S-Bahn-Bombe: Staatsanwalt vermutet antisemitisches Motiv - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

S-Bahn-Bombe Staatsanwalt vermutet antisemitisches Motiv

Nach dem Sprengstoffanschlag von Düsseldorf fehlt der Polizei noch immer eine heiße Spur. Ermittelt wird zwar noch in jede Richtung, am wahrscheinlichsten hält die Staatsanwaltschaft jedoch eine Tat aus Antisemitismus und Fremdenhass. Die meisten Opfer waren russische Aussiedler jüdischen Glaubens.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Düsseldorf - "Wir ermitteln jetzt gezielt und vorrangig in Richtung einer ausländerfeindlich beziehungsweise antisemitisch motivierten Tat", sagt Staatsanwalt Johannes Mocken am Nachmittag. Dies ergebe sich nicht aus neuen Erkenntnissen, sondern daraus, dass alle Opfer Ausländer und zum Teil Juden seien. Gleichwohl werde auch in andere Richtungen ermittelt: "Auch die Tat eines Verrückten schließen wir nicht aus." Ähnlich äußerte sich auch ein Sprecher der Polizei.

Die neun Opfer stammten aus Russland, der Ukraine und Aserbaidschan. Sechs von ihnen gehören den Jüdischen Gemeinden in Düsseldorf und Solingen an. Der Sprengstoffanschlag traf sie nach ihrem täglichen Deutschunterricht in einer nahe gelegenen Sprachenschule. Im Durchgang zur Haltestelle Wehrhahn war der Sprengsatz kurz nach 15 Uhr explodiert.

Nach Polizeiangaben hing die Bombe an einem Metallgeländer und hatte eine "hohe Splitterwirkung". Wie genau der Sprengsatz gebaut war und wie er gezündet wurde, war am Freitag weiter unklar. Erst wenn man wisse, ob er mit einem Fernzünder versehen gewesen sei, könne man Näheres dazu sagen, ob es sich um einen gezielten Anschlag auf die Ausländer gehandelt haben könnte, sagte Mocken. Sprengstoffexperten von Bundes- und Landeskriminalamt waren am Tatort im Einsatz.

Eine 26-jährige, im fünften Monat schwangere Frau aus der Ukraine wurde bei dem Anschlag am Bein schwer verletzt und verlor ihr ungeborenes Kind, das durch einen Splitter getötet wurde. Die Ärzte konnten aber ihr Bein bewahren und nähten einen bei der Explosion nahezu abgetrennten Unterschenkel wieder an. Während die Frau am Freitag außer Lebensgefahr war, verschlechterte sich der Zustand ihres 28-jährigen Mannes am Abend wieder. Der Mann schwebe wieder in Lebensgefahr, teilte die Polizei mit. Vernehmungsfähig war zunächst keines des neun Anschlagopfer.

Alle Opfer waren als so genannte Kontingentflüchtlinge nach Deutschland gekommen. Diese Ausnahmeregelung erlaubt jüdischen Emigranten aus der früheren Sowjetunion die Einreise. Die drei Opfer nicht-jüdischen Glaubens hatten in der Heimat nach Angaben der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf jüdische Gläubige geheiratet.

Bund und Länder hatten im Januar 1991 eine Ausnahmeregelung vereinbart, die jüdischen Emigranten aus der früheren Sowjetunion ohne zahlenmäßige und zeitliche Begrenzung, aber entsprechend den Aufnahmekapazitäten der Länder die Zuwanderung nach Deutschland ermöglicht. Damit sollte ihnen auch Schutz vor antisemitischer Verfolgung in der früheren Sowjetunion geboten werden. Seit Anfang der neunziger Jahre reisten über 115.000 frühere Sowjetbürger nach diesem Verfahren nach Deutschland ein.