Sensiblere Zeit - DER SPIEGEL
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Schönheit Sensiblere Zeit

Die Avantgarde der Modemacher pflegt ein neues Männerideal: Muskeln sind passé, der urbane Typ des »Geek« ist blaß und schmal.
• aus DER SPIEGEL 43/1996
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

In der Schule wurden sie verspottet, auf dem Heimweg verprügelt. In den Pausen durften sie nicht mitkicken, und im Sportunterricht stolperten sie über den Hockeyschläger. Sie sehen immer noch nicht aus wie richtige Männer, doch nun sind sie auf einmal sexy - die Schmächtigen mit den schmalen Gesichtern.

»Geek« heißt der Typ, den die Modemacher als neues männliches Schönheitsideal propagieren: So hat der amerikanische Starfotograf Bruce Weber für Versace-Jeans zwei blasse Typen abgelichtet, die ihre toupierten Köpfe aneinanderhalten und zwei weiße Welpen in den Armen tragen.

Der österreichische Modemacher Helmut Lang präsentiert eine ebenfalls von Weber fotografierte Unterwäsche-Kampagne, deren Modelheld der schlaksige Spanier Ivan de Pineda ist: 19 Jahre alt, 1,86 Meter groß und so dünn, daß seine Agentur keine Angaben zu seinem Gewicht macht. Der zugehörige Werbetext lautet: »Dürre sind zum Anbeißen.«

Entdeckt haben die Werbemenschen das Mannsbild ohne Muskeln und Machtallüren unter den Idolen der Jugendkultur, die zur Zeit vor allem aus England kommen. Popstars wie Jarvis Cocker, Sänger der britischen Band Pulp, und Brett Anderson von Suede oder auch Schauspieler wie das Hollywood-Knabenwunder Leonardo DiCaprio.

Als Pioniere des anderen Blicks auf die Männlichkeit gelten die beiden deutschen Modefotografen Wolfgang Tillmans und Jürgen Teller. Ohne Retusche dokumentieren sie seit Jahren für britische Magazine wie The Face, i-D oder Arena Augenblicke aus dem Leben junger Szenegänger - keine starken Posen, dafür bleiche Coolness, wie sie auch die drogengebeutelten Helden des Erfolgsfilms »Trainspotting« pflegen.

Werner Schreyer, 26, schmächtiges Vorzeigemodel von Hugo Boss und nur 1,78 Meter groß, hätte es ohne den Einfluß aus dem Underground kaum unter die Top ten der Männermodels geschafft. Andere große Modefirmen ziehen nach: Cerruti, Kenzo, Dolce & Gabbana, Gucci, Krizia, Uomo und Calvin Klein experimentieren ebenfalls mit dem Image des sensiblen, anderen Manns.

Bei den Herbstschauen dieses Jahres wurde auf den Laufstegen das Ideal des Hänflings gefeiert: Enge Schultern, schmale Taillen und tief hängende Hosen, darunter fast hautenge Hemden - so stellen sich der Italiener Giorgio Armani, der Amerikaner Ralph Lauren oder auch der Brite Paul Smith den neuen Mann vor.

»Da findet eine Werteverschiebung vom Äußerlichen zur Psyche statt«, behauptet Versace-Sprecherin Doris Brugger, »die Zeit ist sensibler geworden und hat das alte Männerbild überholt.« Angelika Brodde, Moderedakteurin des Lifestyle-Magazins Max, sieht im Siegeszug der Hänflinge männliche Lust am Experiment mit neuen Rollen. »Das ist ein Schritt in der Emanzipation«, sagt Brodde.

Doch offenbar wird dieser Schritt bisher nur in den Metropolen der Avantgarde, in London, New York und Mailand, gewagt. In Deutschland dagegen sind immer noch durchtrainierte Männer Marke Til Schweiger das populäre Schönheitsideal. »Unterwäsche kommt bei einem Krischperl einfach nicht so gut rüber«, sagt eine Mitarbeiterin der Düsseldorfer Modelagentur Diselection.

Ein Grund für die geringe Experimentierfreude ist die spezielle Auftragslage deutscher Modelagenturen. Zu 80 Prozent arbeiten sie für die Kataloge der großen Versandhäuser. Nur rund 20 Prozent des Umsatzes erzielen die Agenturen durch Werbung und Fotostrecken in Illustrierten, die wesentlich mehr Raum für Kreativität lassen. »Wir sind eben Otto-Land«, schimpft Frank Trost von der Hamburger Agentur Promod, »in Catalogue-Country traut man sich nichts.«

Auch auf den konservativen französischen Laufstegen scheint der dünne Mann nicht anzukommen. »Leute, die Geld haben«, sagt Hita Scharps von der Pariser Modelagentur Bananas, »können sich nicht mit Models identifizieren, die aussehen, als ob sie Drogen genommen hätten.«

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