Fernsehen Schöne Kinder
Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Und das ist, meint Siegmund Grewenig, 41, Leiter des Kinderfernsehens beim WDR, nicht nur bei den Erwachsenen so. »Wir können nicht noch zwei Jahre warten«, warnt er, »sonst läuft uns die kommerzielle Konkurrenz davon.«
Den TV-Mann treibt um, daß die öffentlich-rechtlichen Sender, verpflichtet zur Fernsehgrundversorgung der gesamten Bevölkerung, bei vielen der jüngsten Zuschauer mittlerweile als Langweiler verschrien sind. Am liebsten würde Grewenig eine eigene Station für die Kleinen gründen.
Denn sofern Einschaltquoten nach den jüngsten Statistikpleiten überhaupt noch taugen, muß den Anstaltsleitern bei ARD und ZDF Hören und Sehen vergehen. Scharenweise haben die Kids ihre Programme abgeschaltet: Fast drei Viertel des TV-Konsums, so die Marktanteile im vierten Quartal 1994, widmen die 6 bis 13 Jahre alten Zuschauer den Kommerzfunkern.
Wenn die Privaten stundenlang Trickserien wie Familie Feuerstein (Pro Sieben) oder Lucky Luke (RTL) ausstrahlen oder ihre Kinder-Klubs Bim Bam Bino (Kabel 1) und Vampy (RTL 2) öffnen, haben die Öffentlich-Rechtlichen das Nachsehen. »Uns fehlen einfach die Sendeflächen«, klagt Grewenig.
Und neue starke Konkurrenz steht schon vor der Tür. Der US-Medienriese Viacom, dem der Pop-Sender MTV, das Filmstudio Paramount und der Video-Riese Blockbuster gehören, will in Deutschland einen Ableger seines Kinderkanals Nickelodeon pflanzen. Geplanter Start: spätestens Ende des Jahres.
An dem Projekt beteiligt sich, Alarm für ARD und ZDF, einer der führenden Kinderspezialisten der Bundesrepublik: der schwäbische Spielehersteller Ravensburger AG (rund 400 Millionen Mark Umsatz, 1500 Beschäftigte). Gut ein Dutzend Kinderserien der Tochtergesellschaft Ravensburger Film + TV GmbH (RTV) flimmern derzeit oder in naher Zukunft über die Schirme, darunter »Urmel aus dem Eis«. RTV beteiligt sich mit zehn Prozent an dem Viacom-Projekt. Ihre Sendungen wollen die Ravensburger künftig auch an den Nickelodeon-Kanal liefern.
RTV-Geschäftsführer Peter Hille und Viacom-Manager Jeffrey Dunn sehen ein gemeinsames Ziel: »Wir sind gegen jede Gewaltverherrlichung.«
Womöglich werden die beiden Partner noch unerwarteten Zuwachs erhalten: Fernsehmanager beim WDR, die zusammen mit RTV den Käpt'n Blaubär Club und andere Kindersendungen produzieren, debattieren intern über ein Engagement beim Privatsender Nickelodeon. »Wir beobachten die Entwicklung in der Medienlandschaft sehr aufmerksam«, sagt Stephan Piltz vom WDR vieldeutig. Bei den Kontrolleuren sondierte RTV bereits vorsichtig das Terrain - mit Erfolg.
Die nordrhein-westfälische Medienanstalt, wo der Lizenzantrag für Nickelodeon liegt, will eine Allianz von WDR und Viacom fördern. Dies sei, so Direktor Norbert Schneider, die »Konstruktion der Zukunft, öffentlich-rechtliches Qualitäts- und kommerzielles Marktbewußtsein zusammenzubringen«. Schneider: »Aus dieser Ehe können nur schöne und kluge Kinder entstehen.«
Für die altehrwürdigen öffentlichrechtlichen Anstalten wäre ein solcher Pakt möglicherweise die letzte Chance, den Nachwuchs künftig überhaupt noch zu erreichen. Selbst neue Bemühungen mit den speziellen Jugendsendungen Logo und X-Base beim ZDF fruchteten nicht: Die Shows ziehen eher die älteren Zuschauer an, weil das Programmumfeld nicht stimmt.
