Schauprozess: Wie ein US-Anwalt Boris demontierte - DER SPIEGEL
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Schauprozess Wie ein US-Anwalt Boris demontierte

In der Scheidungsschlacht zwischen dem Ehepaar Becker geht es vordergründig um Sorgerecht und Unterhalt ­ tatsächlich aber steht das Ansehen eines Idols auf dem Spiel. Von Alexander Osang
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Am Anfang schien es so, als hätten die Deutschen Miami erobert. Es war eisig kalt und windig, der dpa-Fotograf hatte gehört, dass es sogar schneien soll. Vor dem spiegelnden Gerichtsturm in der Innenstadt standen Journalisten mit kantigen, deutschen Gesichtern in Regimentsstärke und wärmten sich aneinander. Amerikanische Kollegen waren kaum da. Der größte deutsche Star würde gleich erscheinen, aber im Lokalteil des "Miami Herald" stand nur ein schmaler Text über den Scheidungs- und Sorgerechtsstreit zwischen Boris Becker und seiner Frau Barbara. Sie hatten ein altes Wettkampffoto hineingestellt, auf dem Becker noch sehr kurze Haare und kurze Hosen trägt und sehr deutsch aussieht. Der sportliche Mann, der wenig später vor dem Miami Dade Court eintrifft, trägt lange, nach hinten gegelte Haare. Auch seine Hosen sind jetzt lang und gehören zu einem dunklen Anzug. Er könnte selbst Anwalt sein. Boris Becker legt den Kopf in den Nacken, schaut in den Himmel über Miami und trägt seine Arme vor sich her wie eine Wünschelrute, um das unruhige Journalistenmeer zu teilen. Es klappt ganz hervorragend, die angereisten deutschen Journalisten müssen sich auch erst daran gewöhnen, dass ihr Held verletzbar ist. Vor dem Fahrstuhl im Foyer des Gerichtsgebäudes spricht Becker mit seinen Anwälten noch Englisch. Im Fahrstuhl schweigt er. Er steht ganz hinten in der Ecke, sein Gesicht spiegelt sich in den Türen. Es ist ganz leise. Womöglich geschieht in diesem Moment eine Art Umwandlung, denn als sich der Fahrstuhl im 22. Stock öffnet, spricht Becker nur noch Deutsch. Er hat jetzt einen Dolmetscher, der Rainer Zantopp heißt. "Wie ist Ihr Name?", übersetzt Herr Zantopp die erste Frage. "Boris Franz Becker", sagt Boris Becker. Was ist Ihr Beruf? "Ich war 15 Jahre lang Berufstennisspieler." Wo leben Sie? "In München, Deutschland." Haben Sie Kinder? "Ja, zwei Buben." Von den sanften Fragen seines Anwalts Robert Kohlman ermutigt, erzählt Becker aus dem Leben eines Tennisstars. Er schildert die Geschichte eines Gehetzten, der in jeder Stadt der Welt verfolgt wird. Er, seine Frau und seine Kinder werden 24 Stunden am Tag von Leibwächtern begleitet. In Miami, Kapstadt, Buenos Aires werde er von Reportern erwartet. Seit seinem ersten Wimbledonsieg 1985 bekomme er anonyme Drohungen. Ja, auch in Florida sei er mal bedroht worden. Vor zwei Jahren beim Turnier in Key Biscayne, drohte jemand, seine Kinder zu entführen. Es gehe immer um die Kinder, vor allem sein großer Sohn sei inzwischen fast so bekannt wie er. Der Name Boris Becker sei inzwischen eine Art Marke. Er sei Werbepartner von verschiedenen Firmen. Mercedes-Benz, AOL, TAG Heuer, um nur einige zu nennen. Aus den Verträgen, die er mit diesen Firmen abgeschlossen habe, dürfe er selbstverständlich nicht zitieren. Das sei ja Gegenstand des Vertrags. Becker und sein Anwalt wollen verhindern, dass der Fall öffentlich verhandelt wird. Immer wieder nennt Anwalt Kohlman die Namen und das Alter der Kinder. Kohlman ist gut gekleidet, sorgfältig frisiert, er trägt eine