Schnuppern und schlucken - DER SPIEGEL
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BIER Schnuppern und schlucken

Ein Geschmackstest deutscher Brauereichefs beweist: Beim Bier entscheidet nicht die Qualität, sondern das Image.
• aus DER SPIEGEL 37/1997
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Vor dem Bier schäumt erst mal die Riege der Brauereibosse: So gehe es ja nicht, maulen sie in seltener Eintracht. Da sei man nun mutig nach Essen gereist, um sich fürs ZDF-Wirtschaftsmagazins »Wiso« einem Geschmackstest zu stellen. Und dann warten gleich 15 Sorten Pils. »Fünfzehn!« Erich Dederichs vom Deutschen Brauer-Bund ist erschüttert.

Anders als bei einer Weinprobe, wo fröhlich wieder ausgespuckt werden darf, müsse man Bier schließlich schlucken, um es beurteilen zu können. Mehr als 7 Proben halte vielleicht die Leber durch, aber doch kein Geschmacksnerv.

»Bei 15 können Sie auch würfeln«, sagt Dederichs, der weniger um die Nüchternheit seiner Standesvertreter bangt als um die Glaubwürdigkeit der Zunft. Womöglich erkennen die berauschten Bosse nachher ihre eigene Marke nicht mehr oder erklären gar die Aldi-Dose zum Favoriten.

Kein Wunder, daß von den zwei Dutzend eingeladenen Vorstandsherren nur ein Viertel zugesagt hat. Karlsberg kniff ebenso wie Holsten und Veltins. Warsteiner sah in dem Test »keine sinnvolle Information für den Endverbraucher« und erklärte schriftlich: »Es gibt keine allgemeingültigen Wertmaßstäbe für Geschmack.«

Ja, warum sitzen sie dann überhaupt hier, die Vertreter von Beck''s (Horst-Gevert Bellmer) und DAB (Wolfgang Burgard), von Henninger (Peter Lämmerhirdt) und Licher (Wilhelm Heinrich Hattig)?

»Weil rüberkommen muß, was für ein vielfältiges Getränk Bier ist«, sagt Michael Dietzsch. Der Marketingchef von Bitburger ist als Brauerpräsident so eine Art Promille-Papst und hält es schon deshalb für seine Aufgabe, ständig zu predigen, daß Bier »zu Unrecht als Alkoholgetränk gebrandmarkt« werde, überhaupt nicht dick mache und in Wahrheit »unglaublich

gesundheitsfördernd« sei. All die bösen Klischees macht er mitverantwortlich für den Rückgang des Bierkonsums.

Der jährliche Pro-Kopf-Verbrauch sank in den vergangenen vier Jahren immerhin um zehn Liter. In der weltweiten Trinkerstatistik liegt Deutschland mit 132 Litern zwar noch auf Platz zwei hinter Tschechien. Aber die Jugend greift lieber nach Energydrinks oder kultigen Übersee-Flaschen, die nicht so schrecklich an Papis Altherren-Pils erinnern.

So spülten Fusionen und Pleiten viele Betriebe fort. Ein Teil der überlebenden verschleudert Billiggebräue, um die teuren Anlagen auszulasten. Nur die Giganten kommen dank millionenschweren Werbeversprechen von Frische und Freiheit noch zurecht, machen dafür aber den regionalen Mittelstand kaputt. »Da vorn sitzen unsere Killer«, sagt Constanze Ganter von der kleinen Freiburger Brauerei Ganter, deren Marke im Biertest ebenfalls verkostet wird.

Die Killer geben sich leutselig. »Ich hab'' schon einen auf''m Rohr«, ächzt der Bitburger-Abgesandte nach dem zehnten Glas und dem immer gleichen Prozedere: Schauen, schnuppern, schmecken, schlucken, schreiben. Maximal 25 Punkte darf er pro Runde vergeben.

Dietzsch blickt müde auf die Batterie anonymer Gläschen vor sich. Gut zu wissen, daß ab dem zwölften nur noch ausländische Sorten kommen sollen. Da weiß man wenigstens, was garantiert nicht gut sein darf. Licher feixt derweil. Henninger muß mal aufstehen. DAB fragt nach dem Sendetermin (Montag, 8. September, von 19.25 Uhr an im ZDF), nur um rechtzeitig »die Auswanderung planen zu können«.

Ganz so schlimm kommt es nicht, obwohl ausgerechnet der Brauerpräsident sein eigenes Bit nicht identifizieren kann. »Viele Biere oszillieren um einen guten Wert«, entschuldigt Licher-Chef Hattig den glücklosen Konkurrenten und sich selbst. Auch er hat seine Marke nicht erkannt.

Das sei »wie bei den Autos«, sekundiert Henninger-Boß Lämmerhirdt. Die würden im Windkanal so lange optimiert, bis man sie kaum noch unterscheiden kann.

Auf so eine Vorlage hat Franz Ehrnsperger nur gewartet. Der Vertreter des Winzlings Neumarkter Lammsbräu schenkt nach: Die Großen dürften sich »keine Ecken und Kanten mehr erlauben. Wir können es uns eben leisten, unser Bier nicht so zu polieren«. Die Qualität seines Bio-Produktes spüre man spätestens »am Tag danach«. DAB-Mann Burgard schluckt und schimpft: Ob das denn heiße, »daß man nur von ökologischem Bier keinen Schädel bekommt«?

Bei der wichtigsten Frage wird auch er einsilbig: Warum soll man überhaupt ein teures Premium-Pilsener kaufen, wenn doch alle irgendwie gleich schmecken?

»Je nachdem, welches Markenimage der Kunde erwartet, muß er einen höheren Preis zahlen«, floskelt Burgard. Image sei heute »wichtiger denn je«, raunt Beck''s-Mann Bellmer beim finalen Absacker. Ein bißchen Ehrlichkeit kann er sich leisten. Er hat nicht nur das eigene Pils, sondern sogar das Alkoholfreie erschmeckt, an dem die Hälfte der Profis scheiterte.

Immerhin gaben sie dem Billigpils von Aldi die miesesten Noten (14,6 im Schnitt). In der Wertung landet Beck''s mit 20,7 Punkten vor DAB (19,9) und Henninger (19,8).

Präsident Dietzsch gärt naturtrüb vor sich hin. Sein Bit kam nur auf Rang sechs - geschlagen von Licher und sogar von der Glückauf-Brauerei. Sieger bleibt er trotzdem: Die kleine ostdeutsche Firma setzt jährlich neun Millionen Mark um. Dietzsch pumpt mehr als das Vierfache allein in die Werbung.

* Franz Ehrnsperger (Neumarkter Lammsbräu), Michael Dietzsch(Bitburger) und Wolfgang Burgard (DAB) in der EssenerDampf-Bierbrauerei.

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