S.P.O.N. - Fame Fatale: Finding Botox-Rocky - DER SPIEGEL
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S.P.O.N. - Fame Fatale Finding Botox-Rocky

St. Moritz gilt in diesen Tagen als der Treffpunkt der Welt. Verständlich also, dass Sylvester Stallone - schüchtern und scheu, wie man ihn kennt - gerade diesen Ort wählte, um sich als Künstler zu outen. Es kam zu einer zerknautschten Begegnung.
Von Steffi Kammerer
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wir waren für einige Tage in St. Moritz. Eigentlich hatte ich nicht erwartet, ausgerechnet hier zu erfahren, was denn eigentlich los ist mit dem modernen Mann, dem die "Süddeutsche Zeitung" an diesem Wochenende eine ganze Seite gewidmet hat. Dem Mann in der Krise, der gebotoxt und geliftet wird und sich die Brüste verkleinern lässt.

Aber dann traf ich auf jemanden, der es wissen muss: auf Sylvester Stallone, also auf Rocky und Rambo, und der wollte genau darüber sprechen: "Glauben Sie mir, ich weiß, was Männer brauchen. Die müssen aus der Schlacht kommen und sagen: I did it. Wo aber sind heute die echten Herausforderungen? Und deshalb wollen plötzlich irgendwelche Schreibtischtiger auf den Everest."

Stallone schaute mich aus seinen traurig hängenden Augen an und machte einen gurgelnden Laut: "Es ist in uns. Es muss raus." Ich ging ein paar Zentimeter zurück. Er kam mit beiden Händen näher. "Aber es ist so viel schwieriger geworden, ein Mann zu sein. Ist ja nicht so wie früher, wo man einfach mal losgeht und einen Löwen erlegt."

Während ich noch überlegte, wem in meinem Leben vielleicht ein Löwe fehlt und ob die Diagnose nicht doch übertrieben war, da sah ich gegenüber, vor dem Palace Hotel, einen Gecken im Pelzmantel mit Hündchen auf dem Arm in seinen chauffierten Wagen steigen und dachte, dass ich mich da doch wirklich lieber vom aufgepumpten Stallone durch den Dschungel tragen lasse.

Wobei wir vorher noch mal über seine blau getönte Sonnenbrille und vor allem das seltsam zerknautschte Gesicht reden müssten: ich wüsste gern, was ist angeborene Lähmung, was auch hier Botox, was das Resultat von Wachstumshormonen - aber egal, die Stimme ist wunderbar tief und auch wenn ich es bestimmt nicht erwartet habe: er ist ein angenehmer, sympathischer Mann.

Der Kino-Boxer malt auch

Sylvester Stallone war in St. Moritz, um die Rolle seines Lebens zu geben: die des Künstlers, der neben dem berühmten Action-Star bestehen will. Er malt nämlich und das ernsthaft seit 35 Jahren: impulsiv mit dickem Pinsel, viel rot, viel gelb, viel schwarz.

Eins seiner frühesten Bilder heißt "Finding Rocky." Es zeigt einen Muskelmann mit blutunterlaufenen Augen. Es entstand 1975, noch bevor Stallone das Drehbuch zu Rocky fertig geschrieben hatte. Das Bild ist unverkäuflich. So wie die Hälfte seiner rund 30 Werke, die hier in der berühmten Schweizer Galerie Gmurzynska hängen, neben Kurt Schwitters und Yves Klein.

Der Direktor der Galerie, Mathias Rastorfer, und Stallone hatten sich 2008 kennen gelernt, da war der Schauspieler auf dem Zurich Film Festival und die Galerie zeigte Fernando Botero. Stallone sprach kenntnisreich und irgendwann erzählte er, er selbst male auch. Rastorfer dachte sich nicht viel dabei, bis Stallone ihm ein paar Fotos schickte. Da setzte der Galerist sich ins Flugzeug nach Los Angeles. Im Jahr darauf zeigte er erstmals sechs Stallone-Bilder auf der Art Basel.

