Rechtsextremismus: Der Fall der "Familie Dönermesser" - DER SPIEGEL
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Rechtsextremismus Der Fall der "Familie Dönermesser"

Im sächsischen Pirna steht eine türkische Familie vor Gericht. Sie soll Neonazis brutal verprügelt und durch die Stadt getrieben haben. Doch wer ist hier Täter, wer Opfer?
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Polizeihauptkommissar Gerhard Wellner sitzt in seinem Dienstzimmer neben dem "Extra"-Markt, vor einer Pinnwand voller Zettel, Fotos und einer Original-Autogrammkarte des holländischen Quizmasters Harry Wijnvoort. Auswendig betet der Polizist die "positive Kriminalstatistik" seiner Behörde herunter: Gerade mal 34 politisch motivierte Straftaten habe es voriges Jahr in Pirna gegeben. Und ganze 5 davon mit ausländerfeindlichem Hintergrund.

"Pirna ist eine tolerante Stadt", sagt Wellner feierlich. "Die Stimmung hier ist gut."

Gäbe es da nur nicht das eine kleine Problem mit "der türkischen Nationalitätengaststätte" (Wellner). Gemeint ist damit der Dönerimbiss Antalya Grill in der Jacobäerstraße 7, betrieben von der aus der Türkei stammenden Familie Sendilmen.

41 Strafanzeigen liefen gegen diese Leute, stöhnt der Kommissar, 27 davon wegen Körperverletzung. Einen Baseballschläger habe man bei ihnen sichergestellt, auf dem der Satz gestanden habe: "Stolz ein Türke zu sein".

Mit Waffen wie dieser, so der Vorwurf der Staatsanwaltschaft Dresden, habe die Familie wiederholt Jagd auf örtliche Rechtsextremisten gemacht, sie brutal verprügelt und durch die beschaulichen Gassen der Innenstadt von Pirna gehetzt.

So etwas bringt die Kriminalstatistik durcheinander. Und die heile, überschaubare Welt des malerischen Landkreises.

Rund 30 Kilometer von Sebnitz entfernt, jener Kleinstadt, die im November 2000 wegen der angeblichen Ermordung des sechsjährigen Joseph zum Synonym einer republikweiten Neonazi-Hysterie wurde, wird in Pirna derzeit ein grotesk anmutendes Stück ostdeutscher Wirklichkeit aufgeführt ­ mit vertauschten Rollen: Fremdenfeindliche Schläger schlüpfen ins Kostüm hilfloser Opfer und ausländische Opfer in die Maske prügelnder Täter.

Doch wer tatsächlich Opfer und wer Täter ist, lässt sich so leicht nicht ausmachen. Eine ganze Stadt ist darüber gespalten.

Pirna, das als Bühne des seltsamen Schauspiels dient, ist ein Elbstädtchen mit hohem Naherholungswert, einer offensichtlich überforderten Polizei und einem Amtsgericht, das in den nächsten Monaten Schwerstarbeit zu leisten haben wird.

Fünf teils vorbestrafte Mitglieder der Familie Sendilmen sind dort der "gemeinschaftlichen gefährlichen Körperverletzung" angeklagt. Als Belastungszeugen hat die Staatsanwaltschaft Dresden 21 meist junge Männer benannt, die größtenteils der rechten Szene Pirnas angehören. Sechs dieser Zeugen gelten als mutmaßliche Köpfe der inzwischen verbotenen "Skinheads Sächsische Schweiz" (SSS) und werden ­ pikanterweise von derselben Ermittlungsbehörde ­ parallel der "Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung" beschuldigt. Ein ziemliches Kuriosum.

Bei der Staatsanwaltschaft misst man diesem Detail allerdings kaum Bedeutung bei. Achselzuckend verweisen die Juristen darauf, dass die Straftaten der SSS und die Prügelattacken, die man der Familie Sendilmen vorwirft, nicht zwingend etwas miteinander zu tun haben müssten.

