Reality-TV: Missionars-Stellung fürs Abnehmen - DER SPIEGEL
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Reality-TV Missionars-Stellung fürs Abnehmen

Größenwahn, Steuerstreit, Quotenabsturz: Nun kehrt Margarethe Schreinemakers mit "Big Diet" ins Fernsehen zurück. Warum eigentlich?
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Wenn diese Frau erst angefangen hat zu reden, hört sie nicht mehr auf. Drei Stunden geht das nun schon. Länger, als früher ihre TV-Show dauerte. Leider fehlen die Werbepausen.

Sie zerredet den Fototermin, den Spaziergang, das Essen. Wahrscheinlich dürfte man sie sogar aufs Klo begleiten, und sie würde einem noch einen Vortrag halten über Durchfall-Hausrezepte. Sie weiß alles, hat alles erlebt. Viele Krisen höchstpersönlich.

Schon früher, mit 35, als sie anfing zu joggen. Höhepunkt des Erfolgs. Aber ausgebrannt. So ausgebrannt. Als Frau. Als Mutter. Als Star. Heute läuft sie glücklich 80 Kilometer pro Woche. Minimum. Vor was davon? Sie schaut nur kurz auf, weil sie auch solche Konterversuche kennt.

Das ist keine Frage des Gewichts, sondern des Wohlfühlens. Frustgeschichte eben. Wenn's nicht mehr läuft, isst du Schokolade, weil da ein Botenstoff drin ist, der dich tröstet wie wir alle wissen obwohl einen das ja auch nicht rausreißt und das Zauberwort sowieso fettreduzierte Mischkost heißt denn es ist der größte Fehler sichwaszuverbietenundalsKatholikinweißsiejawiewunderbardieSündeansi chund ...

Ohne Punkt und Komma.

Stundenlang.

Viele würden schon als Zuhörer in Atemnot geraten bei dieser Stimme, die nach chronisch vereiterten Nebenhöhlen klingt. Sie würden sich die Augen reiben angesichts des türkisfarbenen Lederjäckchens und der restlichen Regenbogenfarben, in denen die 42-Jährige aussieht, als bewerbe sie sich um den Job des "Bravo"-Girls des Jahres.

Und dann fasst sie auch noch jeden an, als wolle sie sagen: Hey, ich bin immer noch ein Star und immer noch einer mit Wurzeln in eurer Welt. Willste mal probieren? An wen erinnert diese Frau nur?

Jedenfalls wird einem zwischen all dem Geduze und diesen Volksnähe suggerierenden Hausfrauen-, Star- und Katholikinnen-Anekdoten plötzlich klar, was man in den vergangenen drei Jahren nicht vermisst hat: Margarethe Schreinemakers.

Sorry, ist so. Auch wenn vorher durchaus guter Wille da war, ihre Läufer- und vor allem Steherqualitäten toll zu finden.

Wegschauen, verspannen, umdenken. Den Blick genießen auf ihre verwunschene Villa im niederländischen Vaals. Hier, einen Glashaus-Steinwurf von der deutschen Grenze entfernt, sitzt ihre Fernsehfirma Living Camera. Steuerfahndern galt das Häuschen mal als toter Briefkasten. Seither ist es erst recht einer, weil mit Schreinemakers' Glaubwürdigkeit auch jede Aussicht auf TV-Aufträge für ihr Unternehmen schwand. Sie setzt wieder ihren enttäuschten Hey-was-soll-die-alte-Kacke-Blick auf.

Okay, okay: Sie hat dem deutschen Fernsehen "Infotainment" geschenkt. Sie lockte mitunter über sieben Millionen Zuschauer an. Sie brach Tabus und Rekorde. Sie talkte mit Geistheilern und Schamhaarfriseuren, Nelson Mandela, O. J. Simpson und der Noch-nicht-ganz-Ex-Gattin des damaligen Finanzministers Theo Waigel (CSU).

Als 1996 die Finanzbeamten in ihren Büros auftauchten, begannen die Missverständnisse, Abteilung Größenwahn: Waigel will mich, die Quotenkanzlerin, abschießen. Schreinemakers wurde dann tatsächlich abgeschossen. Allerdings von Medien, Senderchefs und Publikum, die alle zusammen einfach genug hatten von der "Herrin des Weh-Punkts" ("FAZ"), der "Tränen-Grete" ("Playboy") und "Mutter Teresa des Fernsehens" ("Bunte").

Geldgier und Schwarzkonten, Alkohol, Steuerlügen und Ehekrise – außer einer Mitschuld am Ausbruch des Golfkriegs wurde ihr im Laufe der Hexenjagd so ziemlich alles unterstellt. Die Rehabilitation fand in aller Stille statt. Kaum jemand kriegte noch mit, dass ihr Verfahren eingestellt wurde. Dass sie angeblich vom Finanzamt 30 Millionen Mark Quellensteuer zurückbekam und von ihrem letzten Sender RTL 26 Millionen an Honoraren.

