Schuldige Steine
Hotel Adlon von hinten, Frank Gehrys DZ Bank, der Reichstag ganz nah, Südfassade, auf seinen Türmen, im Postkartenhimmel, wehendes Schwarz-Rot-Gold. Berlin-Mitte, Dienstag, die Sonne steht tief, die Luft riecht nach Kohlenheizung und Herbst, Theaterplakate an der Ebertstraße werben für das Stück: »Ich bin's nicht, Adolf Hitler ist es gewesen«. Ein Alter mit Hut geht vorbei, am Bauzaun des Holocaust-Mahnmals dreht er sich um zu einer Frau im Rollstuhl, er sagt: »Und für diesen Scheißdreck kürzen sie uns die Renten.«
Auf dem Gelände - 19 000 Quadratmeter, zwei Fußballfelder - gehen Arbeiter in groß karierten Fleecejacken und Latzhosen hinter kleinen Planiermaschinen her, als wären sie im Bummelstreik. Sie plätten die sandige Erde, kein Muster erkennbar, Hügel hier, Erdwälle da. Es herrscht Betrieb wie bei einer archäologischen Grabung.
Die Bagger sind klein, die Kräne eher zierlich, verstreut steht ein gutes Dutzend Arbeiter auf der Fläche, sie hantieren mit leichtem Gerät. Archäologie? Irgendwie ja, aber hier, auf der Baustelle zwischen Brandenburger Tor und Potsdamer Platz, werden nicht alte Zeitschichten freigelegt mit Hacke und Spaten; es wird vielmehr eine neue aufgetragen. Es beginnt eine neue Geschichte zum Gedenken an die alte.
Am Bauzaun sind vier, fünf Schautafeln aufgestellt, sie informieren über das »Denkmal für die ermordeten Juden Europas«. Auf den Tafeln wirkt das Projekt, 2700 Betonquader, Stelen genannt, übersichtlich und klar. In Wahrheit ist es so verworren und zerredet wie die Gesundheitsreform. Das Holocaust-Mahnmal ist Stoff eines deutschen Nachkriegsepos in üppigen Fortsetzungen. Nicht zufällig gab es schon Vorschläge, die Debatte selbst zum Mahnmal zu erklären.
Als der Streit begann, 1988, stand die Berliner Mauer noch, und die Akteure verstrickten sich von Beginn an in die ultrahocherhitzte Rede. Im Laufe der Jahre entwickelte sich eine Art Spezialsprech um die sperrigen Aspekte des Monuments: Eisenman I, Eisenman II, »Ort des Erinnerns«, Holocaust-Bibliothek - nur Experten wissen noch um die Details der Etappen und Entwürfe, um die immer neuen Pläne und Ideen, um Baukosten, Baumaterialien, Bürgerproteste.
Überladene Positionspapiere und Gegenexpertisen, Leitartikel, Gastbeiträge, ganze Bundestagsdebatten ranken sich längst um das Mahnmal und seine Reiz- wörter. Wer erinnert sich noch an das Werbeplakat, gleich neben dem Brandenburger Tor, mit dem riesigen Slogan? »Den Holocaust hat es nie gegeben« stand an der Wand. Das sollte Spenden bringen und war ironisch gemeint, ging allerdings nicht lange gut. Ironie und Auschwitz, sie werden in dieser Welt kein Paar mehr.
Nun wird ein neues Kapitel geschrieben, es bekam vergangene Woche den Arbeitstitel: »Protectosil«.
Das Motto dazu stammt von Lea Rosh, der Vorsitzenden des Mahnmal-Fördervereins. Sie sagt, so war es die Woche über in der Zeitung zu lesen, es sei »nicht zu verantworten, dass zum Beispiel ein ungarischer KZ-Überlebender vor dem Stelenfeld steht und erfährt, dass eine Firma an dem Denkmal beteiligt ist, die das Gift für seine Vernichtung geliefert hat«. Worum geht es diesmal?
Aus tiefdeutscher Furcht heraus, die 2700 Steine des Mahnmals könnten mit Graffiti bemalt werden, entschied man sich, die Steine mit einer Schutzschicht zu besprühen, um das Gedenken sozusagen abwaschbar zu halten. Und man entschied sich für Protectosil von Degussa, das die Betonsteine versiegelt und außerdem schimmern lässt wie Schiefer. Alle waren zufrieden, sogar begeistert, bis jemand darauf stieß, dass eine Tochter der alten Degussa vor 60 Jahren Zyklon B produzierte - das Gift für die Gaskammern.
Klarer Fall also? »Nicht zu verantworten«, dass Degussa am Holocaust-Mahnmal mitbaut? Ach, die Debatte ist das Mahnmal selbst. Wäre nicht in Wirklichkeit die Beteiligung der Degussa ein Zeichen für Versöhnung, Entspannung, Zukunft?
Und könnte es Lea Roshs »ungarischem KZ-Überlebenden« nicht Genugtuung sein, der deutschen Industrie bei der Produktion eines Mahnmals zuzusehen statt beim Herstellen von Gift-gas?
An der Baustelle führen Treppenstufen hoch zu einer Aussichtsplattform, grelle Ta- feln warnen vor dem Aufstieg: »Betreten des Info Punktes auf eigene Gefahr - Maximallast 60 Personen oder 6000 kg«.
Oben stehen, Dienstagmittag, zum Glück nur zwei Leute, ungefähr 140 kg, ein dicker Mann und eine zierliche Frau, Touristen aus Italien, sie blondiert, sie zeigt auf Bilder von Eisenmans Entwürfen und sagt: »Bello!«, und noch einmal »Ah! Bello! Bellissimo!« Der dicke Mann nickt.
Drunten sind Betonstelen zu sehen, große Teile, sie schimmern in der Sonne vom Protectosil. Was fängt man jetzt an mit diesen Steinbrocken? Und mit den vielen anderen, die auch schon beschichtet sind? Darf man sie abschleifen? Muss man sie wegwerfen?
Anders gefragt: Kann man Steine eigentlich entnazifizieren? ULLRICH FICHTNER