feine Brille, und sein Partner Donald Hayden sieht ganz genauso aus. Womöglich kann man schon an ihren Anwälten erkennen, wie weit sich Boris Becker und seine Frau auseinander gelebt haben. Barbara Beckers Anwalt ist so was wie das Gegenteil von Kohlman und Hayden. Samuel Burstyn ist ein bulliger Typ, der mit Papier wedelt und große Strecken im Gerichtssaal zurücklegt. Seine Frisur ist so unbeherrscht wie er selbst. Burstyn versucht von der ersten Minute an, das Bild vom "Franz" Becker, dem ehemaligen Berufstennisspieler aus München mit den zwei kleinen Buben, zu zerstören. Die Beckers sind Deutsche, sie haben in Deutschland geheiratet, ihre Kinder sind in Deutschland geboren, sie sprechen Deutsch. Es gibt nicht viele Gründe, ihren Scheidungsfall ausgerechnet in Miami zu besprechen. "Herr Becker, ist es nicht so, dass Sie perfekt Englisch sprechen?", ruft Burstyn. "Nur was Vorhand, Service und Rückhand-Slice angeht", sagt Becker. "Wieso dürfen Sie nicht über Ihre Verträge reden?", fragt Burstyn. "Man darf nicht öffentlich über Verträge reden. Das ist anders als in Amerika", sagt Becker. "Wir sind hier aber in Amerika", sagt Burstyn und lacht. Es war ein guter Satz. "Ist es nicht so, dass Sie nicht über Ihre finanziellen Verhältnisse sprechen wollen, weil Sie sich in einer kriminellen Auseinandersetzung mit den deutschen Steuerbehörden befinden?", fragt Burstyn. "Ich befinde mich seit vier Jahren in einem Rechtsstreit mit dem bayerischen Fiskus", sagt Becker. Burstyn gockelt durch den Gerichtssaal, wedelt Becker mit Dokumenten vor der Nase herum, wirbelt Daten durch die Luft, schreit auf, wenn Becker eine englische Frage scheinbar vor ihrer Übersetzung versteht. Er sticht mit seiner Lesebrille auf den Feind ein. Wenn Becker auf Alternativfragen zu Erklärungen ausholen will, unterbricht ihn Samuel Burstyn. "Was denn nun? Ja oder nein?" Nie ist Becker so bedrängt worden. Nie ist ihm jemand mit so wenig Respekt begegnet. In Deutschland hat er die Dinge in der Hand, aber hier öffnet sich der Boden unter ihm. Erst zerren sie seine privatesten Angelegenheiten an die Öffentlichkeit, und dann sind sie nicht mal höflich. Becker hat hier keinen Vorschuss, nichts. Es dauert ein wenig, bis er das begreift. Manchmal reagiert er bockig, möchte, dass man ihn ausreden oder erklären lässt. Er probiert sein Mienenspiel aus dem Tennis. Er lockert seine Nackenmuskeln wie damals in der Pause zwischen zwei Spielen. Er nippt am Becher, leckt sich die Lippen, all die Gesten, die seine Gelassenheit demonstrieren sollen. Und manchmal starrt er Burstyn an, wie er Lendl oder Edberg anschaute, kurz bevor er den Ball ein letztes Mal auftippen ließ. Er hat die U. S. Open gewonnen, aber Burstyn scheint kein Tennisfan zu sein. "Ist es nicht wahr, dass Sie in Ihrem Scheidungsantrag in München das Fürsorgerecht nicht gesondert beantragt haben?", fragt Burstyn und wedelt wieder. "Wenn es so in dem Papier steht, wird es stimmen", sagt Becker. "Dann haben Sie das Gericht angelogen", ruft Burstyn. Becker taumelt durch einen zusammenhangslosen Bericht, der ihn nach Florida führte, wo er niemanden antraf, und dann in irgendein Restaurant, in dem ihm jemand Dokumente "servte", mit denen er nichts anfangen konnte. Burstyn unterbricht ihn nicht bei dieser Irrfahrt. Am Ende fragt der Richter Becker, was er damit sagen wollte. Becker ist angeschlagen. Er erzählt, dass er den Leibwächtern und dem Kindermädchen verboten habe, seine