KINO Ruhm oder Liebe
Ein Spielzeugcowboy kann drei Tode sterben: Er wird irgendwo liegen gelassen oder sonstwie von seinem Besitzer verloren, er geht kaputt, oder er ist einfach nicht mehr interessant und wird weggeräumt und vergessen. Weil zum Beispiel gerade Pokémons oder Teletubbies in Mode sind oder weil sein Eigentümer aus dem Spielalter herausgewachsen ist und von Mädchen statt von tapferen Cowboys träumt.
Wie die Menschen, verdrängen auch Spielzeuge ihre Endlichkeit - es sei denn, sie werden daran unausweichlich erinnert: Als Stoffcowboy Woody, Held des in dieser Woche startenden Kinofilms »Toy Story 2«, wegen seines halb abgerissenen Arms den Status als Andys Lieblingspuppe zu verlieren droht, ist dies sein erster Blick in den Spielzeug-Hades.
Und wenn es für ihn ein ewiges Leben gäbe? In einer Museumsvitrine in Tokio, ungeliebt, aber dafür bewundert und konserviert? Wäre das nicht die bessere Alternative zu wenigen wilden Jahren in Andys Kinderzimmer, bis dieses irgendwann zum Jugendzimmer umdekoriert wird?
Der Sinn des Spielzeuglebens ist der Kern von »Toy Story 2«, der am vorvergangenen Sonntag den »Golden Globe« als beste Filmkomödie gewonnen hat. In den Vereinigten Staaten schaffte der Film um die computeranimierten Spielzeuge einen neuen Rekord: 80 Millionen Zuschauer sahen das fröhliche Spektakel um den freundlichen Woody und die treue Astronautenpuppe Buzz Lightyear am Thanksgiving-Wochenende - so viele waren noch nicht mal in Disneys »A Bug's Life« gegangen.
Schon der Vorgänger »Toy Story« war vor fünf Jahren ein Überraschungserfolg gewesen. Dem vom Animationsstudio Pixar produzierten Film wurden so wenig Marktchancen eingeräumt, dass große Spielzeughersteller wie Mattell kein Interesse am Merchandising zeigten. Daraufhin erhielt eine kleine kanadische Firma den Zuschlag - und die konnte dann die Nachfrage nach den Figuren nicht befriedigen. Weltweit sahen über 50 Millionen Menschen »Toy Story«, der Film machte einen Umsatz von 360 Millionen Dollar und erhielt einen Oscar.
Dabei war die Debütgeschichte vergleichsweise düster: Die tapferen Spielzeuge Woody und Buzz Lightyear geraten in die Hände eines sadistischen Nachbarjungen, der Puppen zerschnipselt und zu Monstern neu zusammensetzt. »Toy Story 2«, bei dem wieder John Lasseter Regie führte, ist dagegen fröhlicher und psychologischer.
Der Film erzählt, wie Woody vom geldgierigen Spielzeugsammler Al McWhiggin entführt wird und seine Vergangenheit entdeckt: Er war in den fünfziger Jahren Held der Puppen-Fernsehserie »Woody's Roundup«. Diese wurde allerdings aus dem Programm genommen, als die Russen den ersten »Sputnik«-Satelliten ins All schossen - und damit Weltraumspielzeug in Mode kam.
Woody muss sich nun entscheiden: Will er mit den alten Fernsehkumpanen Cowgirl Jessie, Pferd Bullseye und Goldgräber Stinke-Piet ins Museum nach Tokio? Oder sollte er mit seinen Spielzeugfreunden zurückkehren zu dem Jungen Andy - schließlich sind die in gefährlicher Mission durch die halbe Stadt gewandert, um ihn zu retten. Oder, anders gesagt: Soll man lieben, auch wenn man weiß, dass die Liebe enden wird?
Mit geschätzten Produktionskosten von 90 Millionen Dollar war »Toy Story 2« dreimal so teuer wie sein Vorgänger. 90 Cheftechniker und 60 Animatoren arbeiteten an der neuen Produktion, von denen jeder pro Woche maximal fünf Filmsekunden herstellte. Die Pixar Studios verfügen inzwischen in den USA über die zweitgrößte Rechnerkapazität nach dem Pentagon, was den Filmemachern aufwendige Detailarbeit ermöglichte. So erscheinen die Hauptfiguren zwar, notwendigerweise, äußerlich unverändert, aber die Mundwinkel sind runder, die Stoffe wirken plastischer, die Lichtreflexe natürlicher. Außerdem entwarfen die Programmierer 18 verschiedene Hintergründe - in »Toy Story« waren es nur drei Hauptschauplätze. Um menschliche Haut lebensecht abzubilden, schufen sie 10 000 verschiedene Bilder.
Trotz aufwendigster Computerarbeit blieb noch genug Platz, um allerhand Insiderwitze einzubauen. So fährt eine Barbie-Puppe, die von Mattell produziert wird, im Plastikjeep durch den Spielzeugladen »Al's Toy Barn« und berichtet, dass im Jahr »1995 kurzsichtige Geschäftsleute nicht genug Spielzeug geordert« hatten. Im Rückspiegel ist ein rennender Plastiksaurier zu sehen - eine ironische Anspielung auf den ersten großen Computeranimationsfilm »Jurassic Park«. Der greise Puppendoktor, der Woodys Arm annäht und seine Gesichtsfarbe auffrischt, war auch schon mal im Kino, als Schachspieler in »Geri's Game«, Pixars Oscarprämiertem Kurzfilm von 1997.
Einen Witz über Mike Tyson und Evander Holyfield bekommt das Publikum allerdings nie zu sehen: In »Al's Toy Barn« treten zwei Plastikroboter zum Boxkampf gegeneinander an. Die Animateure hatten mehrere Perspektiven auf den Fight programmiert, aber nur eine Seitenansicht schaffte es in den Film. Auf der anderen Seite fehlte einem der Roboter ein halbes Ohr. MARIANNE WELLERSHOFF