Rettungseinsatz in Pakistan Ein Wimmern? Ein Klopfen?
Islamabad - Nirgendwo in Islamabad ist es so leise wie an den Margala Towers. Tausende Menschen stehen um einen riesigen Trümmerberg herum. Flutlichter erleuchten die Szenerie. Kein Auto hupt, nicht ein Mobiltelefon klingelt. Wer sprechen muss, tut das flüsternd. Nur ab und an zerreißt ein Schrei die Stille. "Silence, no movements", brüllt ein Verkehrspolizist. Er steht auf der Ruine des Towers, reißt die Arme mit den langen weißen Handschuhen in die Höhe.
Was der gellende Schrei zu bedeuten hat, weiß hier mittlerweile jeder. Irgendjemand aus dem rund 20-köpfigen Rettungsteam hat etwas aus den Trümmern gehört. Ein Rascheln. Ein Wimmern. Oder einfach nur ein dumpfes Klopfen. "Jeder Laut kann ein Lebenszeichen sein", sagt Hassan Afridi von der pakistanischen Armee. Seit drei Tagen arbeitet Afridi mit seinen Männern in den Trümmern der Margala Towers. Seit gestern haben sie Unterstützung von einem britischen Rettungsteam. Drei Menschen zogen sie gestern aus dem Schutt. Alle von ihnen waren bereits tot. Trotzdem wollen sie weitermachen. "Was bleibt uns anderes", sagt Afridi.
Wo einst das Margala-Appartement-Gebäude stand, erinnern heute nur noch die massiven Etagenplatten aus Beton an die Zeit vor dem Beben. Wie eine zusammengedrückte Hochzeitstorte liegt das Gebäude am Grund. Spitze Metallstangen ragen aus dem Gemisch aus Betonbrocken, Möbeln und Glasscheiben. Bunte Kleidungsstücke blinken aus dem grauen Haufen. Irgendwo dazwischen sind Hunderte Menschen verschüttet und getötet worden. Wie viele es sind, kann niemand sagen. Leichengeruch verheißt nichts Gutes. Soldat Afridi will sich davon nicht abschrecken lassen. "Wir müssen weiter hoffen", flüstert er durch seinen Mundschutz. Dann schaufelt er weiter.
Hilfe, auf die das Land wartet
Die Arbeit der Retter ist mehr als schwierig. Am Abend haben sie einen kleinen Tunnel in den Schuttberg gegraben. Die schweren Geräte sind abgestellt. Zu gefährlich ist es, mit Baggern in dem Schutt zu graben, meinten die britischen Experten. Stein für Stein tragen sie nun die Reste des Hauses ab, verharren wieder in Stille und graben dann vorsichtig weiter. Ob die Geräusche nur herabfallende Steine oder kleine Stöße in dem Trümmerberg sind, wissen sie nicht. Jeder Laut wird ernst genommen. Stunde für Stunde, in zwei Schichten. Seit Stunden haben sie niemanden mehr lebendig gerettet, doch immer wieder hoffen sie.
Die Szenerie ist ein Beispiel für die Mammut-Aufgabe überall im Land, wo Menschen Tag und Nacht nach Überlebenden suchen. Die bisherige Zahl der Toten von 30.000 wächst mit jedem Tag, mit jedem untersuchten Gebäude. Gleichwohl haben die Helfer in der Hauptstadt wohl die beste Ausrüstung im ganzen Land zur Hand. Mit Hunden, Sonargeräten und Baggern sind sie mehr oder weniger gut ausgestattet. In den meisten anderen Teilen des Landes ist das anders. Auch wenn die Rettungs- und Bergungsmaßnahmen langsam greifen und Hunderte von Rettern aus aller Welt eintreffen. Bisher ist die Hilfe in den meisten vom Erdbeben verwüsteten Gebieten nicht angekommen. Es fehlt an Hubschraubern und schwerem Gerät, mit dem die Straßen geräumt werden könnten.
