Schweiz Blutbad im Parlament
Zug - Blutrot steigt in der Innerschweiz die Sonne auf, der Zuger See glitzert, und die geschäftigen Zuger nehmen ihre Arbeit auf. Auch im Parlament des Kantons beginnt die Debatte früh. Um 10.30 Uhr parkt ein blauer Hyundai vor der Volksvertretung. Ein kräftiger Mann in Polizei-Uniform eilt die Treppen empor. Schwer bewaffnet. Ein Sturmgewehr 90 wie es viele Schweizer zu Hause in ihren Schränken stehen haben. Mehrere Magazine. Eine Sigg-Pistole. Vier Magazine.
Auf den wenigen Meter bis in den Sitzungssaal stößt er wüste Beschimpfungen aus. Dann feuerte er. Fünf Minuten lang. "Ein Inferno", bringt der sozialdemokratische Abgeordnete Hans Peter Hausheer später heraus. "Zuerst dachte ich an einen dummen Scherz."
Es ist tödlicher Ernst. Im Kantonalsgebäude liegen zerfetzte Leichen, blutüberströmte Verletzte. Eine Handgranate explodiert, beißender Qualm dringt aus dem reich verzierten Raum. Der Saal ist verwüstet. Nach seinem Amoklauf richtet sich der Täter selbst. Die Bilanz eines unfassbaren Verbrechens: 15 Tote, rund 10 Verletzte, acht von ihnen sind am Nachmittag noch in kritischem Zustand.
Die Stadt, der Kanton, die Schweiz. Sie stehen unter Schock. Eine ähnliche Bluttat hat das Alpenland noch nie erlebt. "Es ist ohne Beispiel", stammelt Christoph Luchsinger, der Zuger Bürgermeister. "Auch ich habe Freunde verloren."
Beim toten Täter finden die ermittelnden Beamten ein Bekennerschreiben. Der Titel: "Tage des Zorns für die Zuger Mafia." Das grausige Motiv des Schützen war wohl eine abgewiesene Beschwerde.
Polizisten rücken an. In der Luft kreisen Helikopter. Das Gebäude mitten in Zug wird abgesperrt. Sanitäter tragen Leichen heraus. Leise wimmern verstümmelte Menschen. Entsetzen. Tränen.
Die Menschen in Zug sind sprachlos. Viele können einfach nicht reden. Ein Passant, unten am See, sammelt sich: "Wir denken immer, die Schweiz sei eine Oase des Friedens. Terror wie in New York ist weit weg. Jetzt wissen wir es besser." Zug, das war bis gestern das Synonym für Millionäre, Briefkastenfirmen und eine unfassbar schöne Landschaft. Heute steht Zug für ein Massaker.
Auch in Bern löst die Nachricht Entsetzen aus. Polizeikräfte sichern das Bundesparlament. Der Präsident des Nationalrates, der großen Kammer, Peter Hess, hatte die traurige Pflicht, die Wahnsinnstat bekannt zugeben. Hess ist selbst Zuger. Auch er hat Freunde verloren.
Die Folgen für die Schweiz sind noch nicht absehbar. Das Land ist stolz auf seine Politikkultur. Eine Kultur zum Anfassen. Minister fahren mit der Straßenbahn ins Parlament, Abgeordnete gehen einer normalen Arbeit nach und die Volksvertretungen sind in der Regel offen für jeden Besuch.
Auch für Mörder, wie sich jetzt zeigt. "Natürlich müssen wir jetzt über Konsequenzen denken", sagt Nationalratspräsident Hess. "Aber wir lassen uns unsere Tradition der Offenheit nicht wegschießen."