Russlands Minen: Die Epoche der Barbarei - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Russlands Minen Die Epoche der Barbarei

Das Grubenunglück von Nowoschachtinsk könnte sich täglich wiederholen - so desolat ist die Lage in russischen Zechen. Doch was geschieht, wenn die baufälligen Minen geschlossen werden? Zwar lautet ein Sprichwort: Die Hoffnung stirbt zuletzt. Doch in den Bergwerksdörfern glaubt niemand mehr an irgendeine Zukunft.
Von Jörg R. Mettke
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?



In Südrussland wird eine Steinkohlen-Zeche nach der anderen geschlossen. Schächte, die noch arbeiten oder abgewickelt werden, erhalten nicht einmal mehr das Nötigste für die Sicherheit. Das Grubenunglück von Nowoschachtinsk, das für russische Verhältnisse ungewöhnlich glimpflich endete, könnte sich tagtäglich wiederholen. Seit langem ist Alltag, was Russlands Präsident Wladimir Putin erst jetzt bemerkte: Not- und Ausnahmesituationen beginnen chronisch zu werden, zum System-Merkmal. Für Kumpel, die den schlecht gesicherten Bergbau lebendig verlassen, gibt es keine Sozialpläne und kaum alternative Arbeitsplätze.

Juschnij, Maiskij, Jubilejnij - sanfte russische Worte mit dem Beiklang von Frühling, Lerchengesang und Aufbruchsstimmung. Doch an den Eisenbahn-Gleisen, die von Rostow am Don herüberführen zu den gleichnamigen Zechen, herrscht ewiger Herbst, frisst ständiger Rost. Der letzte Zug ist hier vor vielen Monaten gefahren. Über herumliegende Kohlebrocken breiten sich Moos und Müll, Waggonruinen am Rande der Strecke wirken wie auf hastiger Flucht zurückgelassen.

Weit ins Land strecken sich Abraumhalden. Doch kein Bagger steuert sie mehr an. Die riesigen Räder der Fördertürme stehen still, durch die geborstenen Fenster der Montagehallen pfeift der Wind. Der Bergbau im östlichen Donbecken, seit Sowjetzeiten größter Arbeitgeber der Region, wird abgewickelt. "Aus der Traum", schimpft Alexander Kawalenko: "Sie haben uns abgezockt und nun schmeißen sie uns weg." Grund dafür, so vermutet ein Offizieller im schwarzen Anzug sei der "Weltmarkt". "Leider", der Weltmarkt sei "eben ein schwieriges Terrain."

Noch dürfen Kawalenko und ein paar Kollegen, Rest einer zweitausendköpfigen Arbeitsarmee, jeden Tag einfahren. Doch keine Kohle mehr hauen auf "Jubilejnij", kein Anthrazit mehr aus dem Berg brechen. Nur alles Brauchbare unter Tage demontieren: Dann soll es unter den Hammer, wenn sich Käufer finden, und ein paar Rubel einbringen zum Ausgleich der Lohnschulden bei den Kumpeln.

Die Erinnerung an das letzte reguläre Geld fällt schwer. Meist gibt es nur Abschläge, 1000 Rubel (30 Euro) pro Mann und Monat, kein Urlaubsgeld, keine Zuschläge. Fast 23.000 Malocher und ihre Familien, mitten im angeblich prosperierenden Putin-Land, sind davon betroffen. Bei allen, stöhnt Gewerkschaftssekretär Sergej Nechoroschkow, "reicht es längst nicht mehr zum Leben".

Zwei Milliarden Rubel (knapp 73 Millionen Euro) schuldete der Kohle-Konzern Rostowugol im vergangenen Jahr seinen Bergarbeitern. Doch in Wahrheit ist es der russische Staat, der seine Werktätigen schindet wie Leibeigene. 87 Prozent der Aktiengesellschaft gehörten der Moskowiter Zentral- und der Rostower Gebietsbürokratie - bis zum März 2002. Da verabschiedete sich das Unternehmen in die Liquidation und verstarb als juristische Person.

Doch nur, um "gänzlich privatisiert, Gott möge schützen", bekreuzigt sich ein Bergmann, wieder aufzuerstehen. Der neue Eigentümer Russkij Ugol (Russische Kohle) versprach für alle Verbindlichkeiten gerade zu stehen. Doch zuerst und vor allem verfügte er die Schließung von fünf Schächten und die Entlassung von 6500 Arbeitern; 3400 weiteren droht die Kündigung.

