KIRCHE »Rückfall ins Mittelalter«
Am Anfang war das Wort. Während des Gottesdienstes, kurz vor Erteilung des Segens, tritt der evangelische Pfarrer Dietrich Reuter mit ernstem Gesicht vor die Kirchenbesucher in Duisburg-Laar. Gespannte Stille.
»Liebe Gemeinde«, beginnt der Pastor, »die Heilige Schrift äußerst sich an verschiedenen Stellen zur Notwendigkeit der christlichen Bußzucht.« Um den Zorn Gottes nicht zu reizen, sei diese Bußzucht jetzt zu vollstrecken.
Mit lauter Stimme verkündet der Gottesmann Namen und vollständige Adressen von zwei anwesenden Kirchgängern. Diese beiden, offenbart er, würden sich zwar Christen nennen, »aber einen unchristlichen Lebenswandel führen«. Zur Strafe seien beide ab sofort vom Abendmahl ausgeschlossen.
Ohne Zögern posaunt Reuter auch aus, welche Sünden den Betroffenen vorgeworfen werden: Beide, ein 35-jähriger Mann und eine 37-jährige Frau, haben eine enge Beziehung miteinander, ohne verheiratet zu sein, sind seit Jahren von ihren früheren Ehepartnern getrennt. Der Pastor: »Sie leben offen gegen Gottes Wort.« Amen.
Die Bestrafung ist eine der letzten Amtshandlungen Reuters. Tage später wird er von der evangelischen Landeskirche im Rheinland vorläufig beurlaubt.
Der Fall, einmalig in der jüngeren deutschen Kirchengeschichte, beschäftigt seitdem Staatsanwälte und Kirchenjuristen und hat im Ruhrpott einen erbitterten Kampf zwischen konservativen und liberalen Christen ausgelöst. Die Gemeinde im Duisburger Norden ist gespalten. Jahrelange Freundschaften sind zerbrochen.
»Nicht meine Schuld«, versichert Pastor Reuter mit feinem Lächeln und breitet die Arme aus. »Ich halte mich stets nur an die Bibel.« Zweifel, ob er sich vielleicht auch mal irren könnte, plagen ihn nicht.
Mit Jeans, modisch kariertem Hemd und Lederweste sitzt der 45 Jahre alte Theologe im Wohnzimmer seines Pfarrhauses und beklagt den Verfall aller Sitten. Seine Frau, Mutter von drei Söhnen, sitzt daneben und häkelt.
Herrschen nicht ringsumher Chaos, Verderbnis, Sünde? Wer befolgt noch die Zehn Gebote? Wer fürchtet noch Gott? Ist nicht alles beliebig geworden? Leben nicht immer mehr Menschen nach dem Motto: »Ihr seid okay, wir sind okay, alle sind okay«? Jeder nach seiner Fasson, wie?
Und die Folgen, sind sie nicht überall sichtbar? Vorehelicher Sex: »Längst kein Thema mehr.« Gleichgeschlechtliche Liebe: »Wird ja schon von Pastoren abgesegnet.« Eheliche Treue bis in den Tod: »Will doch niemand mehr hören.«
Wenn dann einer wie er es wage, Ehebruch noch Ehebruch zu nennen, werde er von der Kirchenleitung gemaßregelt, sechstes Gebot hin, sechstes Gebot her. »Aber ich bin nur Gott Rechenschaft schuldig.«
Genau so einen Pastor hatte sich der Gemeindevorstand gewünscht, als die Pfarrstelle in Laar neu ausgeschrieben wurde: bibeltreu, konservativ, nicht angekränkelt vom liberalen Zeitgeist.
Kein Wunder: Seit die Gemeinde vor fast 100 Jahren gegründet wurde, haben dort so genannte Reformierte die Mehrheit; Protestanten, die sich nicht nur auf die Thesen Martin Luthers, sondern auch auf die Grundsätze des sittenstrengen Schweizer Reformators Johannes Calvin berufen.
Ihre Glaubensgrundlage ist neben der Bibel der von Calvin geprägte Heidelberger Katechismus von 1563, ein drakonischer Verhaltenskatalog, in dem auch die Einzelheiten der von Reuter vollstreckten christlichen Bußzucht geregelt sind.