Frau in Miami allein zu lassen. Aber über Weihnachten musste der Sicherheitsmann dann zu seiner Familie, und der Ersatz sei krank geworden. Anderseits entscheide seine Frau ja auch allein, ob sie einen Leibwächter mitnehme oder nicht. Seine Angriffe auf Barbara Becker sind halbherzig und leise. Er mache sich Sorgen um seine Frau, sagt er, die Kollegen vom Boulevard registrieren, dass er seinen Ring noch trägt. Seine Kinder nennt er immer wieder "die Buben". "Wenn ich ein unbekannter armer Mann wäre, gäbe es niemanden, der meine Buben entführen würde. Durch die Verhandlung wird die kriminelle Phantasie von diesen Leuten nur noch angeregt." "Ist es nicht wahr, dass Ihre Kinder in Deutschland mehrfach bedroht wurden, aber niemals in Amerika?", ruft Samuel Burstyn. "Sind Sie hier nicht eigentlich sicherer als in Deutschland?" "Nein", sagt Becker und erwähnt wieder die Drohung von vor zwei Jahren in Key Biscayne. Er muss zugeben, dass er sie nicht mal der Polizei meldete. Sein unbeholfener Anwalt Kohlman springt ihm zur Seite, indem er das Attentat auf Monica Seles erwähnt. Aber die Tennisspielerin ist ausgerechnet in Deutschland niedergestochen worden. "Es gibt eine Anzahl von Kriminellen, die mich auf der ganzen Welt begleiten", sagt Becker. "Eine Gruppe von Erpressern folgt Ihnen um die ganze Welt?", fragt Burstyn spöttisch und sieht die deutsche Journalistenbank an, als säßen dort bereits die Geschworenen. "Seit drei Wochen gibt es in Deutschland und auch in Miami kaum noch ein anderes Thema als die Beckers", sagt Becker, der am Ende von sich und seiner Familie vor allem in der dritten Person redet. Als Zeitungsleser gewissermaßen. Womöglich hat er über die Dauerberichterstattung etwas die Übersicht verloren, aber hier weiß kaum jemand etwas von Sabrina Setlur. Vermutlich sind die meisten Amerikaner überrascht, dass es in Deutschland überhaupt Rapper gibt. Jay Weaver, der für den "Miami Herald" vom Prozess berichtet, lässt sich den Namen der Sängerin in den Block diktieren. Am nächsten Tag konstatiert er in seiner Zeitung, dass Becker "in Deutschland immer noch ein so großer Star" ist. Zwischen den Instruktionen seiner Anwälte, dem riesigen, ignoranten Amerika, dem Riss in seiner Privatsphäre und dem deutschen Medienauftrieb der letzten Wochen verliert Boris Becker an Größe. Er muss jetzt zu viele Rollen spielen. Er ist ehemaliger Spitzensportler, Geschäftsmann, Vater, Ehemann, Deutscher, Weltbürger, und er bedroht die amerikanische Pressefreiheit. Ein armer, reicher, großer, kleiner Mann. Er kann gar nicht mehr souverän sein. Als Burstyn sich endlich gesetzt hat, stehen zwei Anwältinnen auf, die hier den "Miami Herald" und die Fernsehstation NBC repräsentieren. Sie erklären das Prinzip. Becker will nur seine Ruhe haben, aber sie sehen die Pressefreiheit bedroht. Sie rollen Präzedenzfälle aus. Die Sache Jackie Gleason zum Beispiel, der Fernsehentertainer, dessen Scheidung hier in den siebziger Jahren öffentlich verhandelt wurde. Becker hat dreimal Wimbledon gewonnen. Er ist der größte deutsche Sportheld. Und hier vergleichen sie ihn mit einem Fernsehfritzen aus Florida. Sie wollten ihn eine halbe Stunde verhören, und es hat zwei Stunden gedauert. Niemand hält sich an die Absprachen. Die "Bild"-Zeitung hat hier keine Kraft. In Amerika ist er auf verlorenem Posten. Es ist alles ein großes Missverständnis. In Miami steht doch nur die Ferienwohnung. Das Haus steht in München, Deutschland. Am