Reportage Erste Hilfe im Gasthaus
Brühl - Verbogene Eisenbahnwaggons, Tote, Schwerverletzte und unzählige Trümmerteile: Im idyllischen Brühl bei Köln wurde in der Nacht zum Sonntag der Horror schreckliche Wirklichkeit. Kurz nach Mitternacht entgleiste der Nachtexpress "D 203" von Amsterdam nach Basel in der Bahndurchfahrt. Die 80 Tonnen schwere Lok pflügte neben dem Gleis durch die Erde und kam erst auf der Terrasse eines Wohnhauses zum Stehen. Waggons wurden quer über Bahnsteige gedrückt. Etwa 300 Menschen waren im Zug. Viele wurden im Schlaf von der Katastrophe getroffen. Vermutlich sieben von ihnen verloren an diesem frühen Sonntagmorgen ihr Leben, 20 Reisende wurden schwer verletzt.
Zur selben Zeit und nur wenige Meter entfernt herrschte im "Brauhaus am Schloss" ausgelassene Stimmung. In den holzgetäfelten Sälen ließen sich etwa 50 Nachtschwärmer, darunter einige Ärzte, das Bier schmecken. "Es war ein lautes Rattern zu hören, dann war Ruhe", erzählt ein Kellner. Erst allmählich sei klar geworden, dass sich quasi vor dem Haus eine Katastrophe abgespielt hatte. Reisende stürzten Hilfe suchend in die Gaststätte. Die Ärzte sprangen auf und eilten zur Ersten Hilfe. Wenig später heulten bereits die Sirenen der ersten Rettungswagen.
Unter dem Wandbild einer Brühler Festgesellschaft von 1878 wurden auf den Tischen Blutungen gestillt und erste Diagnosen gestellt. Der leitende Notarzt Heinz-Albert Brüne sprach von einem großen Glück, dass das Lokal als Erstversorgungsstätte genutzt werden konnte. Die Reisenden, unter ihnen viele junge Leute aus den Niederlanden, Frankreich, Italien und dem englischsprachigen Raum, wiesen alle denkbaren Verletzungen auf. Kopfwunden, Brustkorbverletzungen, offene Beinbrüche mussten versorgt werden.
Der weitläufige Park zwischen Gaststätte und Schloss Augustusburg wurde binnen kurzer Zeit von Rettungskräften besiedelt. Bereits zehn Minuten nach den ersten Notrufen war ein Feuerwehrteam vor Ort. Ihm folgten mehr als 300 Kollegen, hunderte Polizisten und Beamte von Bundesgrenzschutz und Angehörige des Technischen Hilfswerks. Zur Suche der Opfer in der Dunkelheit eilte auch eine Hundestaffel des Deutschen Roten Kreuzes herbei. Hubschrauber flogen Schwerverletzte in Krankenhäuser. Den Helfern bot sich ein grausiges Bild, denn einige Opfer waren stark verstümmelt.
Als der neue Tag in Brühl anbrach, wurde klar, dass die Anwohner an der Bahnstrecke nur knapp einer noch größeren Katastrophe entgangen waren. Der Nachtzug war nach dem Entgleisen an einer Baumreihe vor Wohnhäusern entlang geschrammt. Die aus dem Schlaf gerissenen Anwohner nahmen zahlreiche Zuginsassen, die sich selbst aus den Waggons gerettet hatten, in ihren Wohnzimmern auf und versuchten sie zu beruhigen. Einige Verunglückte irrten samt Gepäck durch die Stadt. "Ich bin aus dem Fenster gesprungen und habe gleich nach meinen Freunden gesucht", sagte ein junger Mann. Alle seien Gott sei Dank unverletzt.
Volker Danisch