Schon nach Reuters Probepredigt in Laar hatten die anderen Kandidaten verloren. So wortgewandt wie er konnte keiner sonst die Bibel auslegen, so kompromisslos wusste niemand die Liebe zum Herrn einzufordern.
In seinen Predigten, in denen viel von einem zürnenden, strafenden Gott und vom Jüngsten Gericht, aber wenig von christlicher Barmherzigkeit die Rede ist, beschwört der neue Pastor fortan die Sünder, durch Umkehr der ewigen Verdammnis zu entrinnen, zu erkennen, dass der Mensch ohne Gott ein Nichts sei.
Die Botschaft kommt an in einer Region, in der die Schlote die Kirchtürme überragen, in der gewaltige Industrielandschaften den Einzelnen winzig und verletzlich erscheinen lassen, in der sich nach Werkschließungen und Pleiten immer mehr Menschen in ihrer Existenz bedroht fühlen und sich nach Erlösung sehnen.
Die Kunde vom feurigen Prediger lockt auch Christen von außerhalb an, zu den Gottesdiensten kommen plötzlich weit mehr Gläubige als früher. Schon bald sind die Einheimischen in der Minderheit.
Die meisten Neuen gehören zur fundamentalistischen Bekenntnisbewegung »Kein anderes Evangelium«, einer Gruppierung, die erbittert gegen alles kämpft, was ihr als Aufweichung der reinen christlichen Lehre verdächtig erscheint.
Die Ausrichtung ist dogmatisch: Biblische Wunder sind Wunder und keine mystischen Parabeln. Zum Seelenheil führt einzig der Glaube an den Christengott. Homosexualität ist Sünde, Abtreibung ist Mord. Wer anderes glaubt, äußert oder predigt, ist des Teufels.
Fundis wie diese markieren ein protestantisches Dilemma: Beim Bemühen, für möglichst viele Glaubensrichtungen offen zu sein, auch Abweichlern ein Dach zu bieten, droht die Orientierung verloren zu gehen, ist keine verbindliche Richtung mehr erkennbar. Während einzelne liberale Pastoren schon kirchliche Scheidungsrituale planen und kritische Theologen die Bibel in Frage stellen, treiben erzkonservative Prediger den Teufel aus, rüsten am rechten Rand Extremisten zum Kirchenkampf.
Pfarrer Reuter gerät schon als junger Vikar in den Bann der Bekenntnisbewegung, bringt es bis zum Vorsitzenden im Rheinland. Die Maßstäbe der strenggläubigen Minderheit drückt er nach und nach auch seiner Gemeinde auf. Dabei stößt er zunächst kaum auf Widerstand.
Klaglos wird hingenommen, dass die jahrelang praktizierte Zusammenarbeit mit der katholischen Gemeinde kaputtgeht. Beim ökumenischen Gottesdienst zum Weltgebetstag der Frauen stört sich Reuter an bestimmten Gebeten der Katholiken. Beim gemeinsamen Singen mit dem katholischen Chor moniert er Marienlieder. Beide Termine werden schon bald gestrichen.
Als sich der Pfarrer jedoch mehrfach weigert, die Kinder alleinstehender Mütter oder in zweiter Ehe verheirateter Paare zu taufen, wenden sich Andersdenkende erstmals von Reuters Kirche ab.
Auch kirchliche Trauungen werden selten. Im Stadtteil hat sich herumgesprochen, dass Reuter vor der Ehe Enthaltsamkeit fordert. Immer weniger Paare möchten sich abkanzeln lassen wie Gemeindemitglied Manfred K. und seine Braut. Die herrschte Reuter beim Vorbereitungsgespräch an: »Sie wohnen doch schon zusammen. Warum wollen Sie da überhaupt noch heiraten?«
Doch als der evangelische Pastor 1996 gegen den Islam zu Felde zieht, sind die Reihen in seiner Gemeinde wieder fest geschlossen. Anlass ist der Plan islamischer Gruppen, in Duisburg den Gebetsruf des Muezzin per Lautsprecher zu verbreiten - über den Antrag hat die Stadtverwaltung bis heute nicht entschieden.
