Security bei der Love-Parade-Katastrophe: Die Bauchentscheidung - DER SPIEGEL
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Security bei der Love-Parade-Katastrophe Die Bauchentscheidung

Jan-Ole Dietrich arbeitet seit 20 Jahren auf Großveranstaltungen, sorgt für die Sicherheit. Mit seiner Firma stellte er 400 Ordner auf der Love Parade. Die Katastrophe hat seine Branche geprägt - und den 39-Jährigen Demut gelehrt.
Jan-Ole Dietrich: "Keiner von uns hat sofort das Ausmaß realisiert"
Jan-Ole Dietrich: "Keiner von uns hat sofort das Ausmaß realisiert"

Jan-Ole Dietrich: "Keiner von uns hat sofort das Ausmaß realisiert"

Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Manchmal liegt Jan-Ole Dietrich nachts im Bett und kann nicht einschlafen, weil er einfach nur froh ist. Froh und erleichtert. Alle Probleme, die ihn sonst plagen, rücken dann in den Hintergrund.

Als am 24. Juli 2010 Menschen auf der Love Parade um ihr Leben kämpften, war Jan-Ole Dietrich im Hoist-Haus, einem weiß-hellblauem Hochhaus in der Duisburger Innenstadt. Im dritten Stock des Gebäudes war das Lagezentrum der fünf Sicherheitsunternehmen aufgebaut, die Ordner auf dem Techno-Festival stellten. Dietrichs Firma R.A.D. hatte mehr als 400 Mann im Einsatz. Von der Dachterrasse aus konnte er über das 500 Meter entfernte Veranstaltungsgelände blicken, der tanzwütigen Meute beim Feiern zusehen.

R.A.D. hat seinen Sitz im Kölner Stadtbezirk Rodenkirchen, mitten im Gewerbegebiet, in einem grauen Betonklotz, schmucklos und kalt. Jan-Ole Dietrich sitzt aufrecht hinter seinem Schreibtisch. Seine Frau mit Kind auf dem Arm lacht aus einem der Bilderrahmen herüber, an der Wand hängt ein Kalender mit Bildern von New York. Das Büro ist spartanisch eingerichtet und penibel aufgeräumt.

Dietrich ist ein großer, durchtrainierter Mann mit ansteckendem Lachen, schönen Händen und kölschem Akzent. Ein eloquenter, cleverer Typ. Die dunklen Haare hat er mit Pomade zurückgekämmt. Er war einer der ersten, den die Polizei nach dem Unglück vernommen hat.

14 Jahre lang hat seine Firma die Sicherheit bei der Love Parade mit gewährleistet. 14 Jahre lang gab es keine Toten. 14 Jahre lang hat keiner damit gerechnet, dass es ausgerechnet auf diesem Festival zur Katastrophe kommt.

"Wären unsere Leute für die Zone, in der es Tote gab, zuständig gewesen, könnte ich nicht mehr weiterarbeiten", sagt Dietrich. Und vermutlich auch nicht einschlafen. Immer wieder schießt ihm der Gedanke in den Kopf, was wäre, wenn gegen ihn ermittelt werden würde.

Felix, der Sohn seines Nachbarn, hatte ihn am Tag vor der Love Parade noch um Rat gefragt, wann er mit seinen Freunden am besten kommen solle. Dietrich riet ihm 14 Uhr. Seither denkt er oft daran, was passiert wäre, wenn er Felix eine andere Empfehlung gegeben hätte und der Junge zum Zeitpunkt der Katastrophe im Tunnel gewesen wäre.

Erstmals seit 14 Jahren wurde die Love Parade nicht mehr nur von R.A.D. geschützt, sondern von insgesamt fünf Sicherheitsfirmen. Erstmals seit 14 Jahren gab es 16 Überwachungskameras, auf denen alle Security-Firmen-Bosse das Treiben auf dem riesigen Areal des Alten Güterbahnhofes verfolgen konnten. Auf den Bildschirmen sahen sie die Massen, wie sie Richtung Paradewagen strömten, wie sie ausgelassen tanzten und sich dem Strom der Menge willenlos hingaben.

"Wir hatten nie zuvor so viele Kameras, das war für uns absoluter Luxus", sagt Dietrich. Seine Leute sicherten den Bühnenbereich der Techno-Party, einige Paradewagen und den VIP-Block. So konzentrierten sich Dietrich und sein Geschäftspartner Robert Ahrlé in erster Linie auf die Videoübertragungen aus diesen Bereichen.

Nicht im Blick hatten sie Kamera Nummer 13. Sie filmte die Tragödie aus nächster Nähe und dokumentierte, wie sich zu Beginn der Massenpanik verschwitzte Raver an Lichtmasten hochhangelten, um sich in Sicherheit zu bringen und die verstopfte Rampe zu umgehen. Vom Hoist-Haus aus konnte man die Szenerie beobachten, auch die Security-Chefs sahen sie.

Doch beunruhigt waren sie nicht. Aus ihrer Perspektive konnte man die Stauung nicht als Massenpanik deuten. "Für uns war kein dichtes Gedränge oder eine Gefahr erkennbar, es sah aus wie auf den Love Parades vorher auch", sagt Dietrich. "Keiner von uns hat sofort das Ausmaß realisiert."

