Schweizer wollen Jungbär M13 umerziehen - DER SPIEGEL
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Umerziehung eines Schweizer Braunbären "Misserfolge in den Pelz brennen"

In der Schweiz streift ein junger Braunbär umher - und zeigt dabei wenig scheu vor Menschen. Wildhüter wollen das Tier nun umerziehen, bevor es für beide Seiten zu spät ist. Im Interview erklärt Joanna Schoenenberger vom WWF, wo die Schwierigkeiten liegen und warum es dieses Mal gelingen kann.
Der betäubte Bär M13: "Die Wildhüter müssen schnell sein"
Der betäubte Bär M13: "Die Wildhüter müssen schnell sein"

Der betäubte Bär M13: "Die Wildhüter müssen schnell sein"

Foto: Amt für Jagd und Fischerei Graubünden
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Sein Name ist M13, er wiegt 120 Kilogramm und er ist auf der Suche nach Nahrung: Im Schweizer Kanton Graubünden streift ein junger Braunbär umher. Er hat bereits mehrere Bienenhäuschen geplündert und eine Ziege in einem Gehege gerissen.

Wildhüter konnten M13 Mittwochnacht betäuben und ihm ein Halsband mit Peilsender umlegen. Seither werden die Bewegungen des Wildtieres genau verfolgt. Gemäß dem "Konzept Bär Schweiz" soll der Bär vergrämt werden, das heißt: aus der Nähe der Menschen verscheucht.

Immer wenn er sich Futterquellen nähert, sollen Wildhüter den Bären mit spezieller Munition beschießen und so dauerhaft vertreiben. Auf diese Weise soll ihm das Schicksal eines Verwandten erspart werden. Denn vor vier Jahren streifte schon einmal ein Braunbär in Graubünden umher: JJ3 zeigte kaum noch Scheu, alle Maßnahmen scheiterten, im April 2008 wurde er erschossen.

Im Fall von M13 sind Tierschützer zuversichtlicher. "Es gibt mehr Hoffnung", sagt Joanna Schoenenberger, 40, Leiterin des Projekts Bär beim Schweizer WWF. Im Interview erklärt sie, warum die Vergrämung diesmal gelingen kann und warum der Tod des Bären für sie eine große Niederlage wäre.

SPIEGEL ONLINE: Frau Schoenenberger, wie funktioniert die Erziehung eines wilden Bären?

Schoenenberger: Die Wildhüter müssen schnell sein. Wenn der Bär sich einem Dorf oder einer Futterquelle nähert, müssen sie dorthin und ihm sogenannte Bärenmunition, eine Art Platzpatrone, auf das Fell schießen. Das ist nicht schön, aber immer noch zu seinem Besten. Das Wichtigste ist: Der Bär muss die Nähe von Menschen und deren Futterquellen als bedrohlich empfinden. Nur so lernt er, fernzubleiben.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt aufwendig.

Schoenenberger: Ja, es ist schwierig. Der Bär hat die Initiative, die Menschen müssen ihm folgen. Sie dürfen auch nicht irgendwo im Wald auf ihn schießen, sondern in Verbindung mit Futterquellen wie Bienenstöcken. Sie müssen es sehr konsequent durchziehen, damit er diese schmerzhafte Erfahrung mit Nähe zu Menschen und Futter von Menschen verbindet.

SPIEGEL ONLINE: Worauf kommt es an?

Schoenenberger: Es ist wichtig, dass der M13 bei diesen Ausflügen zu den Menschen mehr Misserfolge als Erfolge hat. Bären lernen sehr präzise. Das erfordert auch einen großen Personalaufwand. Bei JJ3 hat es extrem lange gedauert und letztlich dennoch keinen Erfolg gebracht.

SPIEGEL ONLINE: Warum sind Sie diesmal zuversichtlicher?

Schoenenberger: Weil wir früh dran sind. Je später die Vergrämung beginnt, je mehr Erfolge der Bär schon hatte, desto irreversibler ist sein Verhalten. Desto schwerer ist es, ihm die Misserfolge noch in den Pelz zu brennen, um es mal so zu sagen.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es überhaupt positive Beispiele für dieses Vorgehen?

Schoenenberger: Ich habe Bären in Alaska vergrämt und das funktionierte mit Bärenmunition extrem gut. Da musste man das bei sehr frechen Tieren nur einmal machen.

SPIEGEL ONLINE: Nur ist Alaska nicht der Kanton Graubünden.

Schoenenberger: Ja, leider nicht. Hier hat man eher negative Erfahrungen gemacht - weil man meistens zu spät anfangen konnte. Vielleicht lag es auch daran, dass bisher Gummischrot verwendet wurde. Wir hatten auch nur mit wenigen Bären zu tun. Aber jetzt gibt es mehr Hoffnung.

SPIEGEL ONLINE: Der Bär muss sich seine Nahrung also woanders suchen. Ist er in der Region denn überhaupt überlebensfähig?

Schoenenberger: Ja, das ist möglich. Sein derzeitiges Verhalten hängt auch von mehreren Faktoren ab: Er ist ein junges Männchen, er ist von Natur aus neugierig. Zudem liegt noch viel Schnee, er ist gezwungen, in der Nähe der Siedlungen nach Futter zu suchen.

SPIEGEL ONLINE: Mal angenommen, die Vergrämung gelingt. Besteht dann im kommenden Winter nicht die gleiche Gefahr?

Schoenenberger: Es könnte sein, dass das Spiel dann von vorne beginnt. Aber wenn er jetzt die Scheu lernt, dann sollte er die mit zunehmendem Alter auch behalten. Studien zeigen, dass es hier genug Lebensraum und Nahrung gibt. Das Problem ist eher der Platz in den Köpfen der Leute.

SPIEGEL ONLINE: Was müssen die jetzt tun?

Schoenenberger: Die Menschen sollten Dinge, die den Bären anlocken könnten, nicht offen draußen lassen: Abfälle, Katzenfutter, Hühnerfutter. Das ist aber in der Menge gar nicht so leicht umzusetzen. Meistens schalten die Leute erst, wenn der Bär tatsächlich einmal vorbeigekommen ist. Er kann in einer Nacht große Distanzen zurücklegen. Das ganze Tal müsste das als Priorität betrachten.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben mit dem WWF ein fünfjähriges Projekt durchgeführt, das im Dreiländereck Schweiz-Österreich-Italien das Leben von Bären ermöglichen soll. Es gibt seither bärensichere Abfallcontainer, Schutz für Bienenhäuser, didaktische Wanderwege - genau in dem Gebiet, in dem "M13" sich nun bewegt. Wie wäre das für Sie, wenn der Bär erlegt werden müsste?

Schoenenberger: Wir sollten von JJ3 gelernt haben. Wenn es jetzt nicht möglich ist, dass dort ein Bär überlebt, wäre das für mich und unsere Kultur eine totale Niederlage.

Die Fragen stellte Hendrik Ternieden

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