Scheck oder Gesundheit
Mechelle Vinsons Karriere verlief steil und stürmisch. Mit 18 trat sie als Auszubildende in eine Washingtoner Sparkasse ein. Vier Jahre später hatte sie es zur Vizepräsidentin der Zweigstelle mit entsprechendem Gehalt gebracht. Dann kündigte die Jungmanagerin und verklagte ihren Arbeitgeber.
»Mal im Tresor, mal im Aktenkeller, mal auf der Damentoilette - insgesamt 40- bis 50mal«, machte sie geltend, habe sie mit ihrem Vorgesetzten »sexuell verkehren müssen«, um »Job und Leben nicht zu riskieren«.
Der Fall der Mechelle Vinson, heute 31, ging durch sämtliche Gerichtsinstanzen. Vergangenes Jahr entschied der Supreme Court endgültig zugunsten der Klägerin. Die obersten Richter erkannten in ihrem Urteil, der Tatbestand der sexuellen Nötigung am Arbeitsplatz sei nicht erst dann erfüllt, wenn Vorgesetzte die berufliche Karriere Untergebener von der Erfüllung sexueller Forderungen abhängig machten; es reiche schon, wenn sich ein »feindliches oder beleidigendes Arbeitsumfeld« im Betrieb entfalte.
Vorige Woche setzte der Oberste Gerichtshof mit einem neuen Urteil zugunsten berufstätiger Frauen nach. Als eine Art Wiedergutmachung für langjährige Diskriminierung befanden die Richter, daß Arbeitgeber bei Beförderungen Frauen durchaus bevorzugen könnten.
Schon der erste, von Frauen- und Bürgerrechtsverbänden begrüßte Richterspruch half dem Washingtoner Rechtsanwalt Bruce Fredrickson, einen Prozeß zu gewinnen, dessen Ausgang der Diskussion um sexuelle Nachstellungen am Arbeitsplatz womöglich eine »neue Dimension« verleihen wird (Fredrickson). Der Fall:
»Elizabeth, fickst du denn auch für die Firma?« hatte Bruce Schafer, leitender Angestellter des Washingtoner Architektenbüros Swanke, Hayden & Connell, von einer neuen Mitarbeiterin in der Marketingabteilung, Elizabeth Reese, wissen wollen.
Die derart rüde Angesprochene reagierte schockiert, aber cool. »Das steht nicht in meinem Vertrag, antwortete ich und verließ den Raum«, erinnert sich Frau Reese, 34, an die erste geschäftliche Besprechung in ihrer Firma am 21. März 1984, und: »Ich kannte den Mann doch gar nicht.«
Sie sollte ihn kennenlernen. Denn die Begrüßungsfrage, die Schafer mit der Andeutung ergänzt hatte, Elizabeth Reeses Vorgängerin sei durchaus mit derlei Praktiken bei der Auftragsbeschaffung (Firmen-Umsatz: 29 Millionen Dollar) behilflich gewesen, war nur die Eröffnung.
Im Laufe der folgenden 24 Monate steigerte sich Schafer »in eine besessene Beschäftigung mit den privaten Lebensgewohnheiten und sexuellen Aktivitäten« der ihm unterstellten Frau hinein, heißt es in den Gerichtsunterlagen.
Als die engagiert und erfolgreich arbeitende Marketingspezialistin sich einmal aus der Klinik telephonisch krank meldete, machte ihr Schafer einen ungebetenen Therapievorschlag: Ihr Leiden beruhe einzig darauf, daß sie »nicht genug Sex« habe.
Ein andermal habe Schafer, so ein als Zeuge geladener Direktor des Unternehmens vor Gericht, »im Beisein von fünf oder sechs Kollegen Ms. Reese geraten«, mit Geschäftspartnern ins Bett zu gehen, »um die Firma aus einer Flaute« zu bewegen.
Des Managers Besonderheit: Er versuchte nie, nach der jungen Frau zu grapschen, er machte ihr keine persönlichen Avancen, seine Attacken blieben zynisch-verbal.
Daß Kerle wie Schafer, der auf Vorstandssitzungen Elizabeth Reese als »Nutte« bezeichnete und Frauen grundsätzlich »nur zum Sex« für geeignet hielt, in amerikanischen Büros - und wohl auch anderswo - kein Einzelfall sind, belegen eine ganze Reihe von Untersuchungen und Statistiken in den USA.
Eine Umfrage unter 294000 Beamtinnen ergab, daß 42 Prozent der Befragten sich von männlichen Kollegen sexuell belästigt fühlten. Bei der Kommission für Gleichheit am Arbeitsplatz (EEOC) gehen immer mehr Beschwerden ein: Während es 1981 erst 4272 waren, registrierte die EEOC vier Jahre später 7273 einschlägige Beschwerdebriefe. Und auch die Klagen nehmen zu: Zwischen 60000 und 75000 Dollar haben Geschworenengerichte in letzter Zeit Klägerinnen zuerkannt.
Die Dunkelziffer dürfte allerdings erheblich sein. Denn aus Scheu oder Angst um den Arbeitsplatz zögern viele Betroffene, die häufig physisch und psychisch erniedrigende Anmache aktenkundig zu machen. Das gilt übrigens gleichermaßen für Männer, die von weiblichen Vorgesetzten belästigt werden - sie machen immerhin zehn Prozent aller erfaßten Fälle von sexueller Nötigung aus.
Auch Elizabeth Reese, die ihren Job mochte, nahm die verbalen Peinigungen zwei Jahre lang hin. Sie probierte es mit Witzen, sie versuchte, Schafer zu stellen, sie bat um Hilfe bei anderen Vorgesetzten. Aber: »Niemand nahm das ernst.« Die Firma Swanke, ironischerweise auch an der Restaurierung der New Yorker Freiheitsstatue beteiligt, sah ungerührt zu, wie ihre Mitarbeiterin von diesem einen Manager malträtiert wurde.
Bis zum 11. März 1986. Da wurde Elizabeth Zeugin, wie der Betriebs-Chauvinist Schafer sich einer im siebten Monat schwangeren Kollegin mit einem Drahtbügel näherte und, mit anzüglichem Blick auf ihren Bauch, sagte: »Ich komme wohl ein bißchen spät damit.« Elizabeth Reese sah sich in diesem Augenblick vor der Wahl zwischen »meinem Gehaltsscheck oder meiner Gesundheit«.
Sie kündigte fristlos, klagte und gewann hoch. Nach zehntägiger Verhandlung sprachen ihr die sieben Juroren (allesamt Frauen) jetzt eine Entschädigung in Höhe von 250000 Dollar zu.
»Wir haben uns wahnsinnig gefreut« sagt der siegreiche Reese-Anwalt Fredrickson. Seiner Kanzlei muß der frühere Arbeitgeber seiner Mandantin auch die entstandenen Kosten der Verteidigung in Höhe von 489437,01 Dollar begleichen. Beide Summen sind eingegangen.
Reese-Peiniger Schafer hat die Firma Swanke, Hayden & Connell verlassen.