Ob nicht vielleicht das brutale, teils menschenverachtende Auftreten der SSS erst die Sendilmens beleidigt, provoziert und zu "Tätern" gemacht hat? Dazu schweigen die Ermittler. Doch fest steht: Gegen "Nigger" und "menschlichen Müll" kannten die Herrenmenschen, solange sie noch öffentlich als SSS auftreten durften, keine Gnade: "Am Ende steht der Sieg der nordischen Rasse", prophezeiten sie drohend in ihrem Vereinsorgan "Froindschaft".

Inzwischen scheinen den rechten Schlägern auf ihrem propagierten Weg zum völkischen Endsieg auch die Mittel des deutschen Rechtsstaats recht zu sein: Niederlagen im Straßenkampf werden prompt mit Strafanzeigen kompensiert, wie zuletzt am 14. Januar vergangenen Jahres.

Gegen 0.40 Uhr, bekundete Ronny W., mutmaßliches Führungsmitglied der Skinhead-Truppe, der Polizei, habe die Tochter der Sendilmens, Selda, mit ihrem Vater und einem Bruder Jagd auf ihn gemacht. Mit Stockschlägen sei er traktiert worden, bevor ihm jemand mit einem Dönermesser die Hose zerschlitzt habe.

Selda Sendilmen ist eine hübsche, junge Frau und sitzt ganz hinten im Antalya Grill. Zum Tatgeschehen von damals, hat ihr die Anwältin geraten, solle sie sich derzeit öffentlich nicht äußern. Selda, 21, zittert und sagt: "Wir wollen nicht verbrennen wie die Familie in Solingen, das schwöre ich."

Vor zwei Tagen, erzählt sie, habe sie zum letzten Mal das Haus verlassen, begleitet von einem ihrer Brüder, um ein Geburtstagsgeschenk für den Vater zu kaufen. "Die halbe Stunde in der Stadt war ...", Selda sucht nach dem deutschen Wort, "... wie Hofgang im Knast."

Wütend ist Selda auf ihre Eltern und sich selbst. Dass sie sich hat überreden lassen, mit in diese Stadt zu kommen, die sich für sie wie ein Gefängnis anfühlt. "Die Leute nennen uns nur ,Familie Dönermesser', wenn sie uns auf der Straße sehen", sagt sie und erzählt müde, dass sie "heute Dienst" habe; dass sie die ganze Nacht am Fenster im ersten Stock sitzen wird, um aufzupassen, dass niemand ihr Haus anzündet. Seit Wochen schlafe sie nur noch in Kleidung ­ "damit ich schnell weg kann, im Notfall".

Dass ein solcher "Notfall" einmal eintreten könnte, haben die Sendilmens sich nicht vorstellen können damals, als sie von Berlin nach Pirna zogen. Mit Erspartem im Gepäck und dem Goldgräber-Traum eines eigenen Dönerimbisses in den Köpfen.

Etwa zur gleichen Zeit, im Frühjahr 1996, saßen unweit der Jacobäerstraße vier aufrechte teutonische Kameraden beisammen, die von einem anderen Traum getrieben waren: Sie wollten die Sächsische Schweiz ­ einen Landkreis mit 1,4 Prozent Ausländeranteil ­ "national befreien".

Während die gerade gegründete Truppe Kader schult und im Unterholz der sächsischen Wälder erste Ernstfälle probt, richten sich die Sendilmens in ihrer neuen ostdeutschen Heimat ein. Sie schaffen zwei Billardtische an und weiße Plastiksets mit aufgedruckten Sonnenblumen, damit ihr Restaurant freundlicher aussieht.

Auch die SSS rüsten sich. Mit Sturmhauben und Schlagstöcken im Gepäck durchkämmt am 10. Juli 1998 ein 20-köpfiges Skinhead-Kommando die Innenstadt von Pirna, auf der Suche nach verhassten "Linken". Fünf "links" aussehende Jugendliche werden brutal misshandelt.

Vor dem Antalya Grill tauchen immer öfter martialische Gestalten auf, kahlköpfig und mit Springerstiefeln. Die Aktionen scheinen bald einer Art Gesetz zu folgen: Erst wird provoziert, dann eingeschüchtert, schließlich "Türken raus" skandiert. Die Familie alarmiert die Polizei. Warten auf den Streifenwagen, 10 Minuten, 15, eine halbe Stunde. Nichts passiert. Angst, weiter warten, irgendwas tun.

