Schlechte Karten - DER SPIEGEL
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Schlechte Karten

Ortstermin: Vor dem Amtsgericht Frankfurt am Main klagt ein Fan gegen den Deutschen Fußball-Bund.
Von Mario Kaiser
• aus DER SPIEGEL 9/2006
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Mann, der den größten Verein der Welt herausfordert, faltet die Hände, als wollte er beten. Björn Kracht sitzt an einem kleinen Tisch im Saal 101 des Amtsgerichts Frankfurt am Main und blinzelt in die Objektive der Fotografen, sie fordern ihn auf, sie anzusehen, Auslöser klicken. Kracht senkt den Kopf und blickt auf seine Hände, er sieht aus wie ein Angeklagter.

Er ist nicht der Einzige, der die Dimension dieses Verfahrens unterschätzte. Der Richter hatte in den viel kleineren Saal 150 geladen und ordnete sofort den Umzug an, als er merkte, dass der Platz für die Prozessbeobachter nicht reichte. Er ist offenbar kein Fußballfan und erkannte nicht, dass es in der Sache 31 C 3120/05 um eine Frage von großer Bedeutung geht.

Björn Kracht ist der Kläger in diesem Verfahren, der Angreifer, man vergisst das schnell, weil sein Blick unsicher ist und seine Körpersprache defensiv. Er verklagte den Deutschen Fußball-Bund, weil der ihn bei der Weltmeisterschaft nicht ins Stadion lassen will, obwohl er zwei Tickets besitzt, für die er viel Geld bezahlt hat. Aber nicht an das Organisationskomitee hat er gezahlt, und das gefällt dem DFB nicht.

Kracht trägt einen perfekt sitzenden braunen Anzug, ein blaues Hemd, eine dezent gestreifte gold-gelbe Krawatte und Schuhe, die glänzen wie neu. Er sieht aus wie ein Mann, der gut überlegte, bevor er sich heute Morgen anzog. Kracht ist 33, Ingenieur von Beruf, er lebt in Essen, »und im Ruhrgebiet«, sagt er, »ist man fast zwangsläufig Fußballfan«.

Als die Weltmeisterschaft 1974 nach Deutschland kam, versäumte es Krachts Vater, Karten zu besorgen. Er konnte also nie Geschichten erzählen, wie das war damals im Stadion. Das hat der Sohn dem Vater nicht vergessen. Als klar war, dass die WM wieder nach Deutschland kommt, wollte Kracht den historischen Irrtum des Vaters wiedergutmachen. Er bewarb sich in der ersten Runde der Verlosung um Karten, vergebens.

Doch bald nach der ersten Verlosung begann der Handel mit WM-Karten im Internet zu blühen. Im September vergangenen Jahres entdeckte Kracht bei Ebay ein Angebot, zwei Karten für das Spiel Nummer 59, ein Viertelfinale in Gelsenkirchen. Der Verkäufer hatte die Karten für 55 Euro das Stück erworben und erklärte, dass seine Frau schwanger sei und er jetzt sparen müsse. Dass ein deutscher Mann im WM-Jahr die Familie dem Fußball vorziehen würde, klang zwar unglaubwürdig. »Aber der Mann«, sagt Kracht, »wirkte auf mich seriös.«

Das Anfangsgebot lag bei 1,99 Euro. Kracht bot mit, und am Ende bekam er den Zuschlag für 880 Euro. »Ich bin«, sagt Kracht, »über die Schmerzgrenze gegangen.« Kracht wusste, dass die Karten nur mit Erlaubnis des Organisationskomitees übertragen werden dürfen. Er hätte jetzt tun können, was der User »Zwilling0309« tat, der eine Karte für ein Viertelfinale in Berlin für 1322 Euro verkaufte, inklusive 72 Stunden Privatchauffeur »in einem klimatisierten Volkswagen«. Oder was eine Blondine mit dem User-Namen »Liebe321meins« tat, die eine Finalkarte für 2651 Euro versteigerte und sich selbst als Begleitung dazu. ("Je nach Stimmung entscheide ich spontan nach dem Spiel, ob wir noch etwas unternehmen oder der Auktionsumfang hier endet.")

Kracht hätte sagen können, er sei mit dem Verkäufer verwandt und dass er die Karten ohne Aufpreis erworben habe. Deutschland wird bei dieser Weltmeisterschaft ein Land der Schwestern und Halbbrüder sein, der Großneffen und Schwippschwager, eine große inzestuöse Familie, in der jeder mit jedem verwandt ist, ein modernes Island.

Doch Kracht machte einen Fehler. Er sagte dem Organisationskomitee (OK) die Wahrheit.

Das OK witterte Bereicherung, und Bereicherung, das weiß man, ist für die Fifa ein abscheulicher Vorgang, besonders bei Weltmeisterschaften. Das OK verwies auf seine allgemeinen Geschäftsbedingungen und lehnte es ab, die Karten auf Kracht und seine Lebensgefährtin umzuschreiben. Kracht insistierte und schickte Faxe. Doch gegen die Funktionäre des DFB kommt niemand an, nicht einmal Jürgen Klinsmann. Also klagte Kracht.

Er dachte wohl, diese Angelegenheit betreffe nur ihn und den DFB. Aber auf Kracht ruhen die Hoffnungen Tausender Fußballfans weltweit, die bei den Kartenverlosungen leer ausgingen. Auf den Straßen Porto Alegres wird man bald vielleicht seinen Namen rufen, er wird sanfter klingen auf Portugiesisch. Kracht ist jetzt eine Art Kartenrechtsbeauftragter der Vereinten Fußballnationen.

Der DFB ist mit einem Anwalt, einem Pressesprecher und zwei Funktionären zur Verhandlung erschienen, eine sehr massiv stehende Viererkette. Kracht sitzt neben seinem Anwalt, der eine Brille trägt wie der holländische Nationalspieler Edgar Davids. »Mein Mandant«, sagt der Anwalt, »steht auf keiner Hooliganliste.« Er hat die Karten offiziell erworben, es werden keine Steuern hinterzogen. Wo ist das Problem?

Richter Jens Rüger sitzt ganz allein an seinem Tisch. Er ist ein Richter, wie man ihn sich wünscht, uneitel, sachlich, abwägend.

Das OK habe ein schützenswertes Interesse, die Preise für WM-Karten erschwinglich zu halten, sagt er. Heftiges Nicken auf der DFB-Bank. Andererseits sei das Abtretungsverbot »sehr scharf sanktioniert«, und es stelle sich die Frage der Chancengleichheit, wenn viele Tickets erst gar nicht in den freien Handel kämen. Der DFB-Anwalt blickt zur Decke. Der Richter ordnet das schriftliche Verfahren an und vertagt die Verhandlung.

Die Fußballfans in aller Welt blicken auf ihn, sein Urteil am 20. April wird ihr Leben verändern.

Kracht steht draußen vor der Tür und sagt leise: »Ich wollte nicht so eine Welle machen.« Er will nur ein Fußballspiel sehen. Aber eine Weltmeisterschaft ist kein Spiel, das sollte er wissen. MARIO KAISER

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