Rosemaries Beichte - DER SPIEGEL
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EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE Rosemaries Beichte

Warum eine Gläubige keine Kirchensteuer mehr zahlen will
• aus DER SPIEGEL 15/2006
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Als die Gemeinde das Apostolikum raunt, klingt es wie ein Verhör der Braut am Altar. »Ich glaube an Gott, den Vater«, da kann Rosemarie S. noch zustimmen, »an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn«, da auch. Aber dann. »Die heilige katholische Kirche«.

Nein, Rosemarie S. glaubt nicht an die katholische Kirche, sie gehört nicht dazu, und doch steht sie am 10. Oktober 1970 im weißen Hochzeitskleid und mit schlechtem Gewissen in einer Kapelle in Münster und gibt zum ersten Mal vor, eine Katholikin zu sein.

35 Jahre später sitzt Rosemarie S. vor einem Gerichtspräsidenten, dem ihre Geschichte gefällt. »Ein schönes Verfahren«, sagt er an einem sonnigen Dienstagmorgen im Verwaltungsgericht von Osnabrück, »ein Sittengemälde der siebziger und achtziger Jahre.« Der zweite Richter ist noch jung, er schaut Rosemarie S. an wie ein Museumsstück.

Rosemarie S., 68 Jahre, Lackschuhe, vorsichtiges Lächeln, will 1362 Euro und 42 Cent zurück, Kirchensteuer für 2003. Ich war nie katholisch, sagt sie, ich sollte katholisch sein. Die Steuererklärung für 2003 ist noch anfechtbar.

Vor der Verhandlung wird sie von Reportern umlagert. RTL will die Summe noch mal im O-Ton hören. Der Anwalt antwortet, Rosemarie S. verdreht die Augen. Darum geht es nicht, sagt sie. »Ich möchte für mich eine klare Linie.«

Am Anfang gab ihre Mutter diese Linie vor. Sie war Kriegerwitwe und Protestantin, man betete mittags, abends, sonntags in der Kirche. Rosemarie machte alles mit, sie glaubt an Gott.

Sie wurde Hebamme, traf im Tanzlokal einen Lehramtsstudenten, wollte ihn heiraten. Sie fuhren zu seinen Eltern ins Emsland. »Nur wenn du katholisch wirst«, sagten sie. Und wenn wir nur zum Standesamt gehen? »Dann hast du hier keinen guten Stand.«

Sie wusste jetzt, was von ihr erwartet wurde, sie fügte sich.

Rosemarie unterschrieb ihren Austritt aus der evangelischen Kirche, dann nahm sie einmal pro Woche Konvertitenunterricht. Sie sollte die neuen Regeln lernen: Ein Rosenkranz hat 50 AveMarias, Todsünden ohne Reue führen in die Hölle, bei der Kommunion darf die Hostie niemals auf den Boden fallen. Nach zwei Stunden gab sie auf. Geht nicht, sagte sie dem Pfarrer, zu fremd. Er versprach, sie zu trauen, als wäre sie zur katholischen Kirche übergetreten. Sie war erleichtert, sie musste niemanden enttäuschen.

Zum Grübeln blieb keine Zeit. Bald kam ein Sohn, 1400 Gramm, schwerer Herzfehler. Ein Jahr später noch ein Sohn, ihr Mann brach seine Ausbildung ab, sie musste die Familie ernähren. Sie arbeitete nachts, 20 Jahre lang.

Wenn sie nicht mehr weiterwusste, ging sie in eine Kirche, katholisch oder evangelisch, ganz egal, und betete.

Zu Hause im Reihenhaus dozierte ihr Mann zu Glaubensfragen. Er erzog die Jungs streng katholisch, sie waren froh, wenn es mal um anderes als Kirche ging. Rosemarie S. hatte den Taufen zugestimmt. Später tat es ihr leid.

Manchmal wollte sie etwas ändern, die Schwiegereltern waren längst tot, aber da war noch ihr Mann, und da war das Krankenhaus, in dem sie arbeitete. Es ist ein katholisches Krankenhaus.

Im Gericht sitzt ein junger Mann im beigefarbenen Pulli, er schaut hinaus, auf eine Kirche. Der Sohn mit dem Herzfehler. Als er groß war, hat Rosemarie S. sich scheiden lassen. Im Krankenhaus hat sie bis zur Pensionierung gearbeitet. Alles ordentlich zu Ende geführt.

Im Herbst 2004, sie arbeitete inzwischen frei als Hebamme, saß sie bei der Steuerberaterin, vor sich den grünen Mantelbogen, Zeile 11, Religion. Sie hatte immer »römisch-katholisch« geschrieben. Kirchensteuer war ein Preis für das Leben, das sie führen wollte. Aber dieses Leben lag hinter ihr. Sie zögerte, sie wusste nicht, wie sie da wieder rauskommen sollte. Die Steuerberaterin ermutigte sie.

Die Sache landete beim Finanzdirektor des Bistums Osnabrück, ein massiger Mann, Gewerkschafterbart, Siegelring. Heute sitzt er für das beklagte Bistum im Saal. Er sieht gereizt aus.

Das Bistum wollte der Beichte von Rosemarie S. nicht glauben. Es gab viele Akten, in denen sie katholisch war, also musste sie auch übergetreten sein.

Monatelang versuchte sie, das Bistum vom Gegenteil zu überzeugen, dann trat sie im Februar 2005 aus der katholischen Kirche aus. Ein Fehler. Wie sie austreten könne, wenn sie nie Mitglied gewesen sei, fragte das Bistum. Schließlich ein Angebot: Sie möge zumindest die Hälfte zahlen, auch für 2004. Als Gläubige gab man sie verloren, als Steuerpflichtige noch nicht.

Die Richter suchten in der Bibliothek nach Vergleichbarem. Sie fanden einen eingewanderten Hongkong-Chinesen, der auch nie katholisch gewesen sein wollte. Er bekam recht, die Unterlagen waren in der Heimat verschollen.

Hongkong, sagt der Richter, hochentwickelte Zivilisation, aber mit Deutschland wohl nicht vergleichbar. Der Mann vom Bistum schweigt.

Dann erklärt der Richter die Regeln, sie sind einfach. Dass jemand katholisch ist, muss in der Taufurkunde stehen oder im Konvertitenregister. Wir führen kein Konvertitenregister, sagt der Mann vom Bistum, und wir können nicht zweimal taufen.

Da habe das Meldewesen wohl eine Lücke, sagt der Richter. »Das mag so sein«, brummt der Mann vom Bistum. Der Richter seufzt. Wie in Hongkong.

Kurz vor der Urteilsverkündung nickt der Anwalt Rosemarie S. zu. Sie bekommt ihr Geld, sie hat die Kirche geschlagen, nach ihren eigenen Regeln. Ihr Glaube, sagt sie hinterher, sei stärker geworden in letzter Zeit. DAVID BÖCKING

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