Bis das Aus kommt, packt Hauer Kawalenko vor der Schicht in die Plastikdose, was das Gärtchen hergibt: gekochte Kartoffeln, saure Gurken. Fleisch und Wurst sind gestrichen, die Ersparnisse aufgebraucht, ganze Dörfer leben auf Pump. Kawalenko macht eine vage Handbewegung hin zur ausgeweideten Schachtanlage: "Achtzehn Jahre habe ich hier geschuftet und was ist mir geblieben, außer meiner Staublunge?"

Keine Abfindungen, keine Sozialpläne mildern das Los der Ausrangierten. In den Bergarbeiter-Siedlungen grassieren Trunksucht und Drogenabhängigkeit. Nur noch die Kriminalitätsstatistiken warten mit Zuwachsraten auf, dafür gleich mit zweistelligen. Wie in Koksowij. Dort wurden die Zechen schon vor sieben Jahren geschlossen. Seither verludert der Ort, in dem noch immer rund 10.000 Menschen leben, acht von zehn Erwerbsfähigen ohne Job und ohne Aussicht, einen zu finden.

Was nicht niet- und nagelfest war, wurde gestohlen und verkauft: Zuerst die Buntmetallkabel der aufgelassenen Schächte, später auch Telefonleitungen, das Inventar der Lagerhallen, des Freilicht-Kinos. Es begann, wie das Lokalblättchen "Rossiskij Donbass" es nennt, die "Epoche der Barbarei".

Doch in die materielle und moralische Verelendung hatten sie sich ja nicht widerstandslos drücken lassen, die Bergleute vom Don. 1996, als unterm Präsidenten Jelzin auch die Löhne ausgeblieben und Arbeitsplätze ersatzlos vernichtet worden waren, hatten sie gestreikt: die Bahnstrecke nach Rostow blockiert, den Regierungspalast belagert, mit ihren Helmen aufs Moskauer Pflaster getrommelt. Und den damaligen Vizepremier Boris Nemzow zur Rechtfertigung nach Schachty beordert, in den Hauptort des Kohlereviers.

Damals zitterten Neurussland Amtswalter noch, wenn die Kumpel vom Don und anderswo ihrem Unmut auf der Straße Luft machten. Heute sitzen die Aktivisten der Bergarbeiter-Bewegung in ihrer spartanischen Gewerkschaftsbude, neben der blau-gelben Protestfahne, die sie damals vor dem Kreml aufgepflanzt hatten und beklagen wie Nechoroschkow die "riesige Müdigkeit", welche über ihre Leute gekommen ist.

Hoffnung, lautet ein russisches Sprichwort, stirbt als letztes. "Die Menschen" sagte Präsident Putin, "schauen mit Zuversicht in die Zukunft". "Niemand mehr glaubt hier an irgendeine Zukunft", rückt Nechoroschkow die propagandisch verbrämte Kreml-Sicht auf die Lage der Nation zurecht: "Aber keiner hat die Kraft, sich zu wehren. Die Region versinkt einfach in Depression." Und dabei hatten sie doch so erwartungsfroh vor zwei Jahren mit Riesenlettern an eine Fabrikfassade in Schachty gemalt: "Putin ist unser."

Das glaubte auch Wladimir Katalnikow, der Gewerkschaftsboss der Gegend. Zweimal haben ihn die Kumpel in die Staatsduma gewählt, um dort ihre traurige Sache zu vertreten. Noch vor zwei Jahren warb er, höchst erfolgreich, "als Putins Vertrauensmann im ganzen Kohlebereich" um Wählerstimmen für den unbekannten Präsidentschaftskandidaten. Nun, da "das Gefühl riesengroßer Ungerechtigkeit" um sich greift, sorgt sich der Deputierte um die nächsten Dumawahlen: "Da werden sie mich wohl prügeln." Einer, der aus Katalnikows Sprechstunde in Schachty kommt und von seiner 1600-Rubel-Rente nicht mehr die Medikamente für die kranke Frau bezahlen kann, schimpft noch auf der Straße über "Verbrechen und Chaos im Staatsmaßstab".

Im Großen und Ganzen bestätigt der Abgeordnete das Urteil seiner deprimierten Klientel: "Seit die da oben den Kapitalismus entdeckt haben, sparen sie beim Faktor Mensch, bei den Löhnen, den Prämien, bei persönlichen Schutzausrüstungen - da hat sich unerhört viel angesammelt." Und das bei schwierigsten Arbeitsbedingungen.

"Bei uns fährt man besser nicht ein, sagen die Kumpel", zitiert Katalnikow eine alte Bergmanns-Weisheit, "und im sibirischen Workuta besser nicht aus." Übertage lässt es sich leben in Südrussland, wenn einer Arbeit hat. Knochenarbeit zumeist. Denn die kohleführenden Schichten im Rostower Gebiet sind niedrig, kaum höher als einen Meter, oft unerreichbar für moderne Technik und schwierig auszubeuten.

