Shanksville: Am Boulevard der Helden - DER SPIEGEL
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Shanksville Am Boulevard der Helden

Am 11. September 2001 hat sich die Welt verändert - besonders in Shanksville, einem kleinen Dorf in Pennsylvania. Aus dem verschlafenen Nest ist eine Pilgerstätte für Touristen und Journalisten geworden - die auf der Suche nach den Helden des Fluges 93 sind. Heute kommt sogar Präsident Bush.
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Holly Hearth hat ein neues Hobby: Sie sitzt auf der Veranda und scannt die Nummernschilder der vorbeifahrenden Autos. "Von überall her kommen die", sagt sie beeindruckt. Die rundliche Frau wohnt im US-Bundesstaat Pennsylvania, an der Straße nach Shanksville.

In diesen Tagen führen alle Straßen der Gegend nach Shanksville. Die Pilger kommen aus allen Himmelsrichtungen, 5000 pro Woche, und immer fragen sie nach der "Crash Site", dem Absturzort. Hearth gibt bereitwillig Auskunft von ihrer Veranda, zehn bis fünfzehn Mal am Tag. Alle hier geben sie gerne Auskunft. Das 245-Seelen-Nest ist schließlich, so steht es auf dem Ortsschild, "a friendly little town".

Und stolz obendrein. Den Straßenrand säumen Nachrufe auf "unsere Helden". Die Huldigung beginnt gleich nach der Autobahnabfahrt in Somerset beim ersten McDonald’s. Mindestens ein Dutzend Schilder weisen den Weg zur "Crash Site" - der offenbar einzigen Sehenswürdigkeit in einer ansonsten schilderlosen Gegend.

Shanksville ist der Ort, an dem Amerika den Terroristen die erste Niederlage beschert hat. Eigentlich hatte United-Airlines-Flug 93 damals am 11. September ins Kapitol rasen sollen. Das zumindest legt ein neues, angeblich von al-Qaida stammendes Video nahe. Doch die Passagiere, so die Legende, haben die Entführer angegriffen, und die Maschine stürzte ab. Shanksville sei daher "heiliger Grund, wie Gettysburg" sagt Patrick Welsh, Witwer der gestorbenen Chef-Flugbegleiterin Deborah Welsh. Er ist zum ersten Mal hier - und findet es "wunderbar", in welchem Maß die Leute von Shanksville die Opfer adoptiert haben.

Die "Crash Site" ist ein leicht gewelltes, gelbbraunes Feld. Zu sehen gibt es nicht viel. Man darf auch gar nicht nah ran, Regierungssache. Die Zugangsstraße, der "Skyline Drive", endet an einem Schotter-Parkplatz. Dort steht das vorläufige Denkmal, eine behelfsmäßig zusammen gezimmerte Holzwand mit Flaggen, selbst gebasteltem Kitsch und ausgelutschten Slogans. Genau wie am Ground Zero in New York. Nur dass das Ensemble in der ländlichen Umgebung mindestens so außerirdisch wirkt wie Kreise im Kornfeld.

Der bizarre Eindruck wird in diesen Tagen noch verstärkt durch die Phalanx der Satelliten-Übertragungswagen, die sich dreißig Meter entfernt in Stellung gebracht hat. Bis zum Dienstag waren bereits 300 Journalisten angereist - mehr als einer pro Einwohner.

Für die einstündige Gedenkfeier am Mittwochmorgen werden 30.000 Besucher erwartet. Am Nachmittag wird US-Präsident George W. Bush mit dem Helikopter einschweben, nachdem er die Zeremonien in Washington und New York abgehakt hat. Er kommt für eine private Gedenkfeier mit den Angehörigen der 40 Opfer.

Der Secret Service, der Bush stets vorauseilt, und die Weltpresse bringen Abwechslung in den Ort, der zu klein ist, um ein eigenes Restaurant oder einen Supermarkt zu haben. Der Busfahrer George Barron, dessen Schulbus für drei Tage zum Presse-Shuttlebus umfunktioniert wurde, kann sein Glück nicht fassen: "Das ist eine einzigartige Gelegenheit. Die ganze Welt kommt zu uns". Der redselige 64-Jährige hat schon Reporter aus Nordkorea, Japan, Australien und Deutschland transportiert - "und alle lächeln sie".

