Seligsprechung Halbzeit für Johannes Paul II.
Rom - Die Frau, die Johannes Paul zu einem Seligen machen soll, verlässt die Lateranbasilika um kurz nach 13 Uhr. Mit weißem Kopftuch, der Schritt leicht, die Statur schmal: Marie-Simon-Pierre, Nonne im Orden der "Kleinen Schwestern der katholischen Mutterschaft", zuletzt auf einer Pariser Entbindungsstation tätig, 46 Jahre alt.
Fast zwei Jahre lang hatte die Kirchenkommission der Diözese Krakau nach einem Wunder gesucht, mit dem die Seligsprechung des heute vor zwei Jahren gestorbenen Papst Johannes Paul II. eingeleitet werden konnte - und die Nonne aus Frankreich gefunden. Aus einer Anzahl von vielen eingereichten Wunderberichten wählten sie den der Marie-Simon-Pierre als den überzeugendsten aus.
Noch vor zwei Jahren litt sie an Parkinson, ausgerechnet der Krankheit, die auch den verstorbenen Papst immer mehr zeichnete. Zittern, Teillähmungen sind Symptome dieser unheilbaren Qual. Marie-Simon-Pierre war so krank, dass sie kaum einen Stift halten konnte. Dann, nachdem sie den Namen des Papstes unter größter Mühe auf ein Blatt Papier schrieb und zu ihm betete, kam im Juni 2005 die plötzliche Heilung: schnell, vollständig und wissenschaftlich unerklärlich - so erzählt es Marie-Simon-Pierre und so sagen es ihre Ärzte.
"Der liebe Papst"
Gutachten wurden eingeholt, insgesamt 130 Weggefährten Karol Wojtylas befragt: Die umfangreiche Akte der Krakauer Kommission wurde heute in der römischen Kirche San Giovanni in Laterano der Kongregation für Selig- und Heiligsprechungsprozesse übergeben. Zwei Jahre nach dem Tod Johannes Paul II. - ein rekordverdächtig kurzer Zeitraum. Der Mann, der insgesamt 1338 Menschen selig und 483 heilig gesprochen hatte, mehr als alle seine 263 Vorgänger zusammen - soll nun selbst ein Seliger werden. Vorher wird sich nun allerdings die Kongregation mit der Materie beschäftigen. Das, so heißt es, werde mindestens noch zwei weitere Jahre dauern.
Plakate mit Papst Johannes Paul II. ragen in den römischen Himmel, polnische Reisegruppen schwenken Solidarnosc-Flaggen, aus der ersten Reihe der Wartenden vor der Basilika ertönt leiser Gesang, einige Nonnen haben ein Lied angestimmt. Hunderte Gläubige und Pilger warten auf die Zeremonie. Ein glatzköpfiger Römer, Mitte 30, Lederjacke orangefarbenes T-Shirt, ist gekommen um die Zeugnisse des Wunders zu sehen. Damals, als Johannes Paul starb, das seien überwältigende Emotionen gewesen, sagt er. Emotionen, die ihm fast Angst gemacht hätten.
Ganz vorne in der Besucherabteilung des weiten Kirchenschiffs hat Marta Mayalita mit ihrem Johannes-Paul-II-Schild Platz genommen. Immer wieder dreht sie das Foto, betrachtet es, murmelt "der liebe Papst" vor sich hin. Ein Jahr habe sie gespart, um sich die Reise nach Rom zum zweiten Todestag Johannes Paul II leisten zu können, erzählt die kleine Frau. Mayalita ist Ecuadorianerin, sie arbeitet in Mailand. Schwester Joanne Mendez, Nonne aus Kolumbien, sagt, Papst Johannes Paul II, habe für sie vollkommene Liebe verkörpert. Immer habe er jedem vergeben.
Es geht nicht nur um das Wunder
Tatsächlich geht es bei einer Seligsprechung nicht nur um ein Wunder, das der Selige in spe bewirkt haben soll, sondern auch darum, dass er aufgrund seiner Tugendhaftigkeit und Güte so viel Anerkennung von Gott bekam, dass er überhaupt im Stande ist, Kranke zu heilen.
Dutzende Fernsehkameras sind auf die Kirchenmänner gerichtet, die an einem langen Tisch in der Kirche Platz genommen haben. Auch der polnische Präsident Lech Kaczynski ist gekommen. Schließlich tritt ein schmaler Mann mit silberner Brille an das Rednerpult. Es ist der Chefermittler der Krakauer Kommission, Slawomir Oder. Immer wieder hatte er betont, dass die kurze Zeit, in der die Nachforschungen stattfanden, keinesfalls bedeute, dass das Verfahren nicht genauso gründlich wie bei anderen Seligsprechungen vonstatten gegangen sei.
So überwältigend die Heilung von Schwester Marie-Simon-Pierre am 2. Juni 2005 gewesen sein muss - am Ende ist der Abschluss dieser Phase der Seligsprechung von Papst Johannes Paul II eine ziemlich nüchterne Angelegenheit. Unterschriften werden notariell beglaubigt, Kopien gemacht, Briefumschläge versiegelt. Als nächstes muss der Vatikan entscheiden, ob das Wunder glaubhaft ist.
Kardinal Camillo Ruini ist kaum mit seiner Rede über das Leben des verstorbenen Papstes fertig, da verlässt die Geheilte die Kirche. Wahrscheinlich macht sie sich auf den Weg zur nächsten Gedenkstation. Zehntausende werden am Abend zur Messe des Papstes Benedikt anlässlich des zweiten Todestages von Karol Wojtyla vor dem Petersdom erwartet.