Gesellschaft Rum dumm
Moritz Exner und Tobias Witt wissen, dass sie keine Gangsta-Rapper sind. Sie leben nicht im Ghetto, sagen sie, sondern auf dem Dorf. Was sie nicht wissen, ist, dass sie der deutschen Politik im Moment so nah sind wie nie.
Exner und Witt sind zwei blasse, dünne Jungs, die in Engter wohnen, einem Dorf in der Nähe von Osnabrück. Exner ist 20, macht sein Abitur nach, Witt ist 19 und beginnt ein Fachschulstudium, nach der Schule treffen sie sich manchmal und schreiben einen HipHop-Song. Früher nannten sie sich Moe und Tobi, jetzt heißen sie Bravour. Auf Youtube kann man sich ihr Lied »Angeeela. Wir haben unser Abitur« anhören. Manchmal singen sie auf einer privaten Party. Nun aber sitzen die beiden an einer großen Tafel im gutgefüllten Versammlungsraum des »Hauses der sozialen Dienste« im Zentrum Osnabrücks, auf den Tischen, hinter denen alte Männer in Anzügen hervorschauen, stehen Keksteller, vom Computer läuft ein Bravour-Song, und Oberbürgermeister Boris Pistorius wippt ein bisschen mit seinem großen Kopf dazu.
Das geht raus an all die Halbstarken
für die nur Prozente zählen
die durch Alkohol
stets die falschen Argumente wählen.
Das Lied hat noch keinen Titel, aber soeben den Wettbewerb »Musikrausch« der Stadt Osnabrück gewonnen. Damit sind Bravour in einen politischen Zusammenhang geraten. Die alten Männer klatschen. Moritz Exner setzt sich die Wollmütze auf, instinktiv.
Die Aktion »Musikrausch« war notwendig geworden, weil die Aktion »HaLT« des Bundesgesundheitsministeriums in Osnabrück nicht hundertprozentig gegriffen hatte. HaLT steht für »Hart am Limit« und soll Jugendliche zwischen 12 und 17 zum verantwortungsvollen Umgang mit Alkohol erziehen. Im Jahr 2004 benannte das Ministerium elf HaLT-Modellstandorte in neun Bundesländern. Osnabrück wurde der Bundesstandort Niedersachsen, mit Budget, Geschäftsstelle und Bundesstandortkoordinatorin Sabine Bösing. Nach dreijähriger Bundesmodelllaufzeit konnte eine »durchweg positive Bilanz gezogen werden«, heißt es in der Abschlussdokumentation von HaLT Niedersachsen.
Leider trübte der Osnabrücker Karnevalsumzug Ossensamstag diese überaus positive Bilanz. Der Ossensamstag 2007 markierte gewissermaßen das Ende des Modellprojekts. Die Landjugend schleppte rucksackweise Schnaps in die Stadt, hilflose Kinder und Jugendliche torkelten durch Osnabrück, viele mussten in umliegenden Krankenhäusern entgiftet werden, betrunkene Eltern verloren ihre Kinder, es gab Ordnungswidrigkeiten und Straftaten.
»Es war eine Katastrophe«, sagt Boris Pistorius, der damals gerade Oberbürgermeister geworden war. HaLT-Koordinatorin Bösing redet atemlos davon, dass das Modellprojekt alle erst für diese Problematik sensibilisiert habe, sie redet von proaktiven und reaktiven Bausteinen, aber Pistorius' Blick ist so dunkel, als habe er damals in einen Abgrund geschaut.
Für den Ossensamstag 2009 sind Taschenkontrollen an Bushaltestellen geplant, wer Schnaps dabeihat, wird zu seinen Eltern zurücktransportiert, es wird Entgiftungszelte geben, die berittene Polizei aus Hannover wird da sein, Krankenhäuser werden in Bereitschaft sein.
Und weil die »HaLT«-Aktion inzwischen von ihrer Modell- in eine »Transferphase« getreten ist, weil Sabine Bösing immer noch da ist, fand im letzten Jahr ein Plakatwettbewerb statt und in diesem Jahr die Aktion »Musikrausch«, die den besten Song für den verantwortungsbewussten Umgang mit Alkohol prämiert. Es gab 17 Bewerbungen, den dritten Platz belegte die Studentenband The Hybridz mit dem Lied »Mach dich nicht mit Rum dumm«, Zweiter wurde die Schülergruppe Just Six mit »Genieße das Leben«, und einen Sonderpreis erhielt das todtraurige Lied »Mir stinkt's«, in dem Schüler einer Förderschule besingen, wie Eltern besoffen auf dem Sofa liegen, wenn die Kinder nach Hause kommen. Für den dritten Platz gibt es eine E-Gitarre, für den zweiten ein Schlagzeug. Tobias Witt und Moritz Exner von Bravour bekommen einen Tag im Osnabrücker Tonstudio DocMaKlang, um eine CD zu produzieren. »Vielleicht ist das der Anfang einer großen Karriere«, sagt Bürgermeister Pistorius.
Moritz Exner lächelt und streichelt sein Armbändchen vom Detten-Rockt-Festival in Emsdetten, wo sie ihren bislang einzigen öffentlichen Auftritt hatten. Ihr Antisauflied wird einmal beim OS-Radio laufen, dem offenen Kanal von Osnabrück. Am Freitag, um 10.45 Uhr, wenn alle potentiellen Komatrinker in der Schule sind. Der Oberbürgermeister verspricht, dass er es auch auf die Website des Rathauses stellen wird, dann muss er weiter. Die anderen alten Männer der Stadt laufen ihm hinterher. Nach wenigen Minuten sitzen nur noch die beiden Rapper Exner und Witt und der Tonstudiobetreiber Matthias Lohmöller im Festsaal, um über den Studiotermin zu beraten.
»Vielleicht in den Ferien«, sagt Lohmöller. Sein DocMaKlang-Studio ist bis Mai ausgebucht. Es gibt jede Menge HipHopper auf dem Land.
Wie heißt eigentlich die bekannteste Band von Osnabrück?
»Ach«, sagt Lohmöller. »Das passt jetzt natürlich nicht so gut. Die Band heißt Boozed, was übersetzt so viel wie 'besoffen' bedeutet, und die leben das auch.« Exner und Witt nicken, sie kennen ein paar Bandmitglieder aus der Schule. Boozed haben bereits ein Album, einen längeren Wikipedia-Eintrag und sind schon im Rockpalast aufgetreten. Ihre Lieder heißen »Bad Seed«, »Drunk'n Dangerous«. Und »Monday K. O.« ALEXANDER OSANG