Second Life - DER SPIEGEL
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Second Life

Ortstermin: Das Ministerium für Verbraucherschutz legt offen, wie die Kreditwürdigkeit der Bundesbürger ermittelt wird.
• aus DER SPIEGEL 35/2009
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ilse Aigner hat heute morgen einen schönen Blumenrock und eine optimistische Jacke angezogen, und jetzt, sagt sie, habe sie eine »Froage«. Sie ist in Feldkirchen-Westerham, Oberbayern, geboren und erst seit einigen Monaten Landwirtschafts- und Verbraucherschutzministerin in Berlin. Eine freundliche Frau, die das R rollt, oft lächelt, auch wenn nicht klar ist, warum, und von der gesagt wird, dass sie nur Ministerin werden durfte, weil sie genau das macht, was CSU-Parteichef Horst Seehofer ihr sagt. Aigner steht in einem Besprechungsraum ihres Ministeriums und stellt den Journalisten die Froage, es ist wie bei einem Quiz: »Wie viele Bundesbürger wissen, was der Score-Wert ist?«

Die Journalisten, die auf ihre Einladung hierhin gekommen sind, haben keine Ahnung.

»Zwölf Prozent«, sagt Aigner, und obwohl klar ist, dass dieser Wert dürftig ist, lächelt Ilse Aigner.

Genau genommen ist der Score-Wert eine Zahl für das Misstrauen. Und inzwischen auch für das Grundgefühl einer Gesellschaft, die sich nicht mehr vertraut, seit sich Kreditinstitute und Kunden gegenüberstehen wie Gegner. Der Score-Wert ist eine Art Kopfnote, vergeben wie früher in der Schule, nur eben nicht von Lehrern, sondern von der Wirtschaft. Die Zahl soll vorhersagen, wie wahrscheinlich es ist, dass Menschen ihren Verpflichtungen nachkommen. Ob man zahlen kann, wenn man einen Handy-Vertrag abschließt, einen Ratenkredit vereinbart oder im Internet einen Fernseher kauft.

Ein guter Wert heißt: solventer Kunde, zahlt bestimmt. Ein schlechter Wert bedeutet: Vermutlich wird er irgendwann Ärger beim Bezahlen machen. Nahezu jeder Deutsche hat einen ganz persönlichen Score-Wert. Kaum ein Mensch kennt ihn. Kaum ein Mensch weiß, dass ein zweiter Mensch von ihm existiert, ein Second Life gewissermaßen, zusammengebaut aus Scoring-Punkten.

»Es geht um die Frage: Kriege ich überhaupt einen Kredit? Wenn ja, zu welchen Konditionen? Kriege ich einen Handy-Vertrag? Kriege ich einen Mietvertrag? Das ist ein ganz zentraler Punkt«, sagt Ilse Aigner. Sie wird heute eine Studie zu dem Thema vorstellen. Sie will »Licht ins Dunkel« bringen.

In den Rechnern von Wirtschaftsauskunfteien ist im Lauf der Zeit eine Parallelwelt entstanden. Kleine, digitale Biografien von fast allen Deutschen sind hier angelegt worden. Die Schufa, die bekannteste Auskunftei des Landes, hat Informationen zu 65 Millionen Personen gespeichert. Die Schufa hat zu 65 Millionen Menschen ein bisschen was gehört, und deshalb hat sie zu 65 Millionen eine Meinung.

Die Methode kann man mit der einer geschwätzigen Hausmeisterfrau vergleichen. Das Scoring ist Tratsch auf Industrieniveau gewissermaßen. Ein paar Informationen, ein paar Erfahrungen, daraus folgt ein Urteil, der Score-Wert. Im Unterschied zur Hausmeisterfrau bedienen sich die Scorer statistischer Verfahren und mathematischer Modelle, aber dabei entstehen merkwürdige Dinge.

Weiß die Auskunftei beispielsweise, dass man geschieden ist (Hausmeisterfrau: Schrecklich, die armen Kinder, was der an Unterhaltszahlungen zahlen muss) oder dass man oft bestellte Waren zurückgegeben hat (Ein Querulant, na danke), dann wirkt sich das alles negativ auf den Score-Wert aus. Kommt hinzu, dass man selbständig ist (Hätte er was Richtiges gelernt, ich sag nur Wirtschaftskrise) und in der Innenstadt wohnt (In Bahnhofsnähe? Vermutlich trinkt er) - dann hat man ein großes Problem.

Auskunfteien sind Unternehmen, die bisher vom Datenschutz ausgenommen zu sein scheinen. Vermieter, Banken, Mobilfunkanbieter, sie alle bekommen auf Anfrage den Score-Wert möglicher Kunden genannt. Und wenn es dumm läuft, gibt es keinen Mietvertrag, keinen Kredit, kein Handy. Die Hausmeisterfrau aus der Parallelwelt kann Biografien zerschmettern.

»Das eigentliche Problem ist, dass die Fehlerquote der gesammelten Daten viel zu hoch ist«, sagt Ilse Aigner. »Bei den untersuchten Auskunfteien sind die Verbraucherdaten in bis zu 45 Prozent der Fälle fehlerhaft gespeichert worden.«

Wahrscheinlich hängt Vertrauen, das Fundament einer Gesellschaft, auch davon ab, ob irgendwelche Zahlen richtig oder falsch gespeichert werden.

Vier große Auskunfteien wurden in der Studie untersucht. Schufa, Creditreform Consumer, Arvato Infoscore und Bürgel. 100 Personen sollten ihre Daten einsehen und überprüfen. Es zeigte sich, dass der Unterschied zwischen der Parallelwelt und der realen riesengroß war. Manchmal waren Mobilfunkverträge gemeldet, die gekündigt waren, dann gab es Kreditkarteneinträge, obwohl die Testperson diese Kreditkarte gar nicht besaß.

Aigner steht vor einer großen Wand, die in fröhlichen Farben gestrichen ist. Sie spricht von der Verantwortung der Auskunftdateien, von der fragwürdigen Zulässigkeit von Score-Werten zur Bonitätsbewertung. Ab 2010 wird es ein neues Gesetz geben, das Gesetz zur Änderung des Bundesdatenschutzgesetzes.

In Zukunft werden die Bürger einmal im Jahr kostenlos bei den einzelnen Auskunfteien nachfragen dürfen, wie der eigene, tagesaktuelle Score-Wert lautet, wie der Score-Wert zustande kam. Ilse Aigner lächelt.

Der Fortschritt liegt vermutlich darin, dass jeder erfahren kann, warum ihm niemand mehr vertraut. JUAN MORENO

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