Rom: Ruhe nach der Invasion der Pilger - DER SPIEGEL
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Rom Ruhe nach der Invasion der Pilger

Eine Stadt atmet auf: Die Präsidenten und Papaboys haben Rom verlassen. Nachdem Millionen Menschen in den vergangenen Tagen die italienische Hauptstadt überschwemmt haben, kehrt jetzt wieder Ruhe ein. Selbst im Vatikan herrscht touristischer Alltag am Tag danach.
Von Dominik Baur
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Rom - Zum Glück hatte das Wetter - oder vielleicht doch sein Vorgänger Petrus? - ein Einsehen. Der Regen begann erst zwei Stunden nach dem Begräbnis von Johannes Paul II. Und hielt bis heute an. Nur der Wind hatte dafür gesorgt, dass es bei der größten Trauerfeier aller Zeiten etwas frisch war. Mit den Soutanen der Kardinäle trieb er Schabernack, das Buch der Bücher auf dem Sarg klappte er, nachdem er eine Weile durch die Seiten geblättert hatte, ganz zu.

Doch der Begeisterung der Massen Abbruch zu tun, das schaffte auch das kühle Lüftchen nicht. Die Millionen Fans von Johannes Paul II. jubelten ihrem toten Idol zu und beantworteten gestern auf beeindruckende Weise die überhebliche Frage, die einst Stalin stellte: "Wie viele Divisionen hat der Papst?" Doch der Sowjetführer hatte auch nicht Karol Wojtyla vor Augen, als er vom Papst sprach.

Nun gehört Rom wieder den Römern. Der allergrößte Teil der bis zu vier Millionen Pilger, die zu dem Begräbnis in die Ewige Stadt gekommen waren, hat sich bereits gestern Nachmittag wieder auf die Heimreise gemacht. Am Ufer des Tibers, gegenüber von der Engelsburg, steht noch ein letzter der polnischen Reisebusse, die die Pilger aus der Heimat des Papstes zum Vatikan gebracht hatten.

Ansonsten hat sich die Menge der Fremden in der Stadt wieder in der üblichen Größenordnung eingependelt. Am Petersplatz hat sich die Lage über Nacht ebenfalls normalisiert. Der Müll, den Hunderttausende hinterlassen haben, ist am Vormittag schon fast gänzlich beseitigt worden. Arbeiter bauen die letzten Absperrungen und Tribünen ab. Am Obelisken in der Mitte des Platzes ist gerade die Müllabfuhr am Werk. Ein Mann schaufelt Kerzen, Blumen und Wasserflaschen in sein kleines Müllauto. Auch zahlreiche Fahnen, die die Pilger aus den verschiedensten Ländern nicht mehr mitnehmen wollten, stehen hier. Eine polnische Touristin fischt sich noch schnell ein paar unbeschädigte rote Plastikrosen aus dem Haufen.

Auch der Verkehr rollt wieder durch die zum Petersplatz führende Via Conciliazione, in der fast eine Woche die Pilger aus aller Welt Schlange standen, um dem Pontifex die letzte Ehre zu erweisen. 1,4 Millionen Menschen, heißt es heute im italienischen Innenministerium, seien in diesen Tagen an dem aufgebahrten Leichnam vorbeidefiliert.

Jetzt reicht die Schlange derer, die in den Dom wollen, nicht einmal bis in die Mitte des Petersplatzes. Und trotz der Sicherheitskontrollen, die die Besucher passieren müssen, bewegt sie sich schnell voran. Das Grab des gestern beerdigten Papstes können sie jedoch heute nicht sehen. Erst am Montag öffnet der Vatikan seine Krypta wieder für Besucher. Es sind Touristen, die hier Schlange stehen, keine Papaboys oder -girls, wie sich die jugendlichen Fans des Papstes nennen, die in den letzten Tagen den Vatikan zu einem Festival des Glaubens besucht hatten.

Im Kirchenstaat haben derweil die Novendiali begonnen, die neuntägigen Trauerfeiern. Täglich wird im Petersdom eine Messe für den toten Papst zelebriert, während hinter verschlossenen Türen bereits der Countdown zum Konklave begonnen hat. Die Kardinäle zerbrechen sich nun den Kopf über einen Nachfolger von Johannes Paul II. Ab dem 18. April begeben sich die Kirchenführer dann in die Sixtinischen Kapelle, um den Nachfolger Karol Wojtylas zu bestimmen. Solange sie tagen, bleiben die Zugänge vermauert.

"Grazie!" Ganz einfach nur "Danke" steht heute in großen Lettern auf der Titelseite des "Osservatore Romano", der Tageszeitung des Vatikans. Und in der Tat: Stadt und Staat haben Grund zum Stolz. Es sei als müsse man ein Jubiläumsjahr wie vor fünf Jahren das Heilige Jahr organisieren, hatte Anfang der Woche Bürgermeister Walter Veltroni geklagt, aber das in nur zwei Tagen. Doch dann ging alles reibungslos. Die Invasion der Präsidenten und Papaboys ging ohne größere Zwischenfälle vorüber.

Niemand kam im Gedränge ernsthaft zu Schaden, und auch die Sicherheit der rund 200 Staats- und Regierungschefs war gewährleistet. Beim Abzug der Menschenmassen aus der Stadt hatte es nicht einmal mehr das befürchtete Verkehrschaos gegeben. Es scheint, als führten nicht alle Wege nach Rom, sondern noch mehr aus der Stadt heraus. Staatspräsident Carlo Azeglio Ciampi dankte den Römern, die die Pilger trotz aller Behinderungen gastfreundlich empfangen hatten. Auch US-Präsident George Bush, der britische Premier Tony Blair und Spaniens König Juan Carlos stimmten in das Lob ein.

Ganz unglücklich dürften die Römer jedoch nicht sein, dass das Spektakel jetzt vorbei ist. Denn die wenigsten haben von dem Ansturm der Millionen profitiert. Ein Kellner einer Pizzeria in der Innenstadt beschwert sich: "Wir sind leer ausgegangen." Er habe gedacht, wenn die Pilger kommen, werde er einen viel größeren Umsatz machen. "Aber die haben ja alle nur Sandwichs gegessen." Restaurants konnten sich die zumeist jugendlichen Papstanhänger offenbar nicht leisten. Das große Geschäft machen heute nicht die Souvenirverkäufer, sondern die jungen Männer an den Straßenecken, die jedem, der noch keinen hat, einen Regenschirm aufdrängen.

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