Reife Alte - DER SPIEGEL
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Karneval Reife Alte

Alternative Scherzveranstaltungen laufen den rheinischen Altherren-Prunksitzungen den Rang ab.
• aus DER SPIEGEL 9/1990
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wenn der Kabarettist und Kleinkünstler Jürgen Becker, 31, ans offiziöse Jeckentum in seiner Heimatstadt Köln denkt, dann wendet er sich mit Grausen. »Unbeschreiblich schlecht« wird ihm bei herkömmlichen Karnevalsveranstaltungen, es bleibe letztendlich »nur eine Alternative: entweder fliehen oder selbst gute Laune stiften«.

Um das Terrain nicht kampflos dem öden Geschäker rheinischer Alt-Humoristen zu überlassen, sammelte Becker Gleichgesinnte und rief, alternativ zu den Prunksitzungen der etablierten Gesellschaften, eine eigene »Stunksitzung« ins Leben. Die leitet der Rebell mit einer Irokesenperücke auf dem Kopf anstelle des üblichen Schiffchens.

Die bunte Bürste ist Programm: Beckers Funkenmariechen tanzen im Stechschritt Lambada, der Elferrat schwenkt auf der Empore die Hüften zum punkigen »Time Warp«, einem Song aus der britischen Groteske »Rocky Horror Picture Show«. Anschließend zeigt eine satirische Filmklamotte, wie ein fiktives »Missionswerk Rheinischer Frohsinn« im Kleinwalzertal Jagd auf abtrünnige Karnevalsmuffel macht, die vor der genormten Heiterkeit geflohen sind. »Eindeutig unterdrücktes Schunkelbedürfnis« konstatieren die Häscher aus der Domstadt - was ziemlich genau die Gemütslage des »Stunk«-Publikums spiegelt.

Der Kreuzzug wider den stiernackigen Pappnasen-Charme findet immer mehr Anhänger. In Bonn halten Kabarettisten inzwischen ihren eigenen Gegen-Fastelovend ab, in der Hochburg Köln formierten sich jetzt als weitere Gruppe »De widderlije Prunkbüggel vun 1989« ("Widerliche Prunkbeutel") unter der Führung der ehemaligen Bassistin und Sängerin Gabi Köster, 28: »Karneval war ja schwer unschick in der Szene, mußten mir wat jejen tun.« Sämtliche 55 Vorstellungen der neuen Bewegung sind seit Wochen ausverkauft. Die Abende versprechen zuverlässig die Veralberung der wankenden Humor-Gerontokratie sowie Büttenreden, in denen über die millionenschweren Organisationen der Beton-Narren hergezogen wird. Das sei »wie mit der SED«, meint Becker, »irgendwann sind die Alten reif«.

Auf den Bühnen agieren Profis aus dem Kleinkunstmilieu, meist Mitte 30 und mit intensiver Erfahrung im Straßentheater. Die Bonner Kabarettisten Rainer Pause und Norbert Alich beispielsweise mimen zwei Funktionäre des Spießerfrohsinns, betrunkene Greise, die sich alljährlich selbst wiederwählen, die Klubkasse plündern und dem Spaß am Karneval in ihrem »Rheinland, einig Vaterland« satzungsgemäß den Garaus machen: »Wir sind der Verein.«

Solcher Klartext imponiert sogar manchem altvordern Konkurrenten. Inkognito besuchte Gisbert Brovot, 61, frischbestellter Präsident des Festkomitees Kölner Karneval, eine »Stunksitzung« und mußte feststellen: »Die Jungen machen das genau richtig. Karneval hat seinen Ursprung in der Auflehnung gegen die Obrigkeit, und den organisierten Betrieb repräsentieren nun einmal wir.«

Brovot, dessen diesjährige Tollität Prinz Hans-Jürgen I. noch Wochen nach der Amtseinführung selbst schlichte Grußadressen nur mit Souffleur aufsagen konnte, vermißt bei den Traditionalisten kummervoll »eine ganze Generation von Talenten«. Deswegen will er Neulinge im Büttenvortrag schulen, »Erbhöfe beseitigen und Verkrustungen aufbrechen«. Immer noch werden die klassischen Scherzbolde auf messeähnlichen Vortragsmarathons ausgesucht. Jedes Jahr dieselben.

Weil in den Knittelversen alter Schule »zuwenig Pfeffer« sei, rüttelt der »Gorbatschow im Festkomitee« (Becker über Brovot) sogar an einem Eckpfeiler der von Männern dominierten Konfetti-Paraden. Der Senior möchte keck die Närrin im Weib herauskitzeln, denn »wir wären töricht, wenn wir dieses Potential länger brachliegen ließen«.

»Bis in die späten siebziger Jahre«, sagt Wolfgang Pahde, Radio-Unterhaltungschef des WDR, »gab es in dieser Gegend so viel begabten Nachwuchs, daß wir manchmal bis zu zehn Veranstaltungen pro Session ins Programm nahmen.« Heute überträgt der Sender gerade noch eine einzige der vielen hundert Standard-Sitzungen, und auch die eher aus regional-patriotischem Pflichtgefühl. Der Karneval der Jungen ist dem Kölner Rundfunkmann dagegen in diesem Jahr erstmals zwei 90-Minuten-Sendungen wert.

Dabei verzichten die Redakteure allerdings auf einige ihnen heikel erscheinende, dafür besonders publikumswirksame Nummern. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen zum Beispiel ließ die »Stunk«-Karnevalisten bislang links liegen, nicht zuletzt wegen des provokanten Auftritts des Festausschusses, der vor einer Sauna-Kulisse zur Melodie von »Kölsche Mädscher, kölsche Junge sin dem Herrgott god gelunge« splitternackt schunkelt.

Im Radio-Zusammenschnitt fiel auch eine von Frivolitäten durchsetzte Darbietung närrischer Emanzen, die sich »Rheinisch-Unabhängiger Schriftstellerinnenverband« nennen und »Rushdie« abkürzen, der Zensur zum Opfer. Ihre satanischen Verse gingen den ums Seelenheil ihrer überwiegend katholischen Zuhörerschaft besorgten WDR-Mannen zu weit: »Der Domprobst treibt es unter Schmerzen mit den dicksten Osterkerzen.« f

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