Gourmets Salzig und dekadent
In der New Yorker Bar »Pravda« würden sich auch die Moskauer Neureichen wohl fühlen: Der Keller ist zur exklusiven Schäbigkeit dekoriert, das Schwarz der kyrillischen Schriftzüge an den Wänden war schon bei der Eröffnung des Lokals verblaßt, die dunkelbraunen Ledersessel sind abgewetzt, und die Pommes frites werden in alten russischen Zeitungen serviert. Es gibt 73 Sorten Wodka. Und vor allem wird die teure russische Spezialität angeboten: Kaviar.
Das Pravda liegt am Rande des Galerienviertels von SoHo und ist seit kurzem der neue Lieblingstreffpunkt der Hippen und Schönen. Eröffnet wurde die Bar von der Deutschen Ana Opitz, 33, und dem Briten Keith McNally, 45, dem auch die In-Läden »Lucky Strike«, »Odeon« und »Cafe Luxembourg« gehören. »Das Pravda ist der Platz, an dem man jetzt gesehen werden muß«, sagt Mitchell Simmons, 32, Public-Relations-Manager bei einer New Yorker Modefirma.
Robert De Niro, Mick Jagger, Jack Nicholson und Sharon Stone waren schon da, und sie alle bestellten Kaviar, De Niro neulich ein ganzes Pfund. Denn superteure Störeier - das ist zur Zeit die beliebteste Delikatesse in New York. »Die Leute wollen sich darin aalen«, sagt Ana Opitz, »sie kaufen nur das Beste.«
Vorbei sind die Zeiten der offensiv vorgezeigten Bescheidenheit, in denen Trendsetter demonstrativ geflickte Jeans trugen, die fünfmal so teuer waren wie unbeschädigte Hosen. Jetzt, wo die US-Wirtschaft wieder besser läuft, ist Dekadenz trendy. Die Gäste im Pravda tragen Nadelstreifenanzüge oder schwarze Kostüme, und selbst die Frauen rauchen Zigarren. Das Essen muß vom Feinsten sein. »Das ist der Nouveau chic«, sagt Amy Schukin, 29, die im Pravda gerade vor einer Unze Beluga-Eiern für 53 Dollar sitzt. »Was früher die Chicken Wings waren, das ist heute Kaviar.«
»Hunderte von 20- bis 30jährigen«, die auch mal Kaviar essen wollen, drängen jede Woche ins elegante New Yorker Restaurant »Caviarteria«, hat der Vizechef des Lokals, Eric Sobol, beobachtet. Der Fisch- und Kaviar-Großhändler Browne Trading in Portland, Maine, hat doppelt so viele Abnehmer für die Störeier wie noch Anfang der neunziger Jahre.
Dabei sind die Preise im vergangenen Jahr drastisch gestiegen. Kostete bei dem alteingesessenen New Yorker Spezialitäten-Geschäft »Petrossian Delicacies« ein Kilo Osietra-Eier 1995 noch 990 Dollar, sind es nun 1400 Dollar. Am teuersten sind die großen grauen Eier des Beluga, die wegen ihres sanften Aromas besonders begehrt sind: 2200 Dollar pro Kilo. Allerdings ist das für die Gäste des angegliederten Restaurants, das in der Nähe der Nobelhotels Plaza, Peninsula, Ritz-Carlton und Essex House liegt, eher noch ein Anreiz: »Viele Prominente essen Kaviar«, sagt Eve Vega, Chefin des Petrossian, »weil der Durchschnittsmensch sich den nicht leisten kann.« Wohlstand verpflichtet auch beim Dinner im Kerzenschein.
Auch bei Feinkost Käfer in München hat der alpine Preis die Nachfrage keineswegs beeinträchtigt. »Für einige Kunden«, sagt der Käfer-Verkaufsleiter Christof Stöberl, »steigt mit dem Preis der Reiz der Exklusivität.«
Der Grund für die Preisexplosion ist simpel: Die Nachfrage wächst, das Angebot schrumpft. Bis Ende der achtziger Jahre produzierte die Sowjetunion 1500 bis 2000 Tonnen Kaviar; 1995 brachte die Russische Föderation gerade mal 90 Tonnen auf den Markt. Denn seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion fischen - neben Iran - nun vier Republiken im Kaspischen Meer: Aserbaidschan, Kasachstan, Rußland und Turkmenien. Alle wollen mit der Delikatesse ihre Devisenkassen aufbessern.
Immer kleiner werden die Maschen in den Netzen, mit denen die Störe gefangen werden - die meisten älteren und größeren Tiere sind längst weggefischt. Auch die Umweltverschmutzung schwächt die Population, obwohl jedes Jahr etwa 90 Millionen Jungstöre im Kaspischen Meer ausgesetzt werden. Der Beluga, der neun Meter lang werden kann und bis zu 80 Kilo Eier in sich trägt, ist stark gefährdet. Mit 18 bis 20 Jahren ist er erst geschlechtsreif - so alt wird inzwischen kaum eines der Tiere.
»Ziemlich merkwürdig« sei deshalb, sagt die Petrossian-Chefin Vega, daß weltweit 450 Tonnen schwarzer Kaviar im Jahr verkauft werden, obwohl offiziell nur 228 Tonnen aus dem Kaspischen Meer geholt werden. Ihr Restaurantchef, der Südtiroler Werner Mair, wundert sich mit einem ironischen Lächeln, »wo der ganze Kaviar herkommt, den die Russen in Brighton Beach essen«.
Zwei amerikanische Wissenschaftler fanden kürzlich eine Erklärung. Drei der 23 Proben, die sie in New Yorker Geschäften gekauft hatten, stammten weder von Beluga, Osietra noch Sewruga, sondern von ganz anderen Störarten. Außerdem habe er gehört, sagt Mair, daß in New Yorker Restaurants minderwertige Löffelstör-Eier als Kaviar angeboten worden seien.
Einige Gäste des trendigen Pravdas würde das kaum stören. Denen komme es darauf an, »Teil der Happening crowd zu sein«, sagt die Pravda-Besucherin Marissa Mencher, 28, die bei Sony-Music arbeitet. Den Unterschied zwischen Original und Fälschung erkennen sowieso nur Gourmets. »Ich mag salzige Sachen«, erklärt die Pravda-Besucherin Brooke Gilbert, 25, als sei Kaviar ein besseres Salzgebäck. »Und ich mag es, weil es teuer ist.«
Den Lenin-Kopf auf dem Schlüsselanhänger für die Pravda-Stammgäste, sagt Ana Opitz, hätten auch schon viele für Stalins Profil gehalten.