Rumänien Die Flucht vor den Fluten
Negoi - Eine verrostete Waschmaschine, ein Hund und zwei Bilder - Das ist alles, was Maria Raz vor dem Donauhochwasser retten konnte. Der Fluss hat ihr Dorf im Süden Rumäniens zerstört. Mit Hunderten anderen Flutopfern flüchtete die 62-jährige Rentnerin auf eine Wiese, rund ein Dutzend Kilometer entfernt von den Dörfern Rast und Negoi nahe der Grenze zu Bulgarien. So weit das Auge reicht drängen sich Wohnwagen, Karren und notdürftig errichtete Zelte auf dem Weideplatz. Mehrere tausend Menschen flohen aus den überschwemmten Dörfern. Über 500 von ihnen müssen sich darauf gefasst machen, das orthodoxe Osterfest am kommenden Wochenende unter freiem Himmel zu verbringen.
"Wir können nirgends hin. Wer Glück hat, konnte bei Verwandten oder in Schulen der Umgebung unterkommen", klagt Maria Raz. Ihr Haus haben die Wassermassen mitgerissen. "Seit zwei Tagen campen wir auf dieser Wiese und warten auf ein Stück Brot oder eine Flasche Wasser. Aber bis jetzt haben sich die Behörden in Bukarest damit begnügt, die Region zu überfliegen", empört sich die erschöpfte Frau.
Tränen rinnen über das Gesicht eines alten Mannes, der ein Schaf an sich drückt. Ein "Fluch" habe die Rumänen in den vergangenen Jahren getroffen, sagt Toader Lungu. Letztes Jahr, auch genau vor dem orthodoxen Osterfest, habe er im Fernsehen noch das Drama der Opfer von Timis im Südwesten des Landes gesehen. "Ich hätte nie gedacht, dass wir dieses Jahr die neuen Opfer von Überschwemmungen sein würden", sagt der etwa 70-Jährige. "Wir haben unseren ganzen Besitz im Wasser gelassen. Sogar unsere Toten sind überschwemmt, denn das Hochwasser hat den Dorffriedhof überflutet", erzählt Lungu.
"Eine Familie, die am Montag die Beerdigung eines Angehörigen vorbereitete, musste vor dem Wasser fliehen und den Toten im Haus lassen, das vom Hochwasser mitgerissen wurde", berichtet der Priester von Rast, George Vladoi. Rund hundert Wohnungen habe das Wasser im Dorf völlig zerstört, rund 700 seien überschwemmt, sagt der Geistliche. "Nur die Kirche hat das Hochwasser verschont. Aber dieses Jahr gibt es unglücklicherweise keine Messe für das orthodoxe Osterfest", seufzt der Priester. "Seit Menschengedenken haben wir immer die Ostermesse gefeiert. Dieses Jahr müssen wir eine traurige Premiere durchstehen."
Am Dienstagnachmittag läuteten die Kirchenglocken und heulten die Sirenen in neun Dörfern des südrumänischen Bezirks Dolj. Sie warnten die Menschen vor der unmittelbar drohenden Gefahr neuer Überschwemmungen. "Über 10.000 Menschen müssen möglicherweise in den kommenden Tagen evakuiert werden, wenn der Deich von Bistret unter dem Druck des Wassers bricht", erklärte der Präfekt des Bezirks von Dolij, Nicolae Giugea. Weiter stromaufwärts in Bistret versuchten Hunderte Soldaten und Polizisten das Hochwasser aufzuhalten. Die Einwohner des Dorfes wollten mit Schaufeln und Harken der Gefahr die Stirn bieten, in ihrem Dorf bleiben und "ihren Besitz verteidigen", sagte der Präfekt.
"Wir werden den Schutz vorbereiten, die Erd- und Sandwälle gegen das Donauhochwasser erhöhen. Wir werden bis zum Ende hier bleiben. Wir sind nicht versichert. Wir müssen selbst unsere Häuser verteidigen" bekräftigte Vasile Suciu, ein Einwohner von Bistret. Doch allen in Bistret war zu diesem Zeitpunkt klar, was der Gendarm Bogdan Nicolae aussprach: "Trotz der Mobilisierung aller Einwohner und Polizisten können die Wälle unter dem Druck des Wassers jeden Moment brechen."
Laura Chiriac, AFP