Kirche Relaunch im Wohnpark
Staubwolken wirbeln umher, und Achim Plate zieht die Krawatte noch etwas fester. Dann stakst er vom Kasernenhof zu den Sandbergen der riesigen Baugrube hinüber. »In den Köpfen muß sich etwas tun«, sagt der Bauunternehmer, »damit hier niemand mehr an die Kasernen denkt.«
In nur fünf Jahren soll sich das Militärgelände im schleswig-holsteinischen Itzehoe zum »Wohnpark Klosterforst« verwandeln. »Damit das Projekt gelingt, müssen wir nach neuen Wegen auf dem Immobilienmarkt suchen«, sagt Plate, 36, der eine Viertelmilliarde Mark ausgeben will für 550 Wohnungen, ein Stadtteilzentrum, eine Kindertagesstätte - und einen Pastor.
»Nicht daß ich ein überaus religiöser Mensch bin«, gesteht der Investor, »die Leute sollen aber wissen, daß sie im Wohnpark gut betreut werden.« Dafür hat er Paul Kah, 41, engagiert - mit rund 100 000 Mark im Jahr unterstützt er die Arbeit des Pastors. Keine Spende, meint Plate, sondern eine Betriebsausgabe.
Eine Kirche für Kah wird es im neuen Viertel aber nicht geben: »Es geht mir nicht primär um Gottesdienste«, sagt der Pastor, »ich will die Menschen erreichen.« Geplant sind Kochunterricht für Männer und Computerkurse für Senioren. »Wir müssen die Leute da abholen, wo sie stehen«, erklärt Kah sein volkshochschulartiges Programm.
Wenn im Winter die ersten Mieter einziehen, will er sie gleich am Möbelwagen begrüßen, auch eine Adventsfeier mit der friesischen Musikgruppe Godewind ist vorgesehen. »Die Leute sollen sich hier geborgen fühlen«, sagt Kah, »mein Dienstherr bleibt aber der Probst.«
Allerdings muß Kah alle seine Veranstaltungen in Plates Multifunktionshalle mit dem Wohnpark-Investor absprechen - über die Finanzierung wird von Fall zu Fall entschieden. »Die Kirche muß sich endlich auch als Dienstleister verstehen«, erklärt der Pastor.
Das sehen mittlerweile viele evangelische Geistliche so und jonglieren mit Marketing-Begriffen wie »Kommunikations-Initiative«, »Corporate Identity« und »Private-Public-Partnership«. »Das Produkt Kirche braucht einen Relaunch«, fordert Pastor Thies Gundlach vom Arbeitskreis Kirche und Zukunft in Hamburg. »Unsere Konkurrenten auf dem Freizeitsektor schlafen nicht, und auch auf dem religiösen Markt ist es eng.«
Längst werden in vielen Städten Jugendweihen stärker besucht als der Konfirmandenunterricht, der Markt für konfessionslose Begräbnisbetreuer boomt, und Hochzeitsfeiern im fernen Ausland ersetzen die kirchliche Trauung.
Dabei seien gerade diese Amtshandlungen »die besten Werbeveranstaltungen«, meint Gundlach, »und die brauchen wir jetzt«. Denn allein von 1991 bis 1994 sind mehr als eine Million Mitglieder aus der evangelischen Kirche ausgetreten, und weniger Mitglieder heißt auch: weniger Geld. In der östlichen Landeskirche Berlin-Brandenburg etwa sanken die Einnahmen aus Kirchensteuern von 1994 auf 1995 um 16 Prozent.
So knapp bei Kasse ist die evangelische Kirche Deutschlands, daß jetzt sogar bei den Heizkosten gespart werden soll: Die Gläubigen könnten im Winter auch mit dicken Mänteln zum Gottesdienst kommen. Und wer kein Mitglied ist, soll zahlen - bis zu 600 Mark für eine Trauung oder Kindstaufe.
Vor allem die Personalkosten bedrücken die Landeskirchen: Wolfgang Huber, Bischof für Berlin-Brandenburg, will daher bis zum nächsten Sommer jede fünfte Pastorenstelle einsparen. Bis vor kurzem bekamen alle Theologen nach ihrem Studium eine Anstellung. Jetzt wird etwa in der Landeskirche Württemberg nur noch jeder zweite Studienabsolvent übernommen.
Vielen Theologen bleibt oft nur der Weg in die freie Wirtschaft, so wie Stefan Jepsen, der bei Debis arbeitet, einem Tochterunternehmen von Daimler-Benz. Dort soll er »berufsethische Impulse« auslösen, das Unternehmen »fit machen als Dienstleister für die Zukunft«, sagt Debis-Sprecher Rainer Knubben. »Mit Herrn Jepsen haben wir einen Knigge in unserem Team.«
Immer mehr Geistliche werden lernen, ihre Fähigkeiten marktwirtschaftlich einzusetzen, hofft der Professor für theologische Sozialethik in Marburg, Wolfgang Nethöfel. »Das sind dann qualifizierte Leute«, prophezeit er, »die der Kirche nützlich sein werden beim Wandel zum Dienstleister.«
Die Suche nach marktgerechten Angeboten und neuen Finanzierungsquellen ist in vollem Gang. In der Gemeinde Klein Ilsede bei Hannover sollen zunächst 10 000 Mark, später 30 000 Mark jährlich gesammelt werden, um Pastor Helmut Kirschstein zu bezahlen. »Natürlich ist das für Spender eine Möglichkeit zur Werbung«, sagt Kirschstein, weshalb er größere Geldgaben für bedenklich hält: »Die Freiheit der Verkündigung wäre gefährdet.«
In Hamburg wurde deshalb das Selbstfinanzierungsprojekt einer Gemeinde verboten. »Der Pastor denkt irgendwann nur noch an die Spenden«, begründet Probst Karl-Günther Petters seine Entscheidung. »Und was wird, wenn eines Tages nicht mehr genug Geld zusammenkommt?«
In Itzehoe liegt die Frage noch in weiter Ferne. Für fünf Jahre hat der Bauunternehmer seine Unterstützung versprochen - bis alle Wohnungen bezogen sind. »Was dann kommt, weiß ich auch nicht, wir leben von der Hoffnung«, sagt Pastor Kah - und grient seinen Sponsor von der Seite freundlich an.