Einerseits war sie plötzlich reich, andererseits weg. Sehr reich, sehr weg. Und wenn sie ab und an ein Interview gab, redete sie über den Rückhalt ihrer Familie und darüber, dass es wirklich wichtigere Dinge gibt im Leben als Quoten und Macht und VIP-Einladungen.

Zwischen den Zeilen wartete sie darauf, medial wiederbelebt zu werden, weil es auch wichtigere Dinge gibt als Elternabende, dreckige Windeln und einen Mann, der selten zu Hause ist. Sie hatte ja selbst Ideen. Tolle Ideen, wie man Internet und Fernsehen versöhnen könnte zum Beispiel. Wollte nur niemand haben, obwohl sie sich auch da auskennt. Mit Streaming-Kosten und Portalen und Content. Sie als ganz normale Hausfrau und Millionärin sagte und fragte sich das so oft vor dem PC: Ich bin drin. Und, was mach ich nun?

Tja, was macht sie nun? Mit all ihrem Geld? Ihrer Fernseherfahrung? Ihrem manischen Eifer? Erst mal keine eigene Internet-Show. Der TV-Produzent John de Mol ("Big Brother") bot ihr stattdessen "Big Diet" an. Sie lehnte ab. Das ist ein sehr, sehr stilles Jahr her.

Ab Sonntag wird sie das Abspe(c)ktakel anmoderieren. Beim Softporno-Kanal RTL II. Als schlank-trainierter Appetitzügler (52 Kilogramm auf 165 Zentimeter). An wen erinnert einen dieses agile Draht-Gestell mit der Solariumsbräune nur?

Es hat sich mehr geändert als die bloße Tatsache, dass Schreinemakers früher dick im Geschäft war und nun versucht, mit Dicken ins Geschäft zurückzukehren. "Big Diet" kommt pünktlich zum Zusammenbruch des gesamten Reality-TV-Trends und deshalb als Sprungbrett in eine neue Karriere gefährlich spät.

Rund um den Fitness-Schuppen mit Swimmingpool in Köln-Ossendorf macht momentan keiner den Eindruck, Fernsehgeschichte schreiben zu wollen – oder gar zu können. Nicht mal der Produzent Andreas Viek, 33, der genug damit zu tun hat, dass bis zur Premiere alles fertig ist. Er sieht müde aus und ein bisschen unrasiert und wäre schon froh, wenn er acht Prozent Marktanteil erreichen könnte. Bei RTL II sind Tiefstapler am Werk.

"Big Diet" hat noch keinen anständigen Internet-Auftritt und keine Merchandising-Palette. "Big Diet" hat möglicherweise keine große Zukunft, aber ganz sicher eine Moderatorin, die unter solchen Voraussetzungen heißlaufen wird wie ein Föhn – so ausgehungert, wie sie nach über drei Jahren TV-Askese ist. Warum tut sie sich das an?

Weil sie ein Zirkuspferd sei, glaubt ihr Ex-Mann Jürgen von der Lippe. Weil sie es todernst meine, sagt der Endemol-Deutschland-Chef Borris Brandt. Beide haben Recht. Das Zirkuspferd macht Ernst.

Schreinemakers hat das doch alles schon in der eigenen Manege gehabt, früher bei "Schreinemakers live": jede Diät, jeden Wahn. Gebetsmühlenartig näselt sie ihr Lexikonwissen runter. Sie begreift es als Auftrag. Sie mahnt, dass 70 Prozent aller Deutschen übergewichtig sind. Sie erzählt von krankhafter Adipositas und warnt düster vor den volkswirtschaftlichen Schäden durch Folgekrankheiten.

Besoffen an der eigenen Betroffenheit, die heute aber nicht mehr so gefragt ist. Selbst die WDR-Doku-Soap "Abnehmen in Essen" war Comedy gegen das, wofür Schreinemakers steht. Eine aufrechte Anwältin der Volkshygiene mit Wischmopp-Frisur und Hurra-ich-bebe-noch-Attitüde wie ... ja ... so klein, burschikos und gegerbt fängt sie wirklich an, Beate Uhse zu ähneln. Mit Schreinemakers ist die öffentliche Missionars-Stellung wieder besetzt.

Ihr größter Wunsch? Dass Deutschland seinen Hintern bewegt. Mit ihr. Drunter macht sie's nicht. Und wohin bewegen wir uns? An die frische Luft? Zur Fernbedienung reicht erst mal.