Tsunami trifft Samoa: Nach der Katastrophe
Samoa nach Tsunami-Katastrophe Vertreibung aus dem Paradies
Hamburg/Apia - Joseph Bursin und Nicky Fryar machten alles richtig. Und retteten ihr Leben. Das Paar aus Neuseeland machte, wie viele seiner Landsleute um diese Jahreszeit, Urlaub in Samoa. Als vor zwei Tagen infolge eines starken Erdbebens eine riesige Flutwelle die Strände im Südosten überspülte, ergriffen die beiden in letzter Sekunde die Flucht. Sie rannten auf einen Hügel zu, erklommen ihn in Windeseile.
Was ihnen, wie sie selbst sagen, vom Tsunami vor allem immer gegenwärtig bleiben wird, sei der Lärm - das furiose Rauschen des Wassers, das Geräusch von Metalldächern, die krachend auf Autos fallen, Gebäude, die mit Getöse zusammenbrechen.
"Wir hatten vielleicht 15 bis 20 Sekunden, da war das Wasser auch schon genau unter uns", sagte Bursin. "Direkt hinter uns waren Leute, die es nicht mehr schafften. Das Wasser hat sie weggerissen."
Die Zahl der Toten, die in Samoa bislang geborgen wurden, stieg mittlerweile auf 160. Ein Kabinettsmitglied des Inselstaates berief einen Ausschuss, der bestimmen soll, wie Trauerzeremonien und Bestattungen vor sich gehen sollen - Samoaner begraben ihre Angehörigen in der Regel in der Nähe ihrer Häuser, doch die wurden in vielen Fällen zerstört.
Die internationale Hilfe ist angelaufen, Tsunami-Opfer werden mit Lebensmitteln und Wasser versorgt.
Jan Henning Steffen arbeitet für die Uno in Samoa, er hielt sich während des Tsunami in Apia auf der Insel Upolu auf, an deren Südküste die Zerstörungen am stärksten sind.
"Die Menschen auf Samoa haben nach dem Tsunami großen Pragmatismus bewiesen", sagte Steffen SPIEGEL ONLINE. "Es zeigte sich in dieser Situation, wie ausgeprägt zum Beispiel der Familien- und Gemeinschaftssinn ist. Man half sich untereinander, lieh sich Fahrzeuge, um Verletzte ins Krankenhaus zu transportieren, räumte in kürzester Zeit Schutt auf den Straßen beiseite, um sie wieder passierbar zu machen."
Das Maß der Zerstörung sei "sehr uneinheitlich", sagt Steffen. "Das Wasser ist - anders als in betroffenen Landstrichen beim Tsunami 2004 - im Mittel nur bis zu 150 Meter ins Landesinnere vorgedrungen, mancherorts bis zu 400 Meter weit, sodass in einigen Dörfern die eine Hälfte der Häuser völlig zerstört ist, die andere aber noch intakt."
Wie eine langfristige strukturelle Hilfe für Samoa aussehen soll, ist laut Steffen momentan noch völlig unklar. "Seit mehreren Jahren ist der Tourismus eine der wichtigsten Einnahmequellen für die Menschen hier, aber an vielen der weißen Traumstrände im Süden der Insel Upolu wurde der Sand durch die Wellen abgetragen. Man müsste Millionen investieren, um den vorherigen Zustand wieder herzustellen, aber woher soll dieses Geld fließen?"
Es sei nun zu hoffen, dass die Touristen trotz allem nicht ausblieben. "Eine wichtige Rolle kommt in dieser Situation auch den Medien zu", sagte Steffen. "Man sollte die Situation der Gefährdung durch Naturkatastrophen im Südpazifik nicht dämonisieren. Ich selbst lebe seit 15 Jahren in Südostasien und im Pazifik und habe leider mehrere Erdbeben und drei Tsunamis erlebt. Wer etwaige Warnzeichen richtig zu lesen versteht, kann sich in Sicherheit bringen. Dennoch muss die Übermittlung von Warnungsmeldungen in entlegenen Gebieten weiter verbessert werden. Trotz allem sollte man sich bewusst machen, dass Naturkatastrophen wie diese, die nun Samoa getroffen hat, Ausnahmeerscheinungen sind."