»Sehr viel Spaß« - DER SPIEGEL
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»Sehr viel Spaß«

Ortstermin: Nach der Mai-Schlacht - Pressekonferenz der linken Szene in einer Kreuzberger Kneipe
• aus DER SPIEGEL 19/2002
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die »Rote Harfe« ist so eine Kreuzberger Kneipe, in der man sich um halb eins zum Frühstück verabredet und dann draußen sitzt, obwohl die Sonne nicht scheint. Aber die Leute, die in diesem Kiez leben, glauben daran, dass sich die Verhältnisse ändern können, Umwälzungen möglich sind, sogar Revolutionen. Wolken sind da ein kleineres Problem. Also sitzen sie unverdrossen draußen, kuscheln sich in ihre Lederjacken und warten auf die Sonne.

In der Roten Harfe hängt an der Wand ein Plakat mit der Aufschrift: »Heraus zum revolutionären 1. Mai«. Der 1. Mai war gestern, die Revolution blieb aus, aber wie immer in Berlin gab es Verletzte, brennende Autos, ein geplündertes Geschäft. Wie immer war nicht klar, warum das so unvermeidlich ist und welchem Zweck es dient.

Am Tag darauf gibt es in der Roten Harfe eine Pressekonferenz von Leuten, die zu Demonstrationen aufgerufen haben. Das sind Kathrin Wilke und Marc Schlosser von der Antifaschistischen Aktion Berlin und Tomas Lecorte von der Gruppe »Fels (Für eine linke Strömung)«. Drei junge Leute mit schmalen Gesichtern.

Die Frau erzählt jetzt mal, wie es so war, als man am Vormittag des 1. Mai gegen die Demonstration der NPD demonstriert hat, und wie die Polizei natürlich mal wieder voll auf Seiten »der Nazis« gestanden und alles dafür getan hat, damit »die Nazis ungestört demonstrieren« könnten, aber man hat eben gebrüllt und getrillert, was das Zeug hielt, so dass es »den Nazis« nicht möglich war, »ungestört ihre Demonstration durchzuführen«. Insgesamt zeigt sie sich »sehr zufrieden« über die schöne Demo und sagt das mit der gleichen Behaglichkeit, mit der man vom traditionellen Kirschblütenfest im Laubenpieperverein erzählt, von leckeren Grillwürsten und einem gelungenen Krocketturnier.

Am Abend hatten dann, erzählt jetzt Marc Schlosser, »15 000 Leute sehr viel Spaß« dabei, »gegen den rot-grünen Kriegseinsatz« zu demonstrieren, zogen los vom Rosa-Luxemburg-Platz in Mitte Richtung Kreuzberg. Spaßverderber war dann leider mal wieder die Polizei, die die Demonstranten »in einen großen Kessel hineingeführt hat«. Damit hatte die Polizei »Auseinandersetzungen provoziert«, bei denen es »natürlich auch zu Verletzungen gekommen ist«, zudem »zu 90 bis 100 Festnahmen«. Bei »mehr als 30 Personen« wollte die Polizei klären, »ob sie dem Haftrichter zugeführt werden sollen«.

Seltsamerweise spricht Schlosser die Sprache der Polizei, ein ungelenkes Deutsch, das Leben in bürokratische Akte verwandelt. Annäherung durch langjährige Feindschaft, das gibt es offenbar auch.

Als ein Journalist fragt, was die drei davon halten, dass ein Supermarkt am Oranienplatz geplündert wurde, herrscht für ein paar Sekunden Schweigen. Dann macht Schlosser klar, dass Gewalt nicht sein Mittel sei, er aber solche »Umverteilungsaktionen« nicht verurteilen will. Lecorte ergänzt, dass er lange in Kreuzberg lebe und verstehen könne, dass die Leute hier »eine ziemliche Wut auf die Polizei« hätten. Die Gewalt würde ihnen »von dieser Gesellschaft aufgezwungen«. Auch er sei »oft genug« von der Polizei verprügelt worden.

»Da war keine Polizei am Oranienplatz«, sagt ein Journalist, der in der Nacht dabei war. Wieder herrscht Schweigen. Dann spricht Schlosser: Angesichts des »rot-grünen Kriegseinsatzes«, angesichts »der rotroten Sparpolitik« und angesichts von »Erfurt« sei die Plünderung des Supermarkts »das kleinere Verbrechen«.

Erfurt. Ein 19-Jähriger erschießt zwölf Lehrer, eine Sekretärin, zwei Schüler und einen Polizisten, dann sich selbst.

Vielleicht sollte Schlosser noch den Zweiten Weltkrieg erwähnen, der war irgendwie auch schlimmer als die Plünderung des Supermarkts. Und den Holocaust, aber das wäre natürlich ein geschmackloser Vergleich. Obwohl dann endgültig klar wäre, wie harmlos das alles ist, was am 1. Mai so passiert in Berlin.

Außer vielleicht für die 101 Polizisten, die verletzt wurden, und den Betreiber des Supermarkts und ein paar Leute, deren Autos in Flammen aufgegangen sind.

Leider erfährt man auch auf der Pressekonferenz nicht, warum das alles wieder sein musste. Aus Spaß? Oder weil ein paar Leute immer so 'ne Angst haben vor der Gesellschaft, die ihnen Gewalt aufzwingt? Und zwar Jahr für Jahr in Berlin, ob die Gesellschaft nun schwarz-gelb regiert wird oder rot-grün oder schwarzrot oder rot-rot. Entweder ändert sich Politik nie, oder die Leute, die Flaschen werfen, weigern sich, wahrzunehmen, dass sich doch etwas geändert hat in Deutschland seit 1945.

Deeskalation hatte der rot-rote Senat in diesem Jahr für die Berliner Polizei angeordnet. Netter als sonst soll die Polizei am 1. Mai gewesen sein, zu nett nach dem Geschmack der CDU, nicht nett genug nach dem Geschmack der Demonstranten. Aber von denen fühlen sich ja einige auch von einer Polizei provoziert, die nicht da ist, wie am 1. Mai am Oranienplatz.

Ob es irgendeine Aussicht gibt, dass im nächsten Jahr etwas anders sein wird, will ein Journalist von den dreien noch wissen. Eine klare Antwort bekommt er nicht.

Noch Fragen, fragt Schlosser die Journalisten. Ein stummes, ratloses Nein. Nach 20 Minuten ist die Pressekonferenz zu Ende. Immerhin scheint jetzt die Sonne. DIRK KURBJUWEIT

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