BILDBÄNDE Schlamm drüber
Das legendäre Festival Woodstock war unter anderem eine Schlammschlacht, außerdem ein entsetzlicher Flop: Einkünften von 1,4 Millionen Dollar standen Ausgaben von 2,7 Millionen gegenüber, und so viel Dope gab es wohl in den ganzen Catskill-Mountains nicht, um diese zwei Zahlen schönzurechnen. Unter den Besuchern, eine halbe Million schätzungsweise, kam es zu einer nicht verifizierbaren Zahl von Erkältungen, Blasenentzündungen - ausgelöst durch Sex auf matschig-kaltem Boden -, dazu Schnittwunden, vier Fehlgeburten. Möglicherweise war Woodstock also ein Desaster, anfangs; ziemlich schnell jedoch wurden diese drei Tage zum Mythos. In diesem Sommer sind es 40 Jahre, die das bereits her ist, unzählige Essays, Feuilletonartikel, rhetorische Fragen liegen dazwischen - doch nun haben zwei Musikjournalisten einen Bildband zusammengestellt, der weder fragt noch antwortet, sondern der zum Hineinträumen einlädt. Das Coffeetable-Buch der »My Generation«-Generation beginnt mit Bildern vom Gelände, rein und unberührt, dann herrlich körnige Fotos vom Aufbau, dann der erste, zweite, dritte Tag, schließlich das große Aufräumen. Die Bilder haben einen verblüffenden Charme. Was daran liegen mag, dass alle Menschen irgendwie glücklich und schön aussehen, ob Star oder Fan, ob bärtig oder Batik. Und manchmal hielt das Glück sogar - wie bei dem berühmten Cover-Pärchen, gehüllt in eine Decke, versunken ineinander. Barbara und Nicolas Ercoline heirateten wenig später und sind heute noch zusammen, immer noch verliebt und heimlich weltberühmt.
Mike Evans, Paul Kingsbury (Hg.): »Woodstock«. Collection Rolf Heyne, München; 288 Seiten; 39,90 Euro.