Kein Wunder, dass die Gruben aus dem Gulag wuchsen. Den Kommandeuren von Stalins Arbeitsarmeen waren ein paar Loren Kohle allemal mehr wert als ein Menschenleben. Drüben, im ukrainischen Donbass haute Alexej Stachanow Mitte der dreißiger Jahre seine Rekorde aus dem Berg: Gute hundert Tonnen Anthrazit, vierzehn Tagesnormen in einer Schicht. Wer den "Helden der Arbeit" nicht nacheiferte, gar ihre Lohndrückerei kritisierte, galt als Miesmacher und Drückeberger. Arbeitsverweigerung kam Desertion an der Front gleich; mit ihr beschäftigte sich die Geheimpolizei.

An Nachschub für den Frondienst unter Tage mangelte es auch nach Kriegsende nicht: Erst kamen deutsche Kriegsgefangene, danach repatriierte Sowjet-Soldaten, die in deutschen Lagern angeblich ihre Ehre verloren hatten und deshalb zu weiterer Zwangsarbeit genötigt wurden. Wer einen Presslufthammer halten, wer mit der Schaufel umgehen konnte, war binnen fünf Tagen Bergmann.

Doch nun, wo Elektrizität und Wasserpumpen abgestellt werden, wo ein Schacht nach dem anderen absäuft, Havarien und Unglücke zunehmen, scheint gleichwohl Kleinbürger-Glück auf in den Erinnerungen an die sechziger und siebziger Jahre. "Auf 650, 700 Rubel haben wir es damals gebracht", erzählt Oleg Pschenitschnij von Majskoje, "das war damals sehr gutes Geld."

Die Kumpel, von denen viele aus Kosakenfamilien stammen, bauten sich geräumige Häuser. Sie schickten ihre Kinder auf Universitäten und konnten sich Autos leisten, als Ingenieure und Ärzte im fernen Moskau von solchen Errungenschaften nicht einmal zu träumen wagten. "Wir waren der sowjetische Arbeiter-Adel", sehnt sich ein Pensionär mit 1621 Rubeln Rente in die Vergangenheit zurück.

Doch seit 1992, seit Beginn der neuen russischen Zeitrechnung ist in der Siedlung Majskoje kein einziges neues Haus mehr gebaut worden. In 800 Metern Tiefe bleiben 25 Millionen Tonnen Kohle zurück. Das ist ein Zehntel dessen, was Russland vor zwei Jahren nach Deutschland lieferte, Tendenz steigend. "Unsere Enkel hätten hier noch arbeiten können", klagt Veteran Witalij Bondar: "Wenn unsere Kohle wirklich nicht mehr rentabel ist, dann müsste die Regierung doch wenigstens für alternative Arbeitsplätze sorgen".

Die Regierung? Da kann Nikita, 59, nur lachen. "Die ist eine Gangsterbande und durch unsere Proteste nicht zu rühren." Er weiß, wovon er spricht, seit sie ihn mit tausenden anderer Bergleute zu Feuerwehrarbeiten in die Atomkatastrophe von Tschernobyl schickten. Danach hat er demonstriert, Eingaben geschrieben wegen einer Entschädigung, wenigstens einer Zusatzrente: "Aber es ist wie immer bei uns - niemand ist schuld, nur Du selbst."

Der vaterländische Kohle-Bergbau sei, titelte schon vor Jahren die Moskauer "Iswestija", ein riesiges "schwarzes Loch im Haushalt". Doch gerissen haben es vor allem windige Manager, die mit Lohngeldern in Not leidenden Staatsanleihen spekulierten. Und Regional- wie Ministerialbürokraten, die millionenschwere Umstrukturierungs-Hilfen der Weltbank in den Sand setzten.

Während die Region ins Elend kippt, bleiben ihren Bewohnern nur noch die schwarzen Löcher am Rande der Schachtanlagen. Dort, an den wilden Zugängen zu den Flözen, steigen sie - die jüngsten voran - in kleinen Gruppen ein, um untertage ein paar Zentner Kohle zu brechen. Ohne Schutzbekleidung, ohne anständiges Werkzeug und Rettungsgerät, auf eigene Faust und eigenes Risiko. Wenn über ihnen der Berg zusammen bricht, kommen keine Hilfstrupps aus Moskau und keine ausländischen Kamerateams.

Mancherorts, wie rund um Schachty, beginnt der neurussische Kapitalismus weit vor Manchester. Das Land, entschuldigte sich unlängst Wladimir Putin, sei noch zu arm, um sozialdemokratisch sei zu können. Genauer gesagt: sozial und demokratisch.