SPEKTAKEL Rollende Köpfe
Gernot Bohnenberger stülpt seinem kleinen Bruder Wolfram eine Kiste über den Kopf, dreht ihm dreimal den Hals um und rammt schließlich vier Messer in Wangenhöhe in den Kasten. Dann klappen die Seitenwände der Kiste herunter - der Kopf ist weg. Wolfram Bohnenberger zappelt auf dem Stuhl, sein Bruder winkt von hinten durch das Nichts über dem Hals.
»Die Entwicklung des Effekts hat soviel gekostet wie ein Kleinwagen«, verrät Gernot Bohnenberger vom Stuttgarter Zauberduo »Junge, Junge!«. Mit der Nummer sind sie Titelfavoriten bei der Weltmeisterschaft der Magier, die diese Woche im Dresdner Kulturpalast stattfindet. 163 Zauberkünstler aus 25 Ländern tricksen und gaukeln beim 20. Weltkongreß der Magierverbände um die Wette.
Die Zauberkünstler treten in acht verschiedenen Disziplinen von Mikromagie bis zur Großillusion an. Allerhand Federvieh wird unerwartet aus Kopfschmuck flattern, reichlich werden Karten aus Ärmeln rutschen. Die Magier werden Billardkugeln aus dem Mund und Kerzen aus dem Nichts hexen. Mit Spiegeln, Fäden und blitzschnellen Fingern werden sie Sinne und Logik überlisten, und doch wird den Kollegen nur selten der Atem stocken. Die Jury weiß, wie der Trick geht. Es kommt darauf an, wie gut er vorgeführt wird.
Doch seit die Computertechnologie große Effekte wie die Dinosaurier-Szenen in dem Film »Jurassic Park« serviert, erscheinen die Bühnentricks vieler Zauberer nur noch wie liebenswerte Fossile der Täuschungskunst. Die Leute glauben keine Illusionen mehr, wenn sie nicht als Wunder verkauft werden. David Copperfield, der Mega-Zauberer des Jahrzehnts, hat das Staunen großformatig abgeerntet. Die meisten Konkurrenten mußten vor dieser Aufrüstung der Illusion kapitulieren.
Nur wenige Großillusionisten können mit den Millionen Dollar teuren Trugbildern von Copperfield konkurrieren, der gar nicht erst am Weltkongreß teilnimmt. Während er den Traum vom Fliegen auf der Bühne verwirklicht, sägt die europäische Konkurrenz noch an Jungfrauen. Der Dresdner Kongreß spiegelt das Dilemma der ungleichen Mittel. Im Schatten der Superstars etablierten sich ein paar Dutzend Showkünstler mit Low-Budget-Programmen, die ein kleines Publikum begeistern können. Doch ihre Programme müssen brav sein, damit auch Firmen sie buchen.
Viele junge Zauberkünstler versuchen daher das Image des befrackten Zauberspießers mit Mittelscheitel loszuwerden. Sie setzen auf Schockeffekte. Sie stechen sich die Augen mit Nadeln aus oder zaubern Eier und Bockwürste aus dem Hosenschlitz. Auf dem Kongreß werden sogar Köpfe rollen. »Zauberer mit Tieren werden neue Kunststücke ersinnen, bei denen Tierschützern der Frosch im Hals stecken- bleibt«, prophezeit der amtierende Deutsche Meister der Großillusion, Frank Musilinski, 34, der beim Wettbewerb eine Jungfrau vierteln wird.
Dem Sieger des Kongresses winkt der Grand Prix. Ein Titel ohne Preisgeld, dennoch unbezahlbare Rampe für die Showkarriere. Der amerikanische Weltmeister von 1982 in Lausanne, Lance Burton, bekam eine eigene Show in Las Vegas, dazu einen 13-Jahres-Vertrag mit 100 Millionen Dollar Gage.
Die Karriereaussichten für deutsche Durchschnittstrickser sind gering. Die meisten Berufszauberer müssen zufrieden sein mit höchst bescheidenen Aufträgen wie dem, irgendwelche Messegäste über die magische Linie zu hexen, an der der Teppich des Messestandes beginnt. Oder sie ziehen bei Kindergeburtstagen Hasen aus alten Hüten und bluffen mit Trick 17 zwischen Kleinwagen in Autohäusern.
Ein Star der deutschen Zauberszene und Titelaspirant ist der Münchner Jörg Alexander Weber, 33. Der amtierende Deutsche Meister der Karten- und der Mentalmagie sah im Alter von sieben Jahren seinem Onkel zu, wie der sich eine Münze in den Unterarm rieb, seither übt er täglich. Er hält die Karten, als hätte er ein Küken in der Hand. Die etwas zu groß geratenen Augen braucht er, um die Blicke der Beobachter einzufangen, damit sie nicht auf seine Hände fallen.
Auf der Weltmeisterschaft wird er einen Trick vorführen, bei dem sich ein Zuschauer irgendeine Karte aus dem Stapel einprägt. Plötzlich ist eben diese Karte verschwunden. Ein Bote bringt ein versiegeltes Kuvert, ohne daß sich Weber von der Bühne bewegt hätte. »Das kann nicht sein«, wird der Proband stutzen, »im Kuvert ist genau die Karte, an die ich gedacht habe.«
»Die Leute glauben, sie könnten sich frei entscheiden«, sagt Weber. Tatsächlich manipuliert er sie. Hat sich ein Zuschauer beispielsweise für eine Karte entschieden, verraten ihn seine Augen.
Beim letzten Weltkongreß im japanischen Yokohama vor drei Jahren holte erstmals seit 30 Jahren ein Deutscher den Grand Prix: Als damals 18jähriger Schüler schlidderte Frank Schmidt alias »Franklin« im Elvis-Outfit über die Bühne, ließ Schnuller durch die Gegend wirbeln und ein Radiogerät unverhüllt verschwinden.
Das große Geld hat er nicht gemacht. Inzwischen wandelte sich der süße Zauberlehrling zum schnöden Moderator der RTL-2-Teeniesendung »Heart Attack«. Nur gelegentlich drückt er sich noch eine lange Nadel durch den Arm, um den Kids vor der Glotze zu zeigen, wie zaubernde Jungs frostigen Mädels ihre Liebe beweisen.