Gesellschaft Rote Brause
Gegenüber der »Halle am Fernsehturm« steht ein altes Lenin-Denkmal. Für einen Moment könnte man glauben, es sei Teil der Außendekoration, so wie die Wartburg, Barkas und der sowjetische Armee-Jeep, die vor der Halle parken. Aber Lenin steht immer hier. Seit 1985, die Hände in den Manteltaschen, schaut er in die Ferne. Also in die Zukunft.
Verkleidete Menschen stehen an diesem Abend vor der Halle. Menschen in NVA-Uniform, in FDJ-Hemd, mit dem roten Halstuch der Thälmann-Pioniere. Es ist, als würde jemand einen Film drehen, eine Art »Good Bye, Lenin!« aus Schwerin.
Aber es gibt hier keine Schauspieler. Nur Partygäste. Drinnen steigt die große »DDR-Party«. Drinnen kann man »Feiern wie vor zwanzig Jahren«, so versprechen es die Veranstalter. Für Westgeld, 18 Euro, bekommt man eine Eintrittskarte. Damit darf man dann die DDR betreten. Also wieder rübermachen. In den Sozialismus.
Janine Wilken rechnet mit über tausend Gästen. Vielleicht werden es sogar zweitausend. Janine Wilken ist die Veranstalterin. Sie ist 29 Jahre alt, sie hat die DDR und den Sozialismus kaum erlebt, aber vielleicht passt ihre Party-Idee ja in die Zeit. In das große Mauerfall-Gedenkjahr. In das große Kapitalismus-Krisenjahr.
»Es geht darum, das Feeling von damals rüberzubringen«, sagt Wilken. Sie hat DDR-Fahnen besorgt, FDJ-Fahnen, sie ließ Ost-Schrankwände in den Bars aufstellen, die »HO« und »Konsum« heißen und nur Ost-Getränke verkaufen. Im »Mitropa-Bereich« stehen alte, kipplige Holzfurniertische, an denen Ketwurst gegessen und rote Brause getrunken werden soll, Wilken hat die Gruppe Delikat besorgt, die Ost-Hits spielen wird, ein Honecker-Double, Jungpioniere, Volkspolizisten und eine Delegation sowjetischer Offiziere. Und wenn alles laufe wie geplant, sagt Janine Wilken, dann »kommen die Leute hier rein und kriegen 'ne Gänsehaut«.
Wilken hat eine künstliche DDR errichtet. Eine harmlos-verspielte Sozialismus-Variation. Vor einem halben Jahr noch wäre das nicht viel mehr gewesen als ein verklärter Blick zurück. Der Sozialismus war tot und begraben. Der Kapitalismus dick und gesund. Aber das ist jetzt alles nicht mehr so sicher.
Die Party-Gäste sind meist zwischen 40 und 60 Jahre alt. Ein Oldie-Publikum, sozialismuserfahren. Sie tragen Uniformen, die nicht mehr richtig passen, sie sind Erwachsene mit schütterem Haar und Pionierhalstuch. Sie tragen Aktivisten-Orden, erworben im volkseigenen Betrieb, Nickis und DDR-Turnschuhe, sie bestaunen sich gegenseitig, so wie man ein gelungenes Kostüm bestaunt. Vor allem aber bestaunen sie ihr früheres Leben. Ein Mann mit NVA-Stahlhelm und Uniformjacke sagt: »Die Grenze bewacht, die Grenze abgebaut. Alles erlebt. Verrückt.« Er blinzelt unter seinem Stahlhelm hervor. Er sagt, er arbeite heute bei Coca-Cola.
An diesem Abend gibt es nur Vita Cola. Es gibt Vipa, ein süßes, weinhaltiges Getränk, bei dem man schon vor 20 Jahren nicht genau wissen wollte, woraus es wirklich gemacht ist. Im Bereich »Mitropa« riecht es nach Soljanka und Bockwurstwasser. Im großen Saal der Halle spielt die Gruppe Delikat Songs von Lift, Rockhaus, Pankow. Der Saal tanzt.
Draußen vor der Halle, im Kapitalismus, ist Krise. Politiker verabschieden Kapitalismus-Rettungspakete. Drinnen, im Sozialismus, feiert man trotzdem, schließlich war ja im Sozialismus auch immer irgendwie Krise, und man hat trotzdem gesoffen.
Vom Ostdeutschen hieß es, er rufe ständig nach dem Staat. Das sei ein Zeichen dafür, dass er immer noch nicht angekommen sei im Westen. Im Moment drehen sich die Dinge. Plötzlich gelten Staat und Verstaatlichung auch unter Westdeutschen wieder als eine Antwort. VEB Hypo Real Estate. VEB Opel. Selbst Marx wird wieder gelesen. Vielleicht hat der Ostdeutsche, der ewige Kapitalismus-Azubi, bald die Nase vorn, weil er weiß, wie man auch ohne Kapitalismus überlebt. Womöglich hat er einen historischen Wissensvorsprung.
In der Halle hat Janine Wilken ein Plakat anbringen lassen. »Alles mit dem Volk. Alles durch das Volk. Alles für das Volk.« Eine alte DDR-Losung, von der niemand dachte, dass sie einmal klingen könnte wie ein zukünftiges CDU-Wahlkampfplakat.
Im improvisierten Backstagebereich sitzen zwei Russen und vier Deutsche in sowjetischen Armeeuniformen und trinken Kräuterlikör aus Plastebechern. Nachher sollen sie als sowjetische Freundschaftsdelegation auftreten. Die Volkspolizisten, die nach Mitternacht strippen sollen, fehlen noch. Dafür ist Erich Honecker schon da.
Honecker ist 88 Jahre alt, trägt rote Socken, war nie Dachdecker, sondern Bäcker und heißt eigentlich Kurt Schmidt. Honecker-Schmidt soll gleich die Gewinnspielgewinner bekanntgeben für die Reise in die Sächsische Schweiz und eine kurze Rede halten. Er sieht ein bisschen verloren aus, eine schwere Hornbrille schwimmt auf seiner Nase wie ein dunkles Schiff, und er braucht jetzt erst mal einen Schnaps.
Honecker-Schmidt sagt, dass sein Neffe gerade wieder arbeitslos wurde und die deutsche Einheit trotzdem richtig war. Honecker-Schmidt sagt, dass er in den vergangenen Jahren nicht mehr so oft gebucht wurde. Aber womöglich ändert sich ja das jetzt wieder.
Dann geht Honecker-Schmidt auf die Bühne, die alte DDR-Hymne wird eingespielt, »Auferstanden aus Ruinen«, und Janine Wilken sagt, dass sie mit der DDR-Party demnächst auf Tour gehen will.
Auch im Westen. JOCHEN-MARTIN GUTSCH