Rio de Janeiro Prinzessin im Elendsviertel
Senhor Aroldo, Bäcker einer Favela in Rio, ist ein schmaler, flinker Mann mit Pomade im gelichteten Haar. Einer, der sein Leben lang hart gearbeitet hat. Nun, mit einem eigenen Laden, einer schmalen Bretterbude, in der man außer Brötchen auch noch Plastikkämme, Coca Cola und Wimpel des Fußballclubs Flamengo kaufen kann, lässt sich sagen: Aroldo hat es geschafft. Und wie sehr er es geschafft hat, bewies er mit am 15. Geburtstag seiner Tochter Naranja.
Senhor Aroldo mietete eine "Casa de Festa", ein Fest-Haus im feinen Tijuca-Park und lud 1000 Freunde aus der Favela ein. Diese hatten an einem riesigen goldgerahmten Porträt von Töchterchen Narajana vorbei zudefilierten, und ihre Reverenz durch eine Unterschrift, einen frommen Spruch oder, die Analphabeten, durch ein "XXX" zu erweisen, bevor sie sich vor der Jubilarin persönlich verneigen durften.
Eine Band spielte am schimmernden Swimmingpool. Die Tische bogen sich vor Pasteten, Süßkram und Getränken. Dann wurde ein Video gezeigt, das - im besten MTV-Clip-Stil - alle Vorzüge Narajanas zeigte: Man sah sie als Nixe am Strand, im nassen T-Shirt und im Tanga, auf einer Trekking-Tour in den Bergen, und abschließend in einem Helikopter beim Flug über den Zuckerhut.
Narajana, kostümiert wie eine Prinzessin in weißen Schwanenschleppen, umringt von jungen "Hofdienerinnen" in blauem Taft, nahm die Huldigungen der bestellten Fest-Redner auf einem Thron aus Gold und Purpursamt entgegen. Sogar ein semiprominentes Gesicht aus einer Tele-Novela war gekommen, um dem Teenager seine Aufwartung zu machen - TV-Stars lassen sich gerne für ein Stündchen anmieten, die Honorare sind gut.
Die Redner besangen Narajanas Tugenden - Schönheit, Ehrlichkeit, Strebsamkeit, Gehorsam, eine reine Seele, die ihren Eltern jeden Tag Anlass zu Jubel und Verzückung bietet - in derart ergreifenden Wendungen, dass die 15-Jährige nicht nur das Kaugummi-Kauen einstellte und verdutzt den Kopf neigte, sondern bald der ganze Saal von Schluchzern der Rührung erfüllt war. Kurz: In einer Disney-Märchen-Kitschorgie kann nicht rauschender gefeiert werden, als es an diesem Abend unter der Regie von Aroldo getan wurde.
Ganz offensichtlich gehören Biathlon oder Rodeln nicht zu den Stärken der Brasilianer, aber wenn es eine Olympiade für Feste gäbe, wären die Einwohner Rios, die Cariocas, eindeutiger Favorit auf die Goldmedaille.
Dabei ist jetzt nicht die Rede von den unzähligen offiziellen Festen, zu denen politische Jubiläen, der Kirchenkalender oder die afrikanische Götterwelt Anlass bieten - vom Routine-Taumel des Karneval und den improvisierten Grillpartys am Strand ganz zu schweigen. Nein, hier geht es um Betriebsfeiern oder Geburtstage, das graue Einmaleins der Jedermanns-Fest.
Eine ganze Industrie lebt davon: Rio de Janeiro ist überzogen mit einem Netz solcher Casas de Festa - die der Mittelstand mietet, um den Freunden zu zeigen, dass man viel Geld verdient. Die Festhäuser sind so praktisch wie Love-Motels, von denen es ebenfalls Tausende gibt: Man lagert das Vergnügen aus der eigenen Wohnung aus. Im Fall der Love-Motels - Rios Ehebruch-Quote liegt bei 70 Prozent - ist das Ziel die größtmögliche Diskretion. Im Fall der Casas de Festa ist der Zweck die größtmögliche Öffentlichkeit, denn Hunderte Gäste im eigenen Appartement zu bewirten, wäre selbst bei Bewohnern des noblen Stadtteils Ipanema ein Problem.