"Ich liebe die Malerei mehr als alles andere"

Und nun eben die große Ausstellung mit Katalog. Und weil Stallone dann doch Stallone ist, sagt er nicht nur, dass er nervös ist, sondern: "Wie Christopher Columbus fühlt sich das an, ich geh in eine ganz neue Welt." Früher, auf dem Höhepunkt seiner Karriere, hätte es keinen Sinn gehabt, sich als Maler zu zeigen, sagt er. "Es hätte nur geheißen: Ja, klar, jetzt malt er auch und als nächstes kommt er mit einem Parfum." Dafür war es ihm zu ernst. "Ich liebe die Malerei mehr als alles andere. Man kann hier nichts faken: Du fühlst ein Bild oder es ist ein Desaster."

Mit großer Geduld signiert er den Katalog, Servietten und Visitenkarten, lässt sich fotografieren, als geschehe ihm das zum ersten Mal im Leben. Und auf eine Art ist es so. Diese Bilder, das ist er, mit allem was er hat, auch mit all seinen Zweifeln. Und, anders als beim Film, ohne Kompromisse mit einem riesigen Stab. "Hier, das bist nur Du selbst. Dein ganzes Ich. Und entweder es wird akzeptiert oder nicht."

Auf den Bildern: Helden, die sich auflösen. Panische Supermänner. Und Uhren, auf denen die Zeit erbarmungslos abläuft. Und weil er ein Star ist, geht es natürlich auch um die Folgen des Ruhmes, immer wieder Michael Jackson. "Irgendwie träumt doch jeder vom Rampenlicht, zumindest ein wenig", sagt Stallone. "Aber wenn man den Ruhm dann hat, kann er unglaublich destruktiv wirken. Du denkst vielleicht, die Probleme verschwinden, aber das tun sie nicht, im Gegenteil."

Den Hype vermeiden - von wegen

Ihn zu unterstützen ist eine andere Legende angereist: Donald Kuspit, 75, einer der wichtigsten Kunstkritiker Amerikas. Auf den letzten zwei Whitney Biennalen habe er nicht eine derartige Qualität gesehen, sagt er. "Ich glaube an Stallone. Er ist ein Künstler, der versucht, eine emotionale Wahrheit zu erzählen. Das trauen sich wenige."

Sylvester Stallone hat ihn beeindruckt, auch mit seinem kunsthistorischen Wissen, seiner wohl spektakulären Sammlung, die er ihm in Beverly Hills vorführte. "Er ist ein sehr ernsthafter Mensch", sagt Kuspit und blättert im Katalog. "Dies hier", sagt er über das düstere Bildnis eines Boxers, "das hat Museums-Qualität.

Stallone hat sich für sein Coming-out die Schweizer Berge ausgesucht, weil er jeden Hype vermeiden wollte, sagt er. Das ist natürlich Koketterie, in diesen Wintertagen ist St. Moritz der Treffpunkt der Welt, nirgends sonst finden Kunst und Geld stilvoller zueinander, kommen am Vorabend der Vernissage Mick Flick und Naomi Campbell und alle andern auf kurzem Weg.

Später lud Fürst Heinrich zu Fürstenberg zu Ehren Stallones in den Privatclub im Keller des Chesa Veglia, einem jener Orte, wo St. Moritz streng unter sich bleibt. Zur Filmmusik von Rocky hieß der Fürst Stallone willkommen, er erinnerte ans Studio 54, in dem sich die beiden zwar nie trafen, aber wo beide einen Teil ihrer Jugend ließen. Rund 80 Gäste waren geladen, keiner fehlte.

Am nächsten Nachmittag, als Stallone mit seinem Privatjet abgeflogen war, da wurde in den Polstersesseln noch immer über ihn geredet. Ein wenig belustigt - aber dann doch mit dem Autogramm in der Tasche. Und ich merkte, wie Vincent begann, breitbeiniger zu laufen. Plötzlich seine Lenden vorschob. Aber vielleicht bildete ich mir das nur ein.