EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE Rote Linie
Masin Abd al-Dschawad, ein Mann von 32 Jahren, rundes Gesicht, hohe Stirn, ein schmaler, kecker Kinnbart, war mal sehr zufrieden mit sich und mit seinem Leben. Er hatte ein Schlafzimmer mit allem, was er sich wünschte. Jetzt hat er eine Zelle im Buraiman-Gefängnis, im Nordosten der Millionenstadt Dschidda, an der Westküste von Saudi-Arabien.
In Masins Zelle gibt es, davon kann man ausgehen, keine roten Sofas, so wie in seiner Wohnung, auch kein Sexspielzeug und kein Gleitmittel und erst recht keine schönen Frauen, die Masin am liebsten in Rot gekleidet sieht, wie er einmal gesagt hat.
Dafür gibt es für Masin Abd al-Dschawad nur die Aussicht auf fünf Jahre Haft sowie auf 1000 Peitschenhiebe, verteilt in Portionen von vielleicht 40 Schlägen, so dass er die Strafe überlebt. So ist es jedenfalls üblich. Er käme dann auf fünf Auspeitschungen pro Jahr seiner Haftstrafe.
Eine barbarische Strafe, nach allen Maßstäben des Abendlands, und wofür? Weil Masin Abd al-Dschawad über Sex sprach, und das im Fernsehen; für seine fünf Minuten Berühmtheit.
Seine öffentliche Geschichte, die inzwischen auf YouTube steht, beginnt mit einer Einstellung aus Masins Wohnung, auf die er damals sehr stolz war: Die Kamera zeigt einen Teddybären, der schlapp einen anderen Teddy - oder eine Bärin? - von hinten besteigt.
Man sieht Masin, geschieden, Vater von vier Kindern, wie er den Kameramann ins Schlafzimmer führt und erklärt: »Wer immer diesen Raum betritt, tut das auf eigene Verantwortung.« Dann zeigt er seine Penis-Puppen und Gleitmittel und ätherischen Öle und erzählt stolz, unterlegt von Kylie-Minogue-Musik, wie er nachts mit seinem roten Mini Cooper und dem Bluetooth-Handy durch Dschiddas Straßen kurvt, auf der Suche nach dem weiblichen Geschlecht. Masin, ein Casanova vom Roten Meer - wobei der Verdacht nicht abzuschütteln ist, dass der Mann ein Aufschneider sein könnte, doch um das rauszufinden, ist es nun zu spät.
Die Sendung, die Masin zum Verhängnis wurde, heißt »Ahmar Bilchat al-arid«, was frei übersetzt »Mit einer dicken, roten Linie« bedeutet. Sie wird von der Lebanese Broadcasting Corporation, der LBC, produziert und ausgestrahlt - und zwar in Beirut, wo es immer schon freimütig zuging. Hätte man die Sendung mit Masins Auftritt nur im Libanon empfangen können - was wäre geschehen? Aber 300 000 sahen sie allein im Internet, auch in Saudi-Arabien war die Sendung zu empfangen, in einem Königreich, in dem der Koran Verfassung ist und die Scharia das Strafgesetzbuch.
Einer Handvoll ungeduldiger Reformer steht dort eine Armee von Religionspolizisten gegenüber - woran Masin wahrscheinlich nicht dachte, als er dem Publikum vorschlug, es auch mal an außergewöhnlichen Orten zu treiben, »zum Beispiel in einem Flugzeug«. Er war damals Angestellter der Saudi Arabian Airlines, einer Fluglinie, bei der Alkohol an Bord verboten ist, wo die Frauen verschleiert sind. PR-mäßig war Masins Tipp wahrscheinlich nicht das, was die Airline-Manager sich wünschen.
200 Saudi-Araber gingen zum Kadi und reichten Klage ein. Beim ersten Freitagsgebet nach Dschawads Auftritt befasste sich der Imam der Großen Moschee in Mekka mit Masins Erzählungen: Sich zu belustigen über die eigene Kultur sei Hochverrat.
Zwei Wochen nach der Ausstrahlung wurde Masin verhaftet, seit drei Monaten sitzt er in seiner Zelle. Angeklagt wurde auch Rosana al-Jami, 22 Jahre jung, Produktionsassistentin beim Sender, halbtags angestellt. Im Oktober wurden die Urteile verkündet. Rosana bekam eine Strafe von 60, Masin von 1000 Peitschenhieben. Sein Unglück war, dass er mit seinem Auftritt Anlass und Vorlage gab für einen Streit von ungleich mächtigeren Männern. Denn es gab Krach im Herrscherhaus Al Saud.
Schon lange rebelliert Prinz Walid Ibn Talal, Neffe des Königs und einer der reichsten Männer der Welt, gegen die Tugendwächter seiner Heimat. Er würde gern, heißt es, das Land regieren; doch vorläufig regiert er lediglich ein Medienimperium, dem auch 49 Prozent des libanesischen Senders LBC angehören.
Damit eckt Prinz Walid an: bei seinem Bruder, Prinz Chalid, der ihm vorwarf, mit seinen Fernsehsendern das Laster zu verbreiten, bei seinem Onkel, Prinz Naïf, dem strengen Innenminister. Der Streit schwelt seit Jahren - mit Masins sexuellem Geprotze war plötzlich die Möglichkeit da, die Sache zu entscheiden.
Der Innenminister ließ die Büros des Senders in Saudi-Arabien schließen, »wegen des Interviews mit Masin Abd al-Dschawad«, wie erklärt wurde. Die Tugendwächter des Islam hatten gesiegt, Prinz Walid war blamiert.
Dann folgte der Gegenschlag in einem Streit, der noch nicht entschieden ist: Abdullah, der greise König, begnadigte die Produktionsassistentin Rosana. Masin jedoch blieb in Haft. Das lässt sich als salomonische Entscheidung deuten, als Unentschieden zwischen beiden Lagern.
Was bleibt, sind zwei Zahlen. 1000 Peitschenhiebe für fünf Minuten Berühmtheit. Masins Anwalt will weitermachen. Er hofft auf eine diskrete Lösung, auf eine neue Rechnung.
BERNHARD ZAND