deutlichsten prallen die beiden Welten aufeinander, als Beckers Anwälte ihren zweiten und letzten Zeugen, Thomas Herbst, aufrufen. Herbst ist ein ehemaliger schwäbischer Polizeibeamter, der Boris Becker seit vielen Jahren bewacht. Er sagt, dass er in seinem Hotelzimmer in Miami in der letzten Nacht zwei anonyme Anrufe erhalten hat. "Eine Stimme sagte mitten in meinen Schlaf, dass ich mit Konsequenzen rechnen müsse, wenn ich im Fall Becker falsch aussagen sollte", sagt Herbst. "Warum haben Sie nicht die Taste gedrückt, mit der Sie erkennen können, wer Sie angerufen hat?", fragt Burstyn. "Weil ich diese Funktion in Deutschland ausschalte, um meine eigene Nummer zu schützen", sagt Herbst. "Wo waren Sie letzte Nacht?", fragt Burstyn. "In Miami", sagt Thomas Herbst. "Und warum erzählen Sie mir, wie Sie die Dinge in Deutschland handhaben?", fragt Burstyn. "Wir sind hier in Amerika." Herbst überlegt. Gute Frage. Sie hat etwas Endgültiges. Beckers Anwälte hielten den aufrechten Mann für ihre Trumpfkarte, aber als er fünf Minuten später den Zeugenstuhl verlässt, scheint alles verloren. Thomas Herbst setzt sich wieder auf die Zuschauerbank hinter Boris Becker. Er war der letzte Versuch. Am Ende der Anhörung scheint Becker eher der Herr Becker aus Süddeutschland zu sein als die ehemalige Nummer eins der Tennisweltrangliste. Mehr Franz als Boris. Womöglich ging es darum, vielleicht wollten die Anwälte von Barbara Becker dem Star zeigen, wie sehr er sich in einem öffentlichen Verfahren demontiert, wenn er nicht auf die Forderungen seiner Frau eingeht. In einer Pause nähert sich Boris Becker einer schwangeren Gerichtsdienerin und berührt ihren Bauch. Sie sieht ihn ängstlich an. "Alles Gute", sagt Becker. "Das ist ein deutscher Brauch", sagt eine Assistentin seiner Kanzlei schnell. "Es soll Glück bringen. Vielleicht wird das Kind ja mal ein Tennisspieler." Die Gerichtsdienerin nickt artig. Robert Kohlman sagt dem Richter in seinem Abschlussplädoyer, dass er ja selbst Journalistik studiert habe und die Freiheit der Presse liebe wie kein anderer. Er erwähnt noch einmal die Namen und das Alter der beiden Kinder. Sieben Jahre und 16 Monate. Er fordert das Gericht auf, sie zu schützen und die Verhandlung aus der Öffentlichkeit zu nehmen. Als er fertig ist, sagt der Richter nur: "Ich versteh euch nicht, Leute." Das ist alles. Boris Becker weiß jetzt, was ihn erwarten könnte. Das Urteil: Das Gerichtsverfahren bleibt öffentlich, von ein paar Ausnahmen abgesehen. Während Becker irgendwo am Hintereingang mit seinen getreuen schwäbischen Leibwächtern in seinen Mercedes steigt, flattert vor dem Haus die Frisur des Anwalts seiner Frau Barbara fröhlich im Meereswind. "Ich verstehe gar nicht, was Boris Becker hier will. Es klingt so, als würde Mercedes-Benz das amerikanische Rechtssystem kontrollieren wollen, aber das wird nichts", sagt Burstyn, bevor er in seinen glänzenden, schwarzen, ganz und gar amerikanischen Cadillac steigt, einen Geländewagen. Seine Mandantin hat das erreicht, was sie wollte. Dem Star zu zeigen, dass er hier nur ein ganz normaler Ehemann ist. Noch am Nachmittag versucht Barbara Becker ihren Mann zu erreichen. Auch sie hat die Dinge wohl unterschätzt. Die beiden treffen sich am Abend, weil sie nicht wollen, dass es so weitergeht, heißt es. Am nächsten Tag essen sie zusammen und beraten drei Stunden lang, wie sie sich außergerichtlich einigen können. Im Büro von Barbara Beckers Anwalt.