Roskilde am Tag danach: "The show must go on" - DER SPIEGEL
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Roskilde am Tag danach "The show must go on"

Acht Tote und eine noch immer unbekannte Zahl von Verletzten beim Rockfestival von Roskilde: Kein Grund für Organisator Leif Skov, das Festival abzubrechen. Nur zwei Gruppen verweigerten den Auftritt. Mittlerweile ist die Todesursache geklärt: Alle Opfer erstickten in der dichtgedrängten Menge.
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Roskilde - Trauer, Ratlosigkeit, aber auch ein bei vielen unbeirrbares Verlangen nach Vergnügung haben am Wochenende die Reaktionen beim Rockfestival in Roskilde auf den Tod von acht Besuchern geprägt. Während vor der riesigen "Orange Scene" mit Blumen, Kerzen und Tränen der Toten gedacht wurde, wummerte im Hintergrund von anderen Bühnen schon wieder Techno, Heavy Metal, Rock und Dance Music.

Besonders viel geweint wurde, als der evangelische Bischof Jan Lindhardt aus Roskilde am Samstagabend von der "Orange Scene" ein Gebet für die acht jungen Männer aus Dänemark, Deutschland, Holland und Schweden sprach, die in der Nacht zuvor bei einem Konzert der US- Band Pearl Jam direkt vor der Bühne von der nach vorn drängenden Menge erdrückt wurden. "Es ist gut, dass die jungen Leute nicht einfach mit einem Abbruch nach Hause geschickt worden sind. Jetzt können sie dieses Unglück wenigstens ein bisschen gemeinsam verarbeiten", meinte Ann-Kerstin Christensen aus Roskilde, deren Töchter Sonja (16) und Louise (14) beim Konzert von Pearl Jam mit dem schrecklichen Ausgang dabei gewesen waren.

Die Gedenkzeremonie mit dem Bischof und einer Schweigeminute schien für viele der zehntausenden Zuschauer die Funktion einer Beerdigung zu haben. Waren vorher fast nur bedrückte Mienen auszumachen, hellte sich die Stimmung danach zusehends auf. Dankbar vernahmen die Zuhörer, viele davon mit dem hier obligatorischen Becher Bier in der Hand, dass der Bischof mit fast denselben Worten wie zuvor Festivalchef Leif Skov die Fortsetzung des größten europäischen Rockfestivals mit dem Satz begründete: "Der Tod darf nicht über Leben siegen."

Oasis sagte Gig ab

Ganz anders sahen das die für Samstagnacht als Hauptattraktionen auf dem Programmen stehenden Rockstars von Oasis und den Pet Shop Boys. "Es wäre respektlos gegenüber den Toten und ihren Familien, genau da zu spielen, wo diese Menschen gestorben sind", erklärten die Bands gemeinsam und warfen der Festivalleitung vor, für keine zusätzlichen Sicherheitsmaßnahmen vor der "Orange Scene" gesorgt zu haben.

"Es wäre doch geradezu beleidigend, wenn wir mit unserer Partyshow auftreten würden", meinte Neil Tennant, einer der beiden Sänger von Pet Shop Boys zornig gegenüber Journalisten der dänischen Nachrichtenagentur Ritzau, als er hörte, dass die Festivalleitung seiner eigenen Band und Oasis "Respektlosigkeit vor den Fans" vorgeworfen hatte.

Alle anderen Musiker hätten auftreten wollen, entgegnete Skov den britischen Superstars. Etliche der Auftretenden versuchten, mit einer Geste den Widerspruch zwischen Trauer und "The Show Must Go on" zu überbrücken. Der senegalische Musiker Youssou N'Dour unterbrach sein Konzert auf der "Orange Scene", ging hinunter ins Publikum und legte Blumen für die Toten nieder. Der Sänger der wild aussehenden schwedischen Heavy-Metal-Band "In Flames" sagte vor Beginn seines Konzertes: "Es ist sehr merkwürdig, nach diesem Unglück hier Musik zu machen. Wir widmen unser Konzert den Toten und ihren Angehörigen." Jeder nahm ihm ab, dass er das ehrlich meinte, ehe die Band mit ihrem harten Metal loslegte.

Die von vielen erwartete Massenflucht blieb am Samstag aus. Und auch bei etlichen Konzerten schien die Stimmung eindeutig von dem Wunsch auf und vor der Bühne geprägt zu sein, möglichst schnell zu vergessen. "Do you feel ok?" röhrte die Sängerin der britischen "Moloko" ihr Publikum an, bekam das übliche "yeah" zurück, versprach allen eine "good time" und hüpfte los, als sei nichts geschehen.

In den dänischen Medien erhielt die Festivalleitung überwiegend Zustimmung für ihre Entscheidung zum Weitermachen. Lediglich "Ekstra Bladet" hielt einen Abbruch für das einzig Angemessen. "Berlingske Tidende" meinte dagegen: "Es wäre verantwortungsloser gewesen, die 90.000 geschockten Menschen einfach nach Hause zu schicken, noch dazu ohne dass man wusste, ob Freunde unter den Opfern waren. Die gewählte Lösung erscheint uns als die menschlich und praktisch am wenigsten unterträgliche."

Todesursache geklärt: Die Opfer erstickten

Wie ein Sprecher in der dänischen Stadt westlich von Kopenhagen sagte, habe die vorläufige Obduzierung der acht Leichen ergeben, das alle Opfer erstickt sind. Den ausschließlich männlichen Opfern im Alter zwischen 17 und 26 Jahren seien die Lungen so stark zusammengedrückt worden, dass sie keine Luft mehr holen konnten. Über den etwaigen Einfluss von Alkohol oder Drogen könne man erst nach dem endgültigen Abschluss der Untersuchung Angaben machen.

Die Opfer des Unglücks in der Nacht zum Samstag waren drei Dänen, drei Schweden, ein Niederländer und ein 26-jähriger Polizist aus Hamburg. Wie weiter mitgeteilt wurde, sei der bei dem Unglück lebensgefährlich verletzte Mann ein Australier. Über seinen Zustand wurden am Sonntag zunächst keine neuen Angaben gemacht.