stehen und jauchzen: "Hmmm, geschmorte Kakerlaken mit einer Prise Basilikum - köstlich!" Oder "Sabine Christiansen": Wenn Friedrich Merz und Hans Eichel erst mal gemeinsam eine Dschungelprüfung durchgestanden haben - dann wäre eine Einigung zur großen Steuerreform ein Klacks.

Auch Gerd Schröder könnte von solch einem Plan profitieren: Statt seine Reden an die Nation ewig öde im Drehstuhl vor grauem Berliner Himmel zu halten, könnte er umgeben von exotischem Gewächs zu uns sprechen. Und wir wüssten: Ja, Deutschland erblüht, die Wirtschaft wächst wie ein mächtiger Gummibaum im regengenetzten australischen Urwald.

Also bitte, liebe Fernsehschaffenden: Schickt sie alle in den Dschungel. Um der Nation willen. Um Deutschlands Aufschwung willen. Nur eines sollte man aus der aktuellen Show nicht übernehmen. Der Satz "Ich bin ein Star - holt mich hier raus gehört definitiv aus den Spielregeln gestrichen.