In großformatigen Zeitungsanzeigen, die Laar und seine evangelische Gemeinde bundesweit bekannt machen, wettern Reuter und sein Gemeindevorstand über den »Affront gegen glaubende Christen«, warnen vor dieser »unstatthaften Anbiederung an Muslime«. In der Kirche donnert der Pfarrer, Allah sei »ein Zerrbild des wahren Gottes«. Wer ihn anbete, sei verdammt.
In Laar, wo viele Fassaden bröckeln, die Arbeitslosigkeit auf fast 20 Prozent gestiegen ist und der stete Zuzug türkischer Familien zunehmend Fremdenängste auslöst, verfängt Reuters Warnung nicht allein bei gläubigen Christen.
»Ich bin nur ein alter Heide«, gesteht ein Gastwirt, »aber die Muezzin-Aktion war vom Feinsten.« Seine Gäste würden genauso denken. »Und von denen geht kaum einer in die Kirche.«
Die Zustimmung, die sich auch in hunderten von Glückwunschbriefen aus ganz Deutschland ausdrückt, ermutigt Reuter Ende 1999 zu einer weiteren Anzeigenkampagne. Diesmal kämpft er gegen das Experiment, muslimischen Schülern an Duisburger Schulen Islam-Unterricht zu erteilen, um die Religionserziehung von Ausländerkindern nicht nur fanatischen Koranpredigern zu überlassen. Für Fundamentalist Reuter ein Indiz für »die schleichende Abschaffung des christlichen Abendlandes«.
Gemeindemitglied Harald R., ein promovierter Chemiker, steht bei vielen Aktivitäten fest an des Pastors Seite. Der 35-Jährige organisiert die Jugendarbeit, hält Kindergottesdienste ab, opfert fast seine gesamte Freizeit für die Gemeinde. Außerdem ist er Reuters Freund: Der Pastor hat ihn sogar als Paten seines ältesten Sohnes ausgesucht.
Die Beziehung bekommt einen Riss, als der Chemiker Sabine M. kennen lernt, eine attraktive Frau aus der Gemeinde, die Theologie studiert hat, ebenfalls bei der Jugendarbeit hilft. Beide haben eine gescheiterte Ehe hinter sich, beide wurden von ihren früheren Partnern verlassen. Beide verlieben sich, wollen später heiraten.
»Das kannst du doch nicht machen«, mahnt der Pastor seinen Freund. »Weißt du nicht, was Jesus gesagt hat?«
Reuter gibt Nachhilfe. »Wer eine Geschiedene freit, begeht Ehebruch«, zitiert er. Dabei ist Sabine M. nicht einmal geschieden, lebt nur seit Jahren samt ihren zwei Kindern von ihrem Ehemann getrennt. Noch schlimmer.
Der Pastor, der in ihr die Verführerin seines Freundes sieht, knöpft sie sich vor. »Lassen Sie von diesem Mann ab«, fordert er, »Sie stürzen ihn ins Verderben.« Und überhaupt: »Spüren Sie nicht, welch schlechtes Beispiel Sie der Jugend geben?«
Nach Reuters Verständnis müssen verlassene Männer oder Frauen bis ans Ende ihrer Tage allein leben, abstinent und in Treue fest zum verflossenen Partner. Das verlangt er auch von seinem Freund.
Nachdem sich Harald R. und Sabine M. trotz mehrfacher Ermahnungen nicht trennen, steht für den Gottesmann fest: Das Abendmahl wird er diesen Gestrauchelten nicht gewähren. Brot und Wein als Symbol der Vergebung steht nach seiner Überzeugung nur reuigen Sündern zu, nicht aber »Heuchlern, die vor aller Welt Böses weitermachen wollen«. Bei ihm, verkündet er, gebe es »keine billige Gnade«.
Ausnahmsweise kriegt er jedoch diesmal im Gemeindevorstand, dem Presbyterium, keine totale Rückendeckung: Die Väter des Paares sitzen in dem sechsköpfigen Gremium, stimmen gegen die geplante Abstrafung ihrer Kinder. Der Pastor setzt sich darüber hinweg.
