Serie Sat.1 setzt auf die Psychiatrie
Hamburg - Jan Kromschröder, Erfinder-Chef bei Sat.1, hat von Sex und Gewalt im Programm genug. Serienhits wie die "Rote Meile" und "Helicops" haben ausgedient. Gemeinsam mit dem Ex-RTL-Chef Marc Conrad entwickelte Kromschröder ein neues Konzept - die Psychiatrie-Serie "Alles Irre". Ab Frühjahr 2002 will der Berliner Sender wöchentlich Geschichten zeigen, die in einer psychiatrischen Klinik spielen. Die abgewandelte Arztserie aus der Irrenanstalt soll sich 60 Minuten lang aufgeschlossen und locker mit dem Thema psychisch Kranke auseinander setzen. Natürlich mit der gebotenen Sensibilität und dem gewissen Verständnis gegenüber der "Andersartigkeit" von Menschen, so der Privatsender.
Noch befindet sich "Alles Irre" in der Entwicklungsphase. Ein kleines Autorenteam bastelt an den Drehbüchern zum Pilotfilm und zur Serie. Der Pilotfilm soll im Herbst dieses Jahres starten. Es steht in den Sternen, ob die Episoden über fünf, sechs Stammpatienten und deren Erfahrungen den Zuschauer amüsieren, anrühren oder gar abstoßen werden.
Das Projekt kann für Sat.1 leicht zur Gratwanderung werden. Keine Comedy, aber lustige Irre, geht das? Die Gefahr, Vorurteile zu bestätigen statt Verständnis für die Patienten zu wecken, ist groß. Geplant ist, dass 70 Prozent der Sendung sich ernsthaft mit der Thematik auseinander setzen und 30 Prozent Geschichten zum Schmunzeln sein werden.
Selbstverständlich arbeite man im Vorfeld mit Experten und Betroffenen zusammen, erklärt Anne Karlstedt, bei Sat.1 für die redaktionelle Betreuung der Serie zuständig. Psychisch angeschlagene Menschen würden in der Serie nicht mitspielen, nur professionelle Schauspieler.
Späße auf Kosten Kranker?
Die Serie stößt schon im Vorfeld auf Bedenken. Werden hier Späße auf Kosten psychisch Kranker gemacht? Ziel einer solchen Produktion sollte, laut Stefan Marks, Pressesprecher der Hamburger Gesundheitsbehörde, sein, mehr Verständnis für die Patienten zu wecken und keine herrschenden Vorurteile zu festigen.
Integration von psychisch Kranken und ernsthafte Auseinandersetzung mit der Psychiatrie müssten die entscheidenden Kriterien für eine Psychiatrie-Serie sein, so Siegmar Elighausen, Pressesprecher des Landesbetriebs Krankenhäuser Hamburg. Psychische Erkrankungen seien heute zwar kein Tabuthema mehr, fraglich sei allerdings, so Elighausen, inwieweit das Format geeignet sei, seriöse Einblicke zu geben. Statt ernsthafter Auseinandersetzung drohe Trivialisierung. Die Psychiatrie verkomme zum Objekt voyeuristischer Begierde, befürchtet der Experte.
Diese Befürchtungen müssen nicht eintreffen. Klamauk-Produktionsfirmen wie Endemol oder Brainpool bleiben laut Sat.1-Angaben außen vor. Stattdessen soll sich Marc Conrads Produktionsfirma Typhoon dem heiklen Thema annehmen. Zuletzt produzierte Typhoon den Kinohit "Das Experiment" - eine beeindruckende Darstellung einer psychologischen Studie über das simulierte Zusammenleben von 20 Männern in einem Gefängnis.