Russland Zwei Flugzeuge abgestürzt, Behörden vermuten Anschlag
Moskau - Die erste Maschine war von Moskau aus unterwegs Richtung Wolgograd, die zweite sollte in Sotschi am Schwarzen Meer landen, wo Russlands Präsident Wladimir Putin zurzeit seinen Urlaub verbringt.
Die erste Maschine, eine Tupolew-134 mit 43 Insassen, stürzte nach offiziellen Angaben um 22.56 Uhr (Ortszeit) in der Region Tula rund 180 Kilometer südlich von Moskau zu Boden. Es habe keine Überlebenden gegeben, meldete die Nachrichtenagentur Interfax unter Berufung auf die Regierung. Augenzeugen berichteten von einer Explosion vor dem Absturz. Die Maschine soll nach Angaben der Agentur Itar-Tass der Fluglinie Wolga-Aviaexpress gehören und vom Direktor der Gesellschaft geflogen worden sein. Der Flugschreiber der TU-134 sei heute morgen gefunden worden, sagte Zivilschutzminister Sergej Schoigu in Moskau.
Die zweite Maschine, eine Tupolew-154 der Fluggesellschaft Sibir mit 46 Menschen an Bord, befand sich in der Nähe von Rostow am Don, knapp 1000 Kilometer südlich von Moskau, als gegen 23 Uhr (Ortszeit) der Kontakt zu ihr abbrach. Die Nachrichtenagentur Interfax meldete unter Berufung auf Regierungskreise weiter, an Bord sei vor dem Verschwinden ein Signal aktiviert worden, das auf eine Entführung hinweist.
Die Maschine sei offenbar in der Luft auseinander gebrochen, sagte ein Sprecher des Katastrophenschutzministeriums. Das Wrack wurde nahe der Ortschaft Gluboki nördlich von Rostow gefunden. Interfax zufolge wurden an der Absturzstelle auch Leichenteile gefunden.
Die russischen Behörden halten einen Terroranschlag für wahrscheinlich. Präsident Wladimir Putin ordnete deswegen sofortige Ermittlungen des Inlandsgeheimdienstes FSB an. An allen Flughäfen wurden die Sicherheitsvorkehrungen verschärft. "Wir werden sehen müssen, ob es sich um Terrorismus handelt", sagte Uno-Botschafter Andrej Denisow.
Wie ein ehemaliger Oberst des FSB gegenüber SPIEGEL ONLINE erklärte, sei vor allem die zeitliche Nähe der Flugzeugabstürze zu den tschetschenischen Wahlen am Sonntag auffällig. Auch das zeitliche Aufeinandertreffen mit dem Sturm der tschetschenischen Rebellen auf Grosny im August 1996 sei in dieser Hinsicht bemerkenswert. Der Einfall der Rebellentruppen hatte den Abzug der russischen Truppen aus der Kaukasus-Teilrepublik eingeleitet. Zur Sicherheitslage auf russischen Flughäfen sagte er, es sei nichts Ungewöhnliches, dass die Wachsamkeit der Sicherheitsleute bei Nachtflügen wegen Übermüdung nachließe
In Moskau suchten Sicherheitsbeamte unterdessen nach sechs Männern, die gestern Abend für den Flug der Tupolew-154 nach Sotschi eingecheckt worden waren, aber nicht an Bord gingen. "Das Gepäck der sechs verspäteten Passagiere wurde von Bord genommen", sagte ein Vertreter des Flughafens Domodedowo.
In Tschetschenien wird am Sonntag ein Nachfolger des ermordeten Präsidenten Ahmed Kadyrow gewählt. Kadyrow war im Mai einem Bombenanschlag zum Opfer gefallen. Deswegen herrscht in Russland erhöhte Furcht vor Terroranschlägen.
Die russische Zeitung "Nezawisimaja Gazeta" meldete, die USA seien beunruhigt über die Ereignisse in Russland. Die außenpolitische Führung werde die Nachrichten aufmerksam verfolgen, sagte ein hoher Beamter aus dem US-Innenministerium. Die Flugzeugabstürze würden allerdings nicht zu einer Verschärfung der Sicherheitsmaßnahmen in den USA führen, hieß es.