"Die haben uns gesagt, dass sie keine Einsatzwagen zur Verfügung haben", sagt Selda. Dabei ist die Polizeiinspektion zu Fuß gerade mal fünf Minuten entfernt.

Insgesamt 13-mal, erzählen die Sendilmens, hätten sie diesen Schwebezustand aus Ohnmacht, Angst und Wut erlitten. Bis schließlich der 27. Februar 2000 kam.

An jenem Abend, schreibt die Staatsanwaltschaft später in ihrer Anklage, sei die Familie mit Billardstöcken, Eisenstangen und Elektroschockern auf die Neonazis losgegangen. Fünf "arbeitsteilig handelnde Angeschuldigte" hätten elf rechte Kameraden durch die Stadt getrieben und zusammengeschlagen. Die SSS-Unterführer René S. und Thomas R. klagen vor der Polizei anschließend über eine "schmerzhafte Hautrötung" sowie Prellungen.

Wenige Monate später, Ende Juni 2000, findet die Polizei bei den SSS Waffen, zwei Kilo Sprengstoff und jede Menge Dokumente. Darunter auch einen Vermerk über den Antalya Grill. Das Geschäft sei ein Treffpunkt "aktiver linker Gewalttäter", die "Aktionen gegen uns" planten, heißt es darin. "Über Lösungen des Problems durch Söldner sollten wir nachdenken."

Heute schweigen die früheren SSS-Kader. Die jungen Männer stammen größtenteils aus der Mitte der Pirnaer Gesellschaft, sind Söhne von Gerichtsangestellten oder Bundesgrenzschutz-Offizieren. Über den Gartenzaun eines Bungalows mit Swimmingpool am Stadtrand teilt Herr S. freundlich mit, dass sein Sohn René nicht die Absicht habe, sich zu äußern. Auch Thomas R. will lieber nichts sagen.

So wortkarg sind die beiden nicht immer gewesen. Sie sollen zu den Anführern eines Trupps gehört haben, der am 4. November 2000 vor dem Dönerimbiss aufmarschierte und ausländerfeindliche Parolen grölte. Durch die Innenstadt zog damals gerade eine Anti-rechts-Demonstration.

Der Tag wird zum vorläufigen Höhepunkt der Eskalation in Pirna werden. Gegen 15.30 Uhr ziehen rund 80 Rechte vor den Grill. Es folgen "Deutschland den Deutschen"-Rufe und Erdklumpen, die gegen die Fenster der über dem Grill gelegenen Sendilmen-Wohnung geworfen werden.

Als Adem, der Vater, eine türkische Flagge aus dem Fenster schwenkt, kocht die Stimmung über. Die Rechten drohen die paar Polizisten zu überrennen, die den Imbiss schützen sollen. Ein Blumentopf fällt herunter. Tochter Selda wirft zwei Glasaschenbecher in die tobende Menge, die ihr Ziel verfehlen. Kurz darauf stürmt Seldas Mutter Keziban auf die grölenden Skins zu. Barfuß und allein. Ein Polizeibeamter überwältigt die 48-Jährige und drückt sie auf das Straßenpflaster. Als eine zweite Polizistin hinzukommt, um die Frau zu fixieren, stürzt Selda auf sie zu und reißt die Beamtin um.

Eineinhalb Jahre später liegt nun auch dieser Fall bei der Justiz. Das Amtsgericht, das zunächst nur einen Verhandlungstag gegen die Sendilmens eingeplant hatte, muss den juristisch schmalen Grat zwischen Notwehr, Selbstjustiz und außer Kontrolle geratener Wut ausloten. Und sich um eine Antwort mühen auf die Frage: Wer ist Täter ­ und wer Opfer? Der Prozess dürfte sich über Monate hinziehen.

Für die Polizei dagegen ist die Sache weitgehend erledigt. "Wir haben nach jedem Notruf der Betreiber der türkischen Nationalitätengaststätte umgehend Maßnahmen eingeleitet", sagt Hauptkommissar Wellner. Und warum hat es manchmal so lange gedauert, bis eine Streife kam? "Wir sind eine ländliche Schutzpolizeiinspektion", antwortet er. "Da sind die Wege weit."

SVEN RÖBEL, DENISE VOPEL