So nah wie an die Towers in Islamabad kommen die Retter in den ländlichen Regionen meist nicht heran. Große Teile Kaschmirs haben sie bisher nur aus der Luft gesehen. Ganze Trupps arbeiten Tag und Nacht an zerstörten Straßen, um in den nächsten Tagen Hilfe und Medizin in den Norden bringen zu können. Bis dahin werden in den abgeschnittenen Gebieten noch viele Menschen sterben - einige an ihren Verletzungen, andere schlicht an Hunger oder aufgrund des beginnenden Winters.
Warten auf ein Zeichen
In Islamabad wirkt die Hilfe dagegen fast perfekt organisiert. Neben der Unfallstelle hat die Stadtverwaltung ein Zelt mit mehreren Mitarbeitern aufgestellt. Gleich daneben stehen Stühle für die Wartenden bereit. Ständig bringen Freiwillige Wasser und Essen für sie und die Helfer. Auf einem Laptop aktualisiert ein Mitarbeiter der Stadt die Vermissten-Listen. Am Abend schickt er die Namen an die Zeitungen. Am Montagabend gegen acht Uhr standen 36 Menschen auf der Liste - auch wenn niemand weiß, wie viele Menschen wirklich in den Margala Towers waren.
Ahmed Humayun wartet seit drei Tagen auf ein Geräusch der Hoffnung. Als er am Samstag über Radio in Karatschi von dem Unglück erfuhr, flog er sofort in die Hauptstadt. Bis heute aber hat er von seinen Eltern kein Lebenszeichen bekommen. Im achten Stock bewohnten die beiden ein Appartement. "Um die Zeit werden sie sicherlich zu Hause gewesen sein", sagt Humayun, "doch vielleicht haben sie ja trotzdem überlebt". Wie lange der 60-jährige Geschäftsmann mit seiner Frau ausharren will, weiß er noch nicht. "Was sollen wir sonst machen", flüstert er nach einer neuen Ermahnung zur Stille, "wir hoffen und beten und bereiten uns auf das Schlimmste vor."
Humayun ist wie viele hier sauer auf die Hausbesitzer. Bei den Margala Towers handelte es sich keineswegs um eine Unterkunft für Arbeiter oder Arme, der Tower war kein marodes Gebäude. Das Haus liegt mitten im einem der reichsten Stadtteile. Hier standen Wächter vor den Eingängen, die Gärten um die Parkplätze wurden täglich gewässert. Fast alle hatten Bedienstete. Warum das Gebäude trotzdem als einziges in der Hauptstadt über seinen Bewohnern kollabierte, soll nun eine Klage klären. Lokale Medien berichten schon jetzt, dass Bauauflagen bei der Fertigstellung in den neunziger Jahren aus Kostengründen missachtet wurden.
Ein kleines Wunder mitten in der Nacht
Kurz vor Mitternacht meinen Retter wieder etwas gehört zu haben. Aufgeregt bittet der Verkehrspolizist um absolute Ruhe. Mit Lampen und einem Wärmesensor tasten sich die Helfer in den selbstgebauten Tunnel vor. Erst ist es ein Wimmern, dann hören sie Stimmen. Es dauert noch mehrere Stunden, bis sie zu einer Mutter und ihrem zweijährigen Kind vordringen können. Beide sind am Leben und es geht ihnen einigermaßen gut. Drei Tage haben sie in den Trümmern überlebt. Wenig später wird sogar der Vater gefunden.
In Islamabad verbreitet sich die Nachricht innerhalb von wenigen Stunden. Tausende rund um die Margala Towers haben seit Mitternacht wieder ein bisschen Hoffnung. "Wenn die beiden überlebt haben, müssen doch noch weitere lebend dort unter dem Schutt liegen", hofft auch Ahmed Humayun. Wie er werden nach dem kleinen Wunder von Islamabad viele rund um den Schuttberg verharren, bis auch der allerletzte Stein abgetragen worden ist.