"Zu viele Köche verderben den Brei"

Die Bilder, die ins Hoist-Haus gesendet wurden, hatten keinen Ton. So bleibt die Katastrophe für Dietrich bis heute abstrakt. Hilferufe, verzweifelte Schreie in Todesangst. Der 39-Jährige ist dankbar, dass ihm das erspart blieb, sie hätten sich ihm unwiederbringlich eingebrannt, davon ist er überzeugt.

Jan-Ole Dietrich ist seit etwa 20 Jahren im Geschäft. Er kennt die Branche von der Pike auf, war selbst Ordner bei Konzerten. Nach dem Abitur gingen seine Freunde an die Uni, er selbst verdiente sein Geld als Security-Mann. Es ist ein bequemes Leben: Er treibt den ganzen Tag Sport, liegt im Sommer am See, geht abends arbeiten. Seinen Eltern ist es peinlich, dass der Junge nicht studiert. Einige seiner damaligen Freundinnen falten noch heute T-Shirts in Boutiquen - eine Zukunft, wie sie ihm seine Mutter damals prophezeit hat.

Dietrich verdient zu schnell zu viel Geld, lebt aber solide. Er investiert, gründet mit 23 Jahren seine eigene Firma, stellt erstmals Sicherheitsmänner für eine Love Parade. Seine Leute grenzen sich in der Branche ab: Dietrich und Ahrlé legen Wert auf Auftreten, Benehmen, Manieren. Wer sich den Firmengrundsätzen entzieht, fliegt raus. Dietrich duldet keine Fehltritte, zu gut kennt er die Szene aus eigener Erfahrung.

Der gebürtige Kölner hat auf seinem beruflichen Weg nach oben alle Seiten der Szene mitbekommen: Gewalt, Katastrophen, Erfolg. "Ich habe viele dumme Situationen erlebt", sagt er.

Das Unglück hat die Security-Branche verändert

Sein Erfolg verlangt ihm Disziplin ab. Oft sitzt er bis 20 Uhr im Büro. Um 6 Uhr steht er jeden Tag auf, um 7 Uhr trainiert er im Fitnessstudio, am Wochenende joggt er oder boxt. Das muss er tun, weil er ein "hohes Aggressionspotential" in sich trage, sagt er und schmunzelt. "Sonst werde ich irre."

Die Konkurrenz belächelt die Auftritte der beiden Geschäftsführer samt Entourage. Sie tragen teure Anzüge, gelten als arrogant. "Wir halten uns für die Besten, das ist richtig", sagt Dietrich nüchtern. Trotzdem buchte die Lopavent, Veranstalter der Mega-Party in Duisburg, zum ersten Mal neben der R.A.D. noch weitere Sicherheitsfirmen.

Selbstbewusst weigerten sich Dietrich und sein Partner, mit anderen Security-Firmen zusammenzuarbeiten, bestanden auf autonome Gebiete. "Wir arbeiten immer autark, nie mit anderen zusammen und übernehmen nur Bereiche, die wir selbst verantworten können", beschreibt Dietrich seine Arbeitsphilosophie. Die Katastrophe von Duisburg hat die R.A.D.-Geschäftsführer darin bestätigt - und ihn Demut gelehrt. Gleichzeitig sei es ein beruhigendes Gefühl zu wissen, dass man die richtige Entscheidung gefällt habe und sich auf sein Bauchgefühl verlassen könne.

Die Wut auf die Mitstreiter in Duisburg ist noch immer nicht verraucht. Zu viele Leute, so Dietrich, hätten sich angemaßt, Aufgaben zu übernehmen, denen sie nicht gewachsen waren. "Allein schon der Crowd Manager war völlig überfordert und unerfahren."

Das Sicherheitskonzept selbst sei "absolut tragfähig" gewesen, betont Dietrich. Dass es nach der Katastrophe weder Tumulte noch Verwüstungen in der Stadt gab, stütze diese These. "Es waren einfach zu viele verschiedene Firmen beteiligt. Zu viele Köche verderben den Brei - erst recht, wenn einige davon nicht kochen können."

Das Unglück hat die Branche verändert. Die Planung und Konzeption von Großveranstaltung ist aufwendiger geworden, die Kunden misstrauischer, das Unglück oft ein Thema. Großveranstaltungen soll es nur noch mit elektronischen Lautsprecheranlagen für Durchsagen geben. Der ohnehin zweifelhafte Ruf der Security-Unternehmen hat noch mehr gelitten, der Imageverlust ist enorm. Was Leute wie Dietrich machen, will niemand sonst machen. Auch, weil man selbst in guten Zeiten nicht unbedingt gut schlafen kann.

Die Gesichter der Katastrophe: SPIEGEL ONLINE porträtiert Menschen, die bei der Love Parade waren und den Reportern in den Tagen nach dem Unglück ihre Geschichten erzählten. Begegnungen ein Jahr danach: Wie geht es ihnen heute? Was hat sich seither verändert?

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