Beliebter Feier-Anlass sind Kindergeburtstage - der Mittelstand vergöttert das Kind, lässt es von Nannys verwöhnen und pampern, bis in die Pubertät hinein. Entsprechend viele Casas de Festa gibt es, die sich auf Kindergeburtstage spezialisiert haben. Hier also werden die Kinder des Bürgertums von Kellnern empfangen, die ihnen Limonade und Schoko-Kugeln auf Silber-Tabletts reichen. Neben ihnen steht der Gastgeber, sagen wir der sechsjährige Paulo, und sammelt die Geschenke ein, die er an die lächelnden Eltern weiterreicht, die begeistert sind und sie gleich zu jenem großen Haufen tragen, der stetig und stolz zur Decke wächst.
Die Kids stopfen die herumgereichten Delikatessen mit einer gewissen Hast in sich hinein, denn das Feierprogramm ist dicht gedrängt. Im ersten Stock wartet eine Batterie von Video-Spielen, die von den Jungen bevorzugt werden. Die Mädchen werden derweil von Hostessen in eine Requisiten- und Schmink-Kammer geführt, wo sie sich nach Wunsch entweder in Cinderella oder in die gerade aktuellste Hitparaden-Maus verwandeln können.
Dann treten die Animateure auf, durchtrainierte Dompteure von unerschütterlich guter Laune, die mit den rund 50 Kids - soviel sind meistens dabei - ihren Stimmungs-Krimskrams veranstalten, während die Eltern an der Bar ihre Gespräche genau dort fortsetzen, an denen sie am Vortag abgebrochen werden mussten. Durch die vielen Bekanntschaften der Kinder, an der Schule, in der Nachbarschaft, haben die Knirpse - und entsprechend auch deren Eltern - oft den Termindruck eines Kanzlerkandidaten zu Wahlkampfzeiten: Fast jeden Tag werden sie zu einer Party gebeten. Zu den Festen kommen die Mütter und stets drei bis vier Väter, die in Trennung leben, und dort, auf dem Geburtstag, eine endlose Auswahl gutaussehender, junger Mütter vorfinden, die sich gerade ihrerseits überlegen, ob sie sich nicht trennen sollten von dem Langeweiler, der ihnen die Abende vermiest.
Neigt sich das Fest dem Ende zu, kreischen fünfjährige Mädchen in der Kinderdisko die Songs des Tages, während sich die Jungs auf den Trampolins oder den Fußballfeldern auf dem Dach der Casa abturnen. Zum Schluss versammelt man sich um einen langen Tisch, auf dem die Geburtstagstorte steht, singt das brasilianische "Happy Birthday", das hier "Parabens pra voce" heißt, und jedes der Kinder nimmt ein Geschenk des Gastgeberkindes entgegen.
Dass Kinder-Feste in Rio das Friedens-Pendant zur Atombombe sind, eine einschüchternde Imponiergebärde, mit denen der Mittelstand demonstriert, dass er es geschafft hat, hat indes keiner so gut begriffen wie Senhor Aroldo, der Bäcker der Favela. Sein Fest zeigte den feinen Pinkeln in den Luxusvillen nebenan, was eine Harke ist. Senhor Aroldo, der jeden Morgen um vier Uhr aufsteht, um 12 Stunden lang zu ackern, hat sich die Fete für seine Tochter rund 15.000 Euro kosten lassen. Er hat seine Lebensersparnisse nicht auf die Bank getragen, nicht in die Privat-Schule oder ein Auto oder etwas anderes "Vernünftiges" investiert. Er hat das Geld buchstäblich verbrannt, verglühen lassen in tausend Funken, wie eine der Feuerwerks-Raketen, die zum Schluss des Festes im Nachthimmel explodiert sind.
Vor seiner Tochter, vor seinen Freunden aus der Favela, vor all den Taxifahrern, Hausangestellten, Näherinnen hat er damit bewiesen, dass die Snobs der Umgebung zu übertrumpfen und daher überhaupt nichts Besonderes sind. Und weiterhin, dass es nichts Kostbareres gibt als ein paar Stunden der Verklärung, das Lachen auf dem Gesicht seines eigenen Kindes und die Bewunderung durch ihre Freunde. Unverantwortlich? Ganz sicher. Aber: Was für eine Nacht! Die Goldmedaille in der Einzelwertung also für Senhor Araldo, den Favela-Bäcker, in dieser ganzjährigen, ewigen Olympiade der Feste Rio de Janeiros.