Unwetter in Brasilien: Die Opfer der Schlammlawinen
Schlammlawinen in Brasilien Tal der Toten
Die Todesacker von Teresópolis liegen gleich hinter dem Golfclub. Eine schmale Straße windet sich am Rio da Posse entlang, diesem Fluss verdankt das Stadtviertel Posse seinen Namen. Das Gewässer war nur wenige Meter breit, man konnte hier Forellen angeln, das Wasser war klar und frisch. Schmucke Pensionen und bewachte Wohnanlagen für die Reichen aus Rio säumten seine Ufer. Hinter schmiedeeisernen Toren erstreckten sich gepflegte Rasenplätze und Swimmingpools.
Doch in der Nacht auf den vergangenen Mittwoch verwandelte sich das idyllische Tal in eine Todesfalle. Mehrere Stunden lang war ein Wolkenbruch über Teresópolis niedergegangen, der Wasserpegel des Rio da Posse stieg innerhalb weniger Minuten um mehr als fünf Meter. Zugleich hatte sich der mürbe Erdboden oben am Berg vollgesogen wie ein Schwamm. Der Untergrund der Berge von Teresópolis besteht aus Granitfelsen, das Regenwasser kann nicht versickern. So kam die Vegetation ins Rutschen, eine Schlammlawine riss den Urwald mit sich in die Tiefe.
Die braune Flut schäumte und brodelte, sie toste mit über hundert Stundenkilometern durch die Landschaft.
Drei Tage nach der Horrornacht hat sich der Fluss beruhigt und ein neues Bett geformt. Immer noch ist er dreimal so breit wie vorher. Die Wassermassen brechen sich an der Wand eines schmucken gelben Wochenendhauses, sie strömen durch das Wohnzimmer und über die Treppen, nur das oberste Stockwerk ragt aus den Fluten. Früher stand das Gebäude zehn Meter vom Ufer entfernt, jetzt befindet es sich mitten im Fluss. Von der Urlaubsanlage nebenan mit dem hübschen Namen "Toca de Coelho", Hasengrube, stehen nur noch das Einfahrtstor und ein paar Mauern, den Rest hat der Fluss mitgenommen.
"Campo Grande ist eine Geisterstadt"
Auch die Uferstraße ist unter einer meterdicken Schlammschicht verschwunden. Autowracks und Felsen von der Größe eines Lastwagens liegen in den Vorgärten, als hätte ein Riese mit ihnen gewürfelt. Ein Audi liegt auf dem Dach, er ist zweihundert Meter weit mitgerissen worden, ein Lieferwagen ist bis zur Frontscheibe im Schlamm versunken, ein VW ist auf einer Dachterrasse gelandet.
Einige hundert Meter flussaufwärts stapft Dina Lopes durch den Schlamm. In einem rotweißen Stoffbündel hat sie ihre Habseligkeiten zusammengebunden: Kleidung, ein paar Dokumente, Schuhe und Schmuck. Sie kommt von Campo Grande, dem "Großen Feld", so heißt das Armenviertel, das oben am Fluss lag. Einige hundert Familien, so schätzt sie, lebten in der kleinen Siedlung. Sie arbeiteten als Hausangestellte für die reichen Leute in den Condominios. Dina ist Maniküre, sie lackierte den Damen, die entlang des Flusses wohnten, die Fingernägel.
Jetzt ist die Favela verschwunden, verschlungen vom Schlamm. Wo früher Häuser standen, ragen Felsen aus dem Sand. Dina hatte Glück, ihr Haus liegt weiter entfernt, es steht noch, aber sie wollte nicht bleiben. "Campo Grande ist eine Geisterstadt", sagt sie mit leiser Stimme. Ihr Stiefvater und ihre Großmutter sind in den Fluten ertrunken, sie haben die Leichen gefunden, Dina hat sie identifiziert. Ihre Schwiegermutter, mehrere Cousinen und eine Schwester sind verschwunden.
Über 20 Tote wurden bislang aus dem Rio Posse geborgen, einige Leichen mussten die Helfer aus den Bäumen klauben. Niemand weiß, wie viele Menschen noch unter dem Geröll begraben sind. Einige Dutzend, wie die Bergungsarbeiter vermuten? Einige hundert, wie Dina glaubt? Oder womöglich über tausend, wie ein Anwohner aus einem der Condominios vermutet? Mehr als 700 Häuser hätten dort gestanden, wo einst Campo Grande war, sagt der Mann.
Wartenummern für das Identifizieren der Toten
Die genaue Anzahl der Opfer wird man wohl nie erfahren. Brasiliens Favelas haben kein Einwohnerverzeichnis, sie existieren auf keinem Stadtplan und keiner Karte. Über 550 Leichen haben Helfer seit Mittwoch in den drei Gemeinden Petrópolis, Teresópolis und Nova Friburgo in den Bergen nördlich von Rio geborgen, täglich werden es mehr. Unter der Hand räumen Behördenvertreter ein, dass sich die Anzahl der Toten wohl mindestens verdoppeln wird. Viele Seitentäler sind immer noch von der Außenwelt abgeschnitten.
Die Toten von Teresópolis werden in dem Versammlungsgebäude einer evangelischen Kirche im Zentrum der Stadt gelagert, die staatliche Morgue ist überfüllt. Hunderte Frauen, Männer und Kinder drängen sich vor dem Holzhaus; sie warten, dass sie zur Identifizierung der Toten vorgelassen werden. Ein Mitarbeiter der Stadtverwaltung gibt Wartenummern aus, ab 15 Uhr soll es weitergehen.