Nur an den Wochenenden, wenn sich der Kobold Pumuckl oder Disneys Mickymaus in der ARD kurz hintereinander auf dem Bildschirm tummeln, »halten wir bei den Marktanteilen mit«, so Grewenig. Kinderfernsehen sei halt ein »hart umkämpfter Markt«, sagt Wolfgang Fischer, Berater der RTL-Muttergesellschaft Compagnie Luxembourgeoise de Telediffusion.
Die Spielzeugindustrie und andere Branchen rennen den Privatsendern mit Werbespots die Türen ein: Die »Begehrlichkeit« (Fischer) der kleinen Zuschauer für Barbie-Puppen oder McDonald's Fast food ist groß. Hinzu kommt der Handel mit Begleitprodukten wie Figuren, Videos und CDs.
Das ist erst der Anfang des Booms. Die CLT und der US-Medienmulti Disney, einer der größten Vergnügungskonzerne, präsentieren demnächst Super RTL. Ein Werbeagenturchef und ein Ex-Manager des Münchner Film- und Fernsehgrossisten Leo Kirch planen ein weiteres Objekt ("Fun-TV"). Und Kirch selbst drängt auf den Start des Kinderkanals Premiere 2, wie Mitarbeiter referieren.
Kirchs Vorratslager für den geplanten Pay-TV-Sender ist mit Lizenzware ("Biene Maja") gut gefüllt. Für Kindersendungen hat Kirch ein eigenes Label ("Junior"), für das in seinen Sendern heftig geworben wird. Die Videos mit Pippi Langstrumpf und anderen Kinderhelden sind in jedem Kaufhaus zu haben.
Kirchs Premiere-Mitgesellschafter, der deutsche Medienkonzern Bertelsmann und vor allem der französische Sender Canal Plus, zögern jedoch mit dem Start eines Kinderkanals (geplanter Monatspreis: 20 Mark), obwohl sie längst eine Lizenz haben. Sie fürchten, ebenso wie Premiere-Geschäftsführer Bernd Kundrun, das finanzielle Risiko.
Falls zu viele Konkurrenzprogramme, die wie Super RTL kostenlos zu sehen sind, um die gleiche Zielgruppe rangeln, will Kundrun verzichten. Der Leiter des Kinderprogramms hat das Haus ohnehin verlassen. Kundrun: »Wenn zwei werbefinanzierte Kinderkanäle im Herbst kommen, muß man sich schon sehr überlegen, ob man gleichzeitig einen weiteren als Pay-Programm lancieren will.«
Die Beschaffung zusätzlicher Serien und Videos, sofern nicht von Kirch, bereitet ohnehin Probleme. Die ARD will ihre Produktionen nicht verkaufen. Und die Ravensburger entschieden sich lieber für Nickelodeon. »Dort können wir mitgestalten«, sagt RTV-Chef Hille. Im übrigen sei ein Kinderkanal im Monats-Abo über »viele, viele Jahre« hinweg unwirtschaftlich.
Durch die öffentlich-rechtlichen Anstalten geistern derzeit viele Ideen, wie die Attacken der Privaten abgewendet werden könnten. Doch ein Gesamtkonzept fehlt. Nach dem Vorbild des ZDF plant nun auch der Bayerische Rundfunk eine Nachrichtensendung für Kinder. Der WDR will den Klassiker »Sendung mit der Maus« um einen »Club der Mäuse« erweitern.
NDR-Intendant Plog streitet für einen eigenen Kinderkanal, notfalls als Pay-TV. Kosten: 80 bis 120 Millionen Mark im Jahr. Bei ihrer Tagung diese Woche in Saarbrücken wollen die Intendanten über solche Pläne beraten.
Bevor alles zu spät ist und die Privaten endgültig die Kinderzimmer erobert haben, sollen die Öffentlich-Rechtlichen, meinen viele TV-Manager, lieber rasch Kompromisse schließen.
WDR-Grewenig empfiehlt deshalb die Kooperation mit Viacoms Kanal Nickelodeon, der auf billige Action-Serien verzichtet und der Vermischung von Werbung und Programm wehren will. Grewenig: »Das ist noch die öffentlich-rechtlichste aller privaten Lösungen.« Y