Auch Alphonse Mascherino redet seit dem Wochenende ununterbrochen. Rund 50 Interviews hat er gegeben. Der katholische Pfarrer hatte im vergangenen Oktober den Geistesblitz, die hundert Jahre alte Kapelle zu kaufen, die nur wenige Kilometer von dem Absturzort entfernt liegt. Jetzt nennt er sich Direktor der "Flight 93 Memorial Chapel". Die Straße von hier bis zum Feld will er in "Boulevard der Helden" umtaufen lassen. Die Petition ist bereits eingereicht.

Auch das Postamt, das an der Straße liegt, soll dann die Adresse "Boulevard der Helden" tragen. Für Mittwoch hat sich das Amt bereits auf einen Testlauf eingelassen: Jeder Brief, der am 11. September von Shanksville abgesandt wird, bekommt einen besonderen Stempel: "Boulevard der Helden, Shanksville, New York, Washington - We will never forget."

Die "Memorial Chapel" war zuletzt als Abstelllager einer Samenvertriebsfirma benutzt worden. Mit Hilfe einer lokalen Millionärin und Freiwilligen renovierte Mascherino das zweckentfremdete Gebäude. Am Montag wurde die Glocke mit dem Namen "Voice of Flight 93" in den brandneuen stählernen Glockenturm gehängt. Eine Gänsehaut habe sie bekommen, als die Glocke zum ersten Mal geläutet habe, bekennt eine Nachbarin. Mascherino freut sich: "Genau das will ich . Jedes Mal, wenn man die Glocke hört, soll man an den Flug 93 denken."

Bis zur letzten Minute wurde im Innern der Kapelle gepinselt. Am Dienstagabend weihte Mascherino sie mit einer Gedenkveranstaltung ein. Nach dem 11. September soll die Kapelle als ökumenisches Haus der Andacht allen Besuchern offen stehen. Über ein offizielles Denkmal ist noch nicht entschieden. Der Kongress wird voraussichtlich den National Park Service mit der Planung beauftragen.

Vorerst sorgen die Bewohner Shankvilles dafür, dass kein offizielles Denkmal nötig ist. Die Erinnerungen sind immer noch frisch. Jeden Tag ist mindestens ein "Botschafter" auf dem Feld, ein Freiwilliger, der den Pilgern die Geschichte des Absturzes erzählt. Und der Slogan "Let’s roll" ist das inoffizielle Motto des Ortes: Er steht auf den Anstecknadeln, die in der Sport-Bar Pug’s Place verkauft werden, ebenso wie auf den T-Shirts, die die Serviererinnen im Diner in Somerset tragen.

Mit dem Schlachtruf "Let’s Roll" ("Und los") soll Todd Beamer vor einem Jahr den Angriff der Passagiere auf die Entführer eingeleitet haben. Es ist auch der Titel des Bestsellers, den Beamers Witwe Lisa zum Jahrestag veröffentlicht hat.

In Shanksville ist Beamers Buch natürlich Pflichtlektüre. Wenn die Bewohner den Namen Lisa Beamer erwähnen, dann klingt eine ähnliche Ehrfurcht durch wie sonst nur beim Namen George W. Bush. Die Witwe des Helden, die anderen vorlebt, wie man mit dem 11. September umgeht.

Shirley Trent hat das Buch sofort gekauft. Es geht schließlich um ihr Dorf und "unsere Helden". Die 55-jährige Oma kann den Absturzort von ihrem Vorgarten aus sehen - etliche Kilometer weit weg. An jenem Morgen war sie in der Garage und bastelte Puppenhäuser für ihre Enkelinnen. Die Explosion hörte sie nicht, die Säge und die Schleifmaschine liefen. Aber das Vibrieren des Bodens habe sie gespürt, behauptet sie.

Auch Trent wohnt an einer dieser Straßen nach Shanksville. In ihrem Vorgarten hat sie ein Denkmal errichtet, mit vielen Flaggen, extra für den Jahrestag. Ab und zu halten Autos an. Sie freut sich über jedes Lob. Aber am Mittwoch, das wird Wahnsinn, da will sie lieber doch keine Menschen sehen. "Gott sei Dank", sagt sie, "haben sie eine Umleitung für die Busse eingerichtet."

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