SACHBUCH Scharfer Angriff
Allen Globalisierungstendenzen des Profi-Fußballs zum Trotz: Von ihrem überlieferten Brauchtum wollen englische Kicker nicht lassen. Zur Weihnachtsfeier verkleiden sich die Spieler gern mal als Adolf Hitler, bevor sie auf der Bühne eines abgelegenen Pubs Sex mit Stripperinnen haben. Das Bier kübeln sie nach dem Abpfiff literweise in sich hinein, und wenn die Mannschaft mitten im Abstiegskampf steht, genehmigt ihr der Präsident eine Woche Mallorca - selbstredend nicht, damit sich die Spieler im Trainingslager schinden. Das war indes nicht alles, worüber sich der deutsche Torwart Lars Leese bei seinem Gastspiel im FC Barnsley wunderte. Er staunte vor allem über sich selbst. Ein Jahr lang durfte Leese mit dem Provinzclub in der glamourösen Premier League spielen. Ausgerechnet Leese, der ein paar Jahre zuvor noch als Hobby-Keeper auf den Ascheplätzen im Westerwald bolzte. In dem schönen Buch »Der Traumhüter« erzählt der Journalist Ronald Reng, 31, der bis Ende vergangenen Jahres für die »Süddeutsche Zeitung« aus London berichtete, die bizarre Karriere des Deutschen nach. Manchmal trifft Reng dabei sogar einen fast poetischen Ton - ganz wie der Dichter Ian McMillan, ein wahrer Barnsley-Fan, der seiner Mannschaft vor dem 0:3 gegen die Tottenham Hotspurs folgende Taktik anempfahl: »Wir müssen in der Abwehr enger sein / als Großmutters Korsett / Wir müssen im Angriff schärfer sein / als Großmutters BH.«
Ronald Reng: »Der Traumhüter. Die unglaubliche Geschichte einesTorwarts«. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln; 256 Seiten; 8,90Euro.