Schweißtuch-Streit Benedikt sucht das Gesicht Gottes
Hamburg - Jesus schaut einem direkt ins Gesicht. Der Heiland hat die Augen weit aufgerissen. Er trägt einen Bart. Seine Nase scheint gebrochen. Die Lippen sind wie mit einem Kajalstift gezeichnet, der Mund ist leicht geöffnet - als wollte er etwas sagen.
Das Bildnis, vor dem Papst Benedikt XVI. heute im Abruzzenstädtchen Manoppello gebetet hat, ist nicht gemalt. Darüber wenigstens sind sich mittlerweile mehrere Wissenschaftler einig. Das Gesicht, das einen hier anblickt, ist nicht der Phantasie eines Künstlers entsprungen, sondern - wie die zuständigen Kapuzinermönche Besuchern erklären - das "Bild der Bilder". Das Antlitz Jesu Christi. Das Tuch, auf dem es zu sehen ist, ist das "Schweißtuch der Veronika", davon sind sie überzeugt.
Der Überlieferung zufolge wurde Jesus auf dem Weg nach Golgatha von einer Frau, eben jener Veronika, ein Tuch gereicht. Darauf habe sich auf wunderbare Weise sein Gesicht fixiert. Deshalb wurde Veronika im Mittelalter als Mitleidende verehrt, der Jesus sein wahres Gesicht geschenkt habe.
Die Pilger kommen schon seit langem. Busladungen voller Katholiken landen in Manoppello an, um die Textilie anzubeten oder wenigstens zu bestaunen. Dass sich in die Pilgerschar auch der Papst einreihte - er freilich kam nicht im Bus, sondern per Hubschrauber -, das ist jedoch keine Selbstverständlichkeit. Schließlich gibt es das Schweißtuch nach vatikanischer Lesart bereits. Nur nicht in Manoppello, sondern rund 200 Kilometer weiter im Osten.
Im Veronikapfeiler, einem der vier Stützpfeiler der Kuppel des Petersdoms, soll das schweißverfärbte Stück Stoff seit Hunderten Jahren aufbewahrt sein. Einmal im Jahr, an jedem fünften Sonntag der Fastenzeit, wird es den Gläubigen gezeigt - allerdings nur aus sehr großer Entfernung.
Engel oder Räuber?
Kein Wunder, findet Autor Paul Badde, der die Reliquie als einziger Nichtgeistlicher in den vergangenen Jahren aus der Nähe betrachten durfte. Für ihn steht fest: Das Tuch im Vatikan ist eine Fälschung, ein "fleckiger grauschmutziger Stoff ohne jede Kontur und ohne Bildspuren". Badde, Rom-Korrespondent der "Welt", hat sich der "Suche nach dem wahren Antlitz Jesu" seit Jahren verschrieben und in Manier von Dan Brown ein Buch verfasst. "Das Muschelseidentuch" hatte einen begeisterten Leser: Benedikt XVI. Das Werk fand sogar einen Ehrenplatz auf dem päpstlichen Nachttisch.
Sein Besuch überraschte viele. Ausgerechnet Joseph Ratzinger, der Intellektuelle, der feingeistige Theologe, sollte dem Mystizismus verfallen sein - und sich als erstes Kirchenoberhaupt um die Authentizität des Schweißtuches sorgen? Ganz so erstaunlich ist das Interesse des Papstes jedoch nicht, blickt man auf seine theologische Vergangenheit.
Schließlich war es von jeher ein zentraler Punkt in Ratzingers Vorstellung des Christentums, dass Gott ein menschliches Antlitz hat. Gott ist nicht nur Lehre, er hat ein Gesicht. Und heute wollte sich der zu Benedikt XVI. gewordene Ratzinger selbst ein Bild des möglichen Gottesgesichtes machen: Wenige Tage vor seiner gespannt erwarteten Deutschland-Reise ließ sich der Pontifex zu der Stippvisite nach Manoppello fliegen.
Das Jahr des Besuches dort ist gut gewählt. Die Reliquienhüter in der Stadt zelebrieren die 500-Jahr-Feier. 1506, so wollen es die Bürger, habe ein als Pilger verkleideter Engel bei einem gewissen Doktor Leonelli an die Tür geklopft und ein Paket abgegeben. Darin das Schweißtuch.
Eine weniger fromme Variante dagegen präsentiert der deutsche Jesuit Heinrich Pfeiffer, Kunsthistoriker an der päpstlichen Universität Gregoriana in Rom. Er vermutet, dass das Bild tatsächlich mal im Veronika-Pfeiler des Petersdomes war. Bis vor etwa 400 Jahren. Erst dann sei es im Zuge von Umbauarbeiten gestohlen worden und in Manoppello wieder aufgetaucht - überbracht nicht durch Engelshand, sondern von einem Reliquienräuber.
"Ich habe es beschlossen"
Dass der Vatikan darauf beharrt, das ursprüngliche Bild befinde sich noch in Rom, sei lediglich darauf zurückzuführen, dass dem Heiligen Stuhl das Verschwinden der Ikone zu peinlich gewesen sei. Was allerdings einmal jährlich den Gläubigen präsentiert wird, ist auch nach Pfeiffers Ansicht nicht mehr als eine billige Attrappe.
Für Pfeiffers These spricht: Das Tuch von Manoppello passt exakt in einen feingeschnitzten Bilderrahmen mit zerbrochener Kristallscheibe, der sich in der Schatzkammer hinter der Sakristei des Petersdoms befindet, die Originalschatulle des Veronika-Bildes.
Sein Besuch in den Abruzzen sei privat, ließ der Pontifex vorab verlauten. Doch ist irgendetwas im Leben eines Pontifex privat? Spätestens seit Johannes Paul II., der sein Leben bis zum Tod öffentlich führte, darf man daran zweifeln.
Deshalb war die Aufregung in der Kurie auch groß, als Benedikt ankündigte, nach Manoppello zu reisen. Von höheren Kurienbeamten wurde er nach SPIEGEL-Informationen bedrängt, bitte nicht zu fahren. Schließlich würde ein Besuch all jenen in die Hände spielen, die behaupten, der Vatikan präsentiere den Gläubigen bislang eine Fälschung. Doch die Gralshüter wurden von ihrem Chef mit einem klaren "Ich habe es beschlossen" beschieden - und verstummten.
Sicher ist: Der Besuch des Pontifex dürfte dem Pilgertourismus in Manoppello Auftrieb geben. Tausende Wallfahrer jubelten ihm dort heute zu. Ob die Visite darüber hinaus Folgen hat, wird sich zeigen. Fürs Erste gab sich der Papst betont bedeckt. Das Wort Schweißtuch vermied er und damit eine offizielle Anerkennung der Reliquie. "Wir sind gemeinsam auf der Suche nach dem Antlitz unseres Herrn", sagte er lediglich, "um in ihm einen Weg für unser Leben zu finden."