Robbenjäger in Seenot: "Ihnen wird allmählich bange" - DER SPIEGEL
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Robbenjäger in Seenot "Ihnen wird allmählich bange"

Was sich da vor Neufundland abspielt, ist eine Katastrophe, auf die die Welt normalerweise mit Mitleid schauen würde: Bis zu 500 Seeleute sitzen im Packeis fest, sie bangen um ihr Leben, ihnen gehen die Vorräte aus. Doch die Solidarität hält sich in Grenzen: Es geht um Robbenjäger.
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Das zumindest vorläufige Ende der diesjährigen Robbenjagdsaison vor Kanadas Küste begann Mitte vergangener Woche mit einem ungewöhnlich starken Nordostwind. Er drückte treibende Packeismassen in Richtung Neufundland und Labrador, schichtete die Schollen auf, komprimierte das Eis zu einer geschlossenen, festen Masse und hob dabei Fischerboote und Robbenfänger aus dem Wasser. Manche kippten und dürften sinken, wenn sich das Eis zurückzieht; manchen drückten die Eismassen die Bordwände ein. Über 100 Schiffe waren Mitte der Woche im Packeis gefangen, mit rund 500 Mann Besatzung.

Fünf der am schlimmsten beschädigten Boote wurden inzwischen evakuiert, doch das ist nicht leicht. Das extreme Wetter hält an, jede Rettungsaktion ist auch für die Helfer lebensgefährlich. Eine nicht geklärte Zahl von Booten wurde von ihren Besatzungen aufgegeben, die auf Booten unterkamen, die in der Nähe feststeckten. Auch darum gehen vielen Besatzungen nun Verpflegung und Brennstoff aus, denn der größte Teil der Flotte war auf dem Weg in die Häfen. Ihre Schiffe sind die, die am stärksten betroffen sind, erklärte Brian Penney von der kanadischen Küstenwache der "Canadian Press": Je schwerer die Ladebuchten beladen waren, desto tiefer hingen die Boote im Wasser, was das Risiko der Beschädigung durch das drückende Packeis erhöhe.

Die Situation der Boote überwacht auch Merv Wiseman von der Newfoundland Search and Rescue Association, einer auf Nothilfe spezialisierten Freiwilligenorganisation: "Wir haben 24 Fälle mit zahlreichen Sicherheitsproblemen. Die Besatzungen stehen unter erheblichen Druck und brauchen Hilfe verschiedener Art."

Zumal sich deren Haft im Eis länger hinziehen könnte, als zuletzt gehofft. Am Freitag kündigte sich zwar ein Wetterwechsel mit einem echten Umschlagen des Windes an. Bereits Freitagabend sprach Penney davon, dass ein "Nachlassen des Druckes" festzustellen sei und man bis Sonntag auf "ein bisschen Südwestwind" hoffen könne, der die Eismasse "ein kleines bisschen wegbewegen" könne.

Was nach nicht mehr als einem kleinen bisschen Hoffnung klingt - oder Zweckoptimismus? Denn auch Penney weiß, dass diese Sache "längst noch nicht vorbei" ist, wie er in Kanadas CBC-News erklärte: "Auch wenn der Druck des Eises nachlässt und wir damit beginnen, die Boote zu bewegen, sind die Bedingungen immer noch heftig. Alle diese Boote werden Eskorten brauchen, Hilfe durch Schlepper oder andere Hilfeleistungen, je nachdem, wie stark die Schäden sind, die sie durch den andauernden Druck durch das Eis erlitten haben."

Zumal sich nun abzeichnet, dass selbst bei einem Wetterwechsel die Eisdecke in weiten Gebieten noch bis Donnerstag nächster Woche halten könnte.

Zerdrückte Bordwände, abgerissene Schrauben

Es sind 17 Boote mit rund 70 Robbenjägern, die den Rettern die meisten Sorgen bereiten: Sie gelten zurzeit als die am stärksten beschädigten Boote, mit eingedrückten Bordwänden oder abgerissenen Schiffsschrauben. Kein einziger der Kapitäne hatte um Evakuierung gebeten, obwohl einige Besatzungen die Boote aufgaben und Unterschlupf auf anderen, weniger stark betroffenen Booten fanden.

"Wir fordern sie dazu auf, ihre Notlage zu erklären und um Rettung zu bitten", erklärt Christopher Fitzgerald von der kanadischen Küstenwache, "und dann schicken wir einen Hubschrauber, um sie da raus zu holen. Aber sie wollen nicht. Für sie geht es um ihre Lebensgrundlage. Die bleiben lieber auf ihren Booten. Wenn das Boot zerdrückt wird, retten sie sich aufs Eis."

Die Besatzungen von zehn ersten Booten, die die Küstenwache am späten Freitagabend in einen Hafen von Neufundland ziehen konnte, zeigten sich erleichtert über ihre Rettung. Obwohl das Feststecken im Packeis nichts Ungewöhnliches ist in der Robbenjagdsaison, erschreckte sie das Ausmaß und die Wucht der Packeisdecke. Durch die hohe Zahl betroffener Boote im Verbund mit den anhaltend schwierigen Wetterverhältnissen sind die Kapazitäten der Rettungskräfte überfordert.

Ein Kapitän, den das Eis bereits vor zwölf Tagen beim Auslaufen erwischte und der nun ohne Fang in den Hafen zurückkehrte nannte das "eine Erfahrung, die man nicht zweimal erleben muss". Die Szenerie sei unwirklich gewesen, es habe kein Wasser mehr gegeben, nur Eis. Trotz des relativ glücklichen Ausganges sei das alles für ihn eine Katastrophe: Im letzten Jahr habe er 50.000 kanadische Dollar mit der Jagd verdient, "was eine Menge ist, wenn durch die Fischerei gar nichts mehr reinkommt".

Die kanadische Regierung hatte in diesem Jahr 270.000 Robben zum Abschuss freigegeben - eine Jagd, die jedes Jahr von weltweiten Protesten begleitet wird. Rund 200.000 Robben sollen bereits erschlagen worden sein, ein nicht unerheblicher Teil dieses Fangs dürfte verloren gehen. Trotz Einfuhrverbote für Robbenfelle in den USA und der EU ist die international umstrittene Jagd noch immer ein lukratives Geschäft. Die Jäger bekommen rund 57 Euro pro Fell. Abnehmer sind die Modeindustrie in Norwegen, Russland und China.

Die typischen Fangboote der Robbenjäger sind 11 bis 18 Meter lang und haben eine Besatzung von drei bis acht Personen. Die meisten der rund 100 Boote wurden am Freitag letzter Woche in einer weit auseinandergezogenen Zone 80 bis 100 Kilometer vor der Küste Neufundlands vom Packeis eingeschlossen. Extreme Wetterbedingungen verhinderten selbst das Durchkommen von Eisbrechern: Der nun in die Rettung der ersten zehn Boote involvierte Eisbrecher hatte sich erst am Donnerstag selbst befreien können.

pat/AP