Sandra Gregório hat die Nummer 104 gezogen, sie vermisst ihre Schwester und deren zwei Kinder, einen zehnjährigen Neffen und ihren neunzehnjährigen Bruder haben sie bereits tot geborgen. "Unsere Mutter ist gelähmt, sie sitzt mit einer weiteren Tochter zu Hause und wartet seit drei Tagen auf Hilfe", berichtet Regina Gregório, Sandras Schwester. "Aber die Straße ist verschüttet, und die Hubschrauber können dort nicht landen." Plötzlich sinkt Sandra ohnmächtig zu Boden, der Stress ist für die füllige Frau zu viel.
Verwesungsgeruch liegt in der Luft. Es gibt nicht genug Kühlräume, deshalb hat die Stadtverwaltung zwei Laster mit Gefrierkammern angefordert. Alle paar Minuten fahren Pick-ups vor, die neue Tote in schwarzen Plastiksäcken bringen. Helfer heben die Körper von den Ladepritschen und tragen sie schweigend in das Kirchengebäude. Dort fotografieren Polizisten die Toten.
"Viele Opfer sind entsetzlich verstümmelt"
Den Angehörigen würden ab sofort nur Fotos gezeigt, der Anblick der Toten solle ihnen erspart bleiben, berichtet Marcos Antonio da Silva, ein Stadtangestellter, der sich freiwillig zum Dienst in der Leichenhalle gemeldet hat: "Viele Opfer sind entsetzlich verstümmelt. Sie können nur anhand ihres Gebisses oder mittels DNA-Proben identifiziert werden."
Während die Wartenden klagend oder weinend vor der Leichenhalle ausharren, kehrt wenige Straßenblocks weiter der Alltag zurück. Das Zentrum der 160.000-Einwohner-Stadt hat kaum unter den Regenfällen gelitten. Einige Supermärkte, Handy-Läden und Boutiquen sind geöffnet. Viele Ladenbesitzer hatten ihre Geschäfte aus Angst vor Plünderungen zunächst geschlossen, doch bislang ist es nur vereinzelt zu Diebstählen gekommen. Jetzt öffnen die Läden wieder. An den Straßenecken wachen Polizisten.
Am Rio Posse holen die Überlebenden Kühlschränke, Herde und Möbel aus ihren Häusern. Polizisten treiben sie zur Eile an. "Oben am Fluss gießt es in Strömen, jederzeit kann wieder eine Schlammlawine losbrechen", warnt der Einsatzleiter. In dem Stadtviertel Caleme, das nur wenige Kilometer entfernt liegt, ragen mehrere riesige Felsen aus einem blanken Bergrücken, sie können jeden Moment zu Tal stürzen. Dreißig oder vierzig Meter unter ihnen stoßen Bergungstrupps ihre Schaufeln in die feuchte Erde.
Zwanzig Häuser standen hier, eine Schlammlawine hat alle mitgerissen, nur von einem stehen noch die Grundmauern. "24 Tote haben sie hier herausgeholt", erzählt Sandra Mateus, ihre neunjährige Tochter klammert sich an ihren Rock. Sandras Mann Cleobier ist Polizist, er kommt dem Besucher mit einer schwarzen Trage entgegen, darauf liegen zwei Körper in Plastiksäcken. "Das sind Nachbarn von uns", sagt Sandra. "Wir haben Glück gehabt, unser Haus steht noch."
Sie weist auf ein gelbes Gebäude am Rande der Schneise aus Bäumen, Trümmern und Autowracks, die der Fluss in das Viertel geschlagen hat. "Wir haben zugesehen, wie die Lawine ins Tal gerauscht ist. Das Geräusch werde ich nie vergessen, das ganze Haus hat vibriert."
"Die meisten Brasilianer leben in Risikogebieten"
Jetzt wartet sie darauf, dass die Feuerwehr die Felsen sprengt, die oben am Berg so bedrohlich aus dem Hang ragen. "Solange diese Brocken dort hängen, dürfen wir nicht in unser Haus zurückkehren." Sie ist mit ihrer Familie vorübergehend bei einer Tante untergeschlüpft.
Wer nicht bei Angehörigen unterkommt, sucht in der Gemeinde-Sporthalle von Teresópolis Zuflucht. Dort drängen sich Hunderte Familien, die ihre Häuser verloren haben oder vorerst nicht zurückkehren dürfen, weil ihre Grundstücke als Risikogebiete ausgewiesen sind.
In Teresópolis tickt eine Zeitbombe, das wird jedem klar, der für ein paar Stunden durch die gewundenen Straßen und Täler der Außenbezirke fährt. Wie Krähennester kleben viele Häuser an den Hängen. Die wilde, ungeregelte Besiedlung von Hügeln, Bergen und Urwäldern sei nicht die Ausnahme, sondern die Regel, bekannte Präsidentin Dilma Rousseff, die am Donnerstag das Katastrophengebiet besuchte: "Die meisten Brasilianer leben in Risikogebieten."
Zehntausende Menschen haben sich allein in Teresópolis in den vergangenen Jahren neu angesiedelt: Die Reichen aus Rio kauften teure Grundstücke in den Flusstälern, weil sie hier eine Zuflucht vor dem Stress und der Hitze der Großstadt fanden. Die Armen bauten oben an den Hängen ihre Hütten, weil die Reichen neue Jobs nach Teresópolis brachten: Sie brauchen Gärtner, Putzfrauen, Hausmeister, Kindermädchen und Köche.
Die Behörden haben der grenzenlosen Bauwut keinen Einhalt geboten: Die Reichen sind zu mächtig und die Armen zu zahlreich. Die Natur hat sich jetzt an beiden gerächt.