Seilbahnunglück Die Helfer erleben das Grauen
Wien/Kaprun - Die Bergungskräfte gelangten über einen Mittelstollen zum Unglücksort im Tunnel zum Kitzsteinhorn. Heereshubschrauber flogen die verkohlten sterblichen Überreste zur Identifizierung nach Salzburg. Der Abtransport einiger Toter verzögerte sich vorübergehend, weil Föhn aufzog. Die Fallwinde machen Flüge in den Bergen riskant. Im Salzburger Dom findet am Freitag ein Trauergottesdienst statt, zu dem auch Bundeskanzler Gerhard Schröder kommen will.
Bei der Gletscherbahn-Katastrophe von Kaprun sind nach jüngsten Erkenntnissen 159 Menschen ums Leben gekommen. Nach den korrigierten Angaben sind 37 Deutsche ums Leben gekommen. 92 der mutmaßlichen Opfer seien Österreicher, sagte der Salzburger Landeshauptmann Franz Schausberger am Montag in Kaprun. In dem Unglückszug seien zudem zehn Japaner, acht Amerikaner, ein Brite, zwei Niederländer, vier Slowenen und ein Tscheche gewesen. Von vier Opfern sei die Nationalität weiterhin nicht bekannt, sagte Schausberger.
Fünf Opfer, die zunächst für Deutsche gehalten worden waren, seien inzwischen als Österreicher identifiziert worden. Sie waren offenbar mit einem deutschen Auto unterwegs. Schausberger betonte, die Identifizierung der Opfer sei nur zu 90 Prozent sicher, da man nur von Vermisstenzählungen ausgehen könne.
Wegen der großen Hitze in dem ausgebrannten Gletscherzug seien die Leichen bis zur Unkenntlichkeit entstellt oder sogar vollständig verbrannt, hatte zuvor der Leiter der Salzburger Polizei, Major Franz Lang gesagt. Deshalb könnten sie nur mittels einer Genanalyse endgültig identifiziert werden. Das werde mindestens drei bis vier Tage dauern.
Die mehr als 250 zivilen und militärischen Bergungskräfte mussten in dem Stollen 700 Meter hinabsteigen, um zu dem ausgebrannten Zug vorzudringen und die vielfach jugendlichen Opfer heraufzuholen, berichtete Lang. Rund 100 Polizisten, 71 Soldaten und 24 Helfer des Roten Kreuzes wechselten sich im Einsatz ab, da sie "unter enormen Druck" stünden. 14 Experten seien vor Ort, um den Bergungskräften beizustehen, ihre Erlebnisse zu verarbeiten.
Schilderungen eines Überlebenden
Ein 39 Jahre alter Mann aus Gallsbach in Oberösterreich schilderte im ORF die Panik im Tunnel. "Es war Glück, dass ich mit meiner Tochter ganz hinten eingestiegen bin." Bereits nach dem Start habe er "nach ein paar Sekunden" bemerkt, "da raucht's irgendwie". Im Tunnel habe er gemeinsam mit einem weiteren Fahrgast festgestellt, "da brennt ein ganz kleines Feuer". Dieser Fahrgast habe vergeblich versucht, mit dem Handy Rettung zu holen.
Der Zug sei dann stehen geblieben, das Licht ausgegangen, unter den Passagieren sei sofort Panik ausgebrochen. "Zuerst hat man geglaubt, es ist nur ein Stromausfall". "Wir haben krampfhaft versucht, die Türen aufzumachen", jedoch ohne Erfolg. "Plötzlich stand der Führerstand lichterloh in Flammen", zitierte die "Kronenzeitung" den Mann. "Kinder schrieen und weinten, unvorstellbare Panik überall, der nackte Kampf ums Leben."
Nachdem einige Fahrgäste durch eine eingeschlagene Plexiglasscheibe nach draußen geflüchtet seien, "hab ich mir gedacht, das können wir auch", sagte er im Radio. "Ich habe meiner Tochter einen Schubs gegeben. Sie ist in den Schacht geflogen". "Es war stockdunkel". Er habe sich gewundert, wie er selbst es durch die Scheibe nach draußen geschafft habe. "Das Loch war nicht groß". Er sei dann mit seiner Tochter über die Treppe neben den Schienen 600 Meter ins Tal gerannt.
Nach dieser Darstellung ist das Feuer "in der hinteren Führerkabine" ausgebrochen. "Mir ist es wie ein Schwelbrand oder Kabelbrand vorgekommen". Anweisungen des Zugführers habe es nicht gegeben.
Identifizierung per Genanalyse
66 Leichen sind inzwischen aus dem Tunnel geborgen worden. Alle hatten sich außerhalb der Bahn befunden. Die ersten Leichen sind zur gerichtsmedizinischen Untersuchung nach Salzburg gebracht worden. Die Opfer des Brandinfernos sollen dort durch Genanalysen identifiziert werden. Die DNA-Analysen sollen drei bis vier Tage dauern.
Zur Unglücksursache machten die österreichischen Behörden noch immer keine genauen Angaben. "Höchst wahrscheinlich war es ein Schwelbrand" , sagte Lang. "Für Einwirkungen von außen gibt es keine Hinweise".
Für besorgte Angehörige von Winterurlaubern sind in Österreich und Deutschland Notrufnummern eingerichtet worden, die pausenlos belegt waren. Der österreichische Fernsehsender ORF stellte unter der Adresse www.orf.at eine Liste der Urlauber ins Internet, die gesund in ihre Unterkünfte zurückgekehrt sind. Psychologen halfen den Angehörigen vor Ort, mit dem Unfassbaren fertig zu werden.