Zweimal innerhalb von fünf Monaten verweigert Reuter dem unverheirateten Paar das Abendmahl. Vor ihrer zweiten öffentlichen Bloßstellung im Gottesdienst hält er eine geschliffene, ganz offenkundig auf beide gemünzte Strafpredigt. Von der Kanzel geißelt er den »Rock, an dem der Schmutz klebt«, erinnert an Sodom und Gomorrha, warnt vor denen, »die nach ihren Begierden leben«. Und zitiert aus dem Neuen Testament: »Hasst das Gewand, das befleckt ist vom Fleisch.«
Reaktionen folgen prompt. Sabine M. wird von aufgebrachten Kirchenbesuchern der »Hurerei« bezichtigt, von anonymen Anrufern als »Teufelsbraut« beschimpft. Harald R., der sein halbes Leben in der Kirche und im Gemeindehaus verbracht hat, muss sich als »gottlos« bezeichnen lassen. Sabine M. erstattet gegen die Eiferer Anzeige wegen Beleidigung und Verleumdung - langes juristisches Gezerre droht.
Die Abkanzlung sät Zwietracht in der Gemeinde. Wer ist für, wer ist gegen Reuter? Gläubige, die seit Jahren miteinander singen und beten, gehen in heiligem Zorn aufeinander los. »Ein Rückfall ins Mittelalter«, schimpfen die einen. »Eine gerechte Strafe«, kontern die anderen.
Die Beurlaubung des Pfarrers lasten dessen Anhänger allein dem gezüchtigten Paar an. »Sie hätten doch in einer anderen Kirche zum Abendmahl gehen können«, erklärt Joachim Dietz, einer von Reuters Getreuen. »Sie kannten doch Reuters Einstellung genau.« Sich jedoch trotzdem frech in eine der ersten Reihen zu setzen, sei »eine Provokation« gewesen.
Dietz und seine frommen Gesinnungsfreunde meiden seit Reuters Abschied die Kirche, in der jetzt meist Pensionäre predigen. Die Ultras treffen sich stattdessen in Privatwohnungen oder Kneipen zu Ersatzandachten mit fundamentalistischen Geistlichen.
Sonntag für Sonntag, kurz vor Beginn des offiziellen Gottesdienstes, stehen sie zudem anklagend vor der Laarer Kirche. Sie schwenken Transparente ("Haltet euch an Schrift und Bekenntnis"), rufen in Sprechchören »Wir wollen Pfarrer Reuter«, singen »Ein' feste Burg ist unser Gott«. Die Mahnwache soll so lange durchgehalten werden, versichert Joachim Dietz, »bis der Hirte Dietrich Reuter wieder zur Predigt auf der Kanzel steht«.
Dazu wird es kaum kommen. Die Verantwortlichen der Amtskirche, die Reuters strengen Eifer lange tolerierten, planen seine endgültige Abberufung. Ein Disziplinarverfahren läuft.
»Der Mann hat schließlich gegen Kirchenrecht verstoßen«, begründet die Düsseldorfer Kirchenjuristin Doris Rösgen den bevorstehenden Schnitt. Die von Reuter praktizierte Bußzucht, »demütigend und unchristlich«, sei seit 1996 aus der Kirchenordnung gestrichen. Außerdem habe der Geistliche mit der Anprangerung des Paares seine seelsorgerischen Pflichten massiv verletzt.
Der Pastor fühlt sich als Märtyrer. Seine Glaubensbrüder ziehen schon mal Vergleiche zwischen ihm und den Theologen der »Bekennenden Kirche«, die während der Nazi-Zeit für ihre unbeugsame Haltung schwer büßen mussten, viele sogar mit ihrem Leben. Reuter droht allerdings schlimmstenfalls eine dreijährige Übergangszeit ohne Pfarramt, aber mit 75 Prozent seiner Bezüge, danach die Versetzung in den Ruhestand.
Ob die Protestanten in Laar noch einmal einen hauptamtlichen Pastor bekommen, ist fraglich. Weil die Gemeinde schrumpft, seit Reuters Abgang auch immer weniger Gläubige zum Gottesdienst kommen und die Kirche sparen muss, könnte es passieren, dass künftig nur noch Aushilfen die Frohe Botschaft von der christlichen Nächstenliebe verkünden.