Elterncouch Freundlich, glücklich, Sandwichkind
Sandwichkinder: Vernachlässigt - oder doch einfach entspannt?
Foto: Michael MeißnerKinder sind manchmal wahnsinnig süß - und manchmal machen sie uns wahnsinnig. Für SPIEGEL ONLINE legen sich zwei Mütter und ein Vater regelmäßig auf die Elterncouch.
Tilda Beck schreibt auf der Elterncouch im Wechsel mit Juno Vai und Jonas Ratz.
Zweitgeborene mit kleinen Geschwistern haben es nicht leicht, behaupten Erziehungsratgeber. Wirklich? Mein Edward ist eher beneidenswert.
Es heißt ja immer, die sogenannten Sandwichkinder seien bemitleidenswert. Erziehungsratgeber warnen, sie hätten weder ihre Eltern ein paar Jahre für sich allein wie Erstgeborene. Noch würde ihnen die Aufmerksamkeit zuteil, die Nesthäkchen erführen.
Auch mein Sohn Edward, fünf Jahre alt, ist so ein Mittelkind - aber sicher kein armes Sandwichkind. Kein Opfer der Geschwisterkonstellation, wie Psychologen gern behaupten. Sondern das glücklichste meiner Kinder.
Eddie ist viel stärker als seine Geschwister. Er hat viele Eigenschaften, die ich meinen anderen Kindern auch wünschen würde.
Zum Beispiel macht er sich das Leben nicht schwer. Wenn die drei Geschwister malen, zeichnet Konrad, 8, komplizierte Konstruktionspläne, die nie fertig werden. Unzufrieden zerknüllt er seine Bilder wieder, weil sie ihm nicht gefallen. Die kleine Schwester Stella, 3, ist wählerisch. Sie benutzt nur bestimmte Arten von Stiften in ihren drei Lieblingsfarben. Eddie hingegen malt einfach drauflos. Und wenn ihm etwas nicht gelingt, probiert er es eben noch einmal.
Eddie ist außerdem selbstbewusst: Das jüngste Kind etwa zweifelt oft an sich. Stella grübelt häufig, ob wir sie noch lieb haben würden, wenn sie dieses oder jenes anstellte. Der große Bruder möchte zu jeder Handlung ein Feedback. Konrad kann nicht einfach nur mit Lego bauen - er muss gleichzeitig allen Anwesenden schildern, welchen Stein er warum auf den anderen gesetzt hat. Und Edward? Will nur sich selbst genügen. Was andere über seine Bauwerke denken, ist ihm schlicht egal.
Mein Mittelkind weiß, wann es sich zu kämpfen lohnt. Obwohl wir erfahrene Eltern waren, hat uns unser Nesthäkchen Stella gehörigen Respekt eingeflößt. Sie ist so stur und hartnäckig, wie wir es von den Brüdern nicht kannten. Jedes Detail soll so sein, wie sie es sich vorstellt. Das ist anstrengend - nicht nur für uns, auch für sie selbst. Eddie hingegen ist kompromissbereit. Kriegt er das rote Gummibärchen nicht, nimmt er auch das grüne. Wichtig sind ihm nur Versprechen. Macht man eins, muss man es auch einhalten. Und das machen wir sowieso.
Eddie ist kreativ: Mein Mittelkind ist extrem genügsam, wenn es spielt. Sein großer Bruder geht seit jeher nur Beschäftigungen nach, bei denen viele Informationen verarbeitet werden müssen - er liest Bücher, baut nach dicken Anleitungen, spielt anspruchsvolle Gesellschaftsspiele wie "Herr der Ringe - Risiko" in der Erweiterung "Belagerung von Minas Tirith". Die jüngste Tochter findet vor allem in der Nachahmung ihr Glück - etwa, wenn sie mit komplizierten Regeln Mutter-Vater-Kind spielt. Eddie braucht nur einen Stock. Oder ein Seil. Einen Stein. Einen Ballon. Er schafft sich aus allem eigene Welten.
Und er hat ein dickes Fell: Die Tochter kommt nach Hause und erzählt bestürzt: "Matilda hat heute gesagt, meine Strumpfhose ist hässlich!" Ich versuche dann, deshalb nicht viel Aufhebens zu machen, ihr zu vermitteln, dass Matildas Meinung zu Strumpfhosen ihr schnurzpiepegal sein kann. Der große Sohn ist ebenfalls zartbesaitet: Sagt jemand etwas Ungerechtes oder Gemeines, empört er sich, will diskutieren. Eddie bleibt unbeeindruckt, wenn die anderen gemein sind. Er lacht, wenn andere sich aufregen. Oder geht einfach weg.
Neulich verließen meine Kinder die Wohnung. Die Jüngste ging als Erste an mir vorbei durch die Tür und fragte: "Ich sehe schön aus, oder?" Und ich antwortete: "Ja, du bist wunderschön."
Dann kam der Älteste und sagte zu mir: "Und ich bin cool, oder!" Und ich antwortete: "Ja mein Schatz, du bist total cool."
Als Letztes lief mein Sandwichkind durch die Tür und sagte nur lachend: "Und ich ... bin ich."
Ich hoffe sehr, dass er dieses entspannte, freundliche Selbstbewusstsein sein ganzes Leben lang behält.
Tilda Beck,
Mutter von Konrad (8), Edward (5) und Stella (3)
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