Sex-Messe "Venus": Besuch bei der Berliner Veranstaltung - DER SPIEGEL
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Erotikmesse "Venus" Alles für ein Foto

Die Erotikmesse "Venus" gibt es seit inzwischen 16 Jahren, die Besucherzahlen sind konstant hoch. Was aber macht die Veranstaltung aus, wenn der gesamte Alltag reizüberflutet ist, und Netz und Werbung vor Erotik triefen? Eine Spurensuche.
Von Sarah Tschernigow
Besucher der "Venus"-Messe: Immer schön draufhalten
Besucher der "Venus"-Messe: Immer schön draufhalten

Besucher der "Venus"-Messe: Immer schön draufhalten

Foto: Hannibal Hanschke/ dpa
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Mann mit den graumelierten Haaren hält seine Handykamera so dicht an die Tänzerin, dass die Aufnahme eigentlich nichts geworden sein dürfte. "Nein, das ist super so", sagt er nur, ohne seinen Blick vom Display zu lösen. Was er mit dem Filmchen später mache? "Keine Ahnung, erstmal sammeln." Nach der fünfminütigen Striptease-Show will er ein Foto mit der Darstellerin haben und stellt sich dafür brav in der Schlange an. Der Tänzerin fällt es nach der zwanzigsten Hand auf ihrem Hintern sichtlich schwer, natürlich in die Linse zu lächeln.

Es folgt der "Carwash mit Alice". Die Anmoderation liegt irgendwo zwischen Kirmes und Raubtierfütterung im Zoo: "Treten Sie näher! Alice zeigt, was sie hat!" Vor allem: nackte Brüste und einen Schwamm. Mit dem wäscht sie einen mit Sexwerbung beklebten Cityflitzer. Binnen Sekunden bildet sich eine Traube von ein paar Dutzend Männern, jeder zweite von ihnen deutlich älter als 50. Sie dürfen ganz nah ran, mit etwas Glück sogar anfassen, aber die meisten verstecken sich hinter ihren Handys und Fotokameras. Kaum jemand, der die Show nicht für Zuhause digital festhalten will.

Aus etwas Distanz beobachtet ein junges Pärchen um die 20 das Spektakel. "Wir sind mehr wegen der Klamotten hier", sagt die junge Frau mit Pferdeschwanz. "Ich glaube, die kriegen im wahren Leben nichts ab", flüstert sie ihrem Freund zu. Früher sei die Messe größer gewesen, klagt er. Es habe mehr Monitore mit Filmen gegeben. "Ich glaube, heute zahlen die meisten den Eintritt nur noch für die Live-Shows."

Pornografie war vermutlich noch nie so präsent wie heute

Damit dürfte er nicht ganz unrecht haben. Das Idol anfassen, die Hand schütteln, ein Erinnerungsfoto schießen - das kann das Netz nicht bieten. Das kann nur die Messe. Es ist wohl das einzige, das sie dem Internet wirklich voraus hat.

Die Venus gilt als größte Erotikmesse der Welt, sie hält sich hartnäckig in Berlin, seit 16 Jahren. Die Besucherzahlen liegen laut Geschäftsführer Marcus Hagewald seit Jahren recht konstant um 30.000. Dieses Jahr will er die 33.000 knacken. Und trotz stolzer 30 Euro für eine Tageskarte ist das nicht unrealistisch. Porno ist ein gigantischer Markt, und er war vermutlich noch nie so präsent wie heute. Aber seitdem die nackten Brüste per Mausklick ins heimische Wohnzimmer kommen, hat die Pornoindustrie ein gewaltiges Problem. Und die Messe somit auch. "Dass alles gratis im Netz verfügbar ist, ist ein Skandal. Die Brötchen beim Bäcker muss ich ja auch bezahlen!", sagt er.

Ramschpreise: zehn Filme für 25 Euro

Die Messe versucht irgendwie mitzuhalten. Die Kulisse wirkt etwas bemüht und manchmal einfach stumpf. Viele Besucher nutzen sie, um Eindrücke zu konservieren: Filme zu drehen, Fotos zu machen. Erotik zum Mitnehmen.

In der Branche passiert etwas, die Schwerpunkte haben sich verschoben: weniger Film, mehr Kleidung, Spielzeug, Live-Shows. An dem Thema Online kommt fast keiner mehr vorbei. Die Messe ist der Ort, an dem reale und virtuelle Welt verschmelzen. Die Frauen aus dem Netz gibt es hier in echt - sofern man bei falschen Haaren, falschen Nägeln, falschen Brüsten davon sprechen kann.

Zahlreiche der insgesamt 250 Aussteller präsentieren in Berlin ihre Webcam-Girls. "Die großen Produktionsfirmen, die mit Stars wie Dolly Buster oder Kelly Trumpgearbeitet haben, gibt es so kaum noch", sagt Hagewald. Was davon übrig geblieben ist, findet sich auf einem Wühltisch: zehn Filme für 25 Euro. Manche werdem auch verschenkt. Von einer Krise wollen die meisten Aussteller nichts wissen. Da können noch so viele Besucher mit ganzen Profi-Fotoausrüstungen an ihnen vorbeilaufen.

Im Übrigen kommen auch einige Frauen zur "Venus". Sie sind eine wichtige Zielgruppe geworden. Für sie gibt es sogar einen extra Ladys-Bereich, aber auch damit kriegt die "Venus" ihr Etikett als schlüpfrige Sexmesse nicht weg. Neben einigen frisch verliebten Pärchen, partyfreudigen Schwulen und neugierigen Freundinnen zieht die Messe vor allem alleinstehende, gealterte Herren mit ausgeprägtem Voyeurismus an.

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