Silvester: Tipps von Hundetrainer Nick Martens - DER SPIEGEL
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Hundetrainer über Silvester "An diesen Ausnahmetagen ist alles erlaubt"

Kuscheln, Höhle bauen oder doch Beruhigungsmittel? Der Hundetrainer Nick Martens gibt Tipps, wie Hunde möglichst stressfrei durch die Silvesternacht kommen.
Foto: iStockphoto/ Getty Images
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL: Herr Martens, wie steht man mit Hunden die Silvesterknallerei durch?

Martens: Das Wichtigste: Lassen Sie den Hund niemals allein. Und sorgen Sie dafür, dass er sich geborgen fühlt. Machen Sie aus der Wohnung eine Höhle: Ziehen Sie die Vorhänge zu, dimmen Sie das Licht. Manche Hunde kommen im Dunkeln besser klar mit der Knallerei. Für so einen Hund kann man zum Beispiel mit Bettdecken eine Höhle unter dem Tisch bauen. Je kleiner der Raum, desto sicherer fühlt sich ein Hund. Wenn er in die Badewanne will, in die Abstellkammer oder unter das Bett, dann erlauben Sie ihm das.

SPIEGEL: Kann man auch in den Keller gehen?

Martens: Wenn er den Keller kennt und sich dort sicher fühlt, auf jeden Fall. Lassen Sie es zu, dass der Hund sich an den Ort zurückziehen kann, an dem er sich am besten entspannen kann. Für manche Hunde ist das die Transportkiste im Auto.

Zur Person
Foto: privat

Nick Martens, 34, ist zertifizierter Gehorsamsprüfer und Wesenstester sowie zertifizierter Hundetrainer. Außerdem ist er ausgebildeter Tierpfleger und hat rund zwölf Jahre im Tierheim gearbeitet. Er lebt in Hamburg.

SPIEGEL: Im Auto? An Silvester?

Martens: Ja, das Auto ist für viele Hunde eine rollende Hundehütte. Sie fühlen sich darin wohl und sicher. Und wenn man mit dem Auto herumfährt, gibt es das Motorengeräusch, und man ist in Bewegung, das funktioniert als Ablenkung. Außerdem kann man ja auf der Autobahn fahren oder auf einer abgelegenen Landstraße.

SPIEGEL: Sollte man mit dem Hund kuscheln, wenn er Angst hat?

Martens: Alles, was dem Hund hilft, die Angst abzubauen, ist erlaubt. Kuscheln, streicheln, ein enger Körperkontakt - vorausgesetzt allerdings, dass der Hund diese enge körperliche Beziehung zum Halter kennt. Wenn das nicht der Fall ist, dann kann die Angst sich verstärken, weil nun zu den erschreckenden Geräuschen hinzukommt, dass der Halter sich seltsam benimmt.

SPIEGEL: Was halten Sie davon, in der Wohnung das Feuerwerk mit Musik, Fernsehen oder Radio zu übertönen?

Martens: Das ist eine sehr gute Möglichkeit, die Knallerei in den Hintergrund zu drängen.

SPIEGEL: Auch an Silvester muss der Hund sein Geschäft machen. Und leider wird ja nicht nur an Silvester geknallt, sondern auch an den Tagen davor und danach. Was tun?

Martens: An diesen Ausnahmetagen ist alles erlaubt, also auch, sich in der Wohnung zu lösen. Meine eigene Hündin löst sich aber nur auf weichen Untergründen. In so einem Fall kann man dem Hund eine Toilette bauen, aus einem Stück Rasen, das man in eine Kiste legt. Manche Hunde akzeptieren ein Handtuch. Und es gibt Welpentoiletten, die man kaufen kann. Manche Tiere halten lieber an. Aber wenn der Hund sich genau dann meldet, wenn es richtig knallt, würde ich trotzdem nicht mit ihm rausgehen, sondern in Kauf nehmen, dass er sich irgendwo in der Wohnung löst.

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SPIEGEL: Hilft es an diesen Tagen, gemeinsam mit einem anderen, knallfesten Hund die Spaziergänge zu unternehmen?

Martens: Ich persönlich habe nie beobachtet, dass das einem Hund die Angst nimmt, auch wenn ich das natürlich nicht ausschließen kann. Aber ich würde davon abraten, das an Silvester auszuprobieren. Und zwischen 22 Uhr und 2 Uhr nachts würde ich an Silvester niemals mit einem Hund nach draußen gehen, auch nicht mit einem Hund, der sonst gelassen ist bei Böllern. Da auch außerhalb dieser zwei Stunden geböllert wird, würde ich den Hund beim Gassigang immer doppelt sichern, an Geschirr und Halsband, mit zwei Leinen.

SPIEGEL: Was halten Sie von Beruhigungsmitteln?

Martens: Ich bin kein Tierarzt, aber ich weiß, was sie verschreiben: Diazepam fährt den Hund psychisch und körperlich herunter, er wird ruhiger. Es gibt außerdem Medikamente mit dem Wirkstoff Acepromazin, von denen rate ich dagegen ab. Das ist ein Muskelentspannungsmittel, sodass der Hund äußerlich ruhig wirkt - aber er empfindet genauso viel Angst. Neuerdings wird auch Zylkene gegeben. Wieder andere geben dem Hund homöopathische Mittel wie Bachblüten und berichten, dass das funktioniere.

SPIEGEL: Und wie kehrt man nach dem Feuerwerk wieder zur Normalität zurück?

Martens: Gut an die Umwelt angepasste und etwas ältere Hunde fahren sich erfahrungsgemäß relativ schnell von allein runter, spätestens nach drei bis vier Tagen ist alles wieder normal.

SPIEGEL: Und die anderen?

Martens: Das Problem ist: Diese Angst auslösenden Reize bleiben im Langzeitgedächtnis verhaftet, und sie neigen zur Generalisierung. Dann erschrecken sich die Hunde, wenn ein Geräusch nur so ähnlich wie ein Silvesterknaller klingt. In so einem Fall würde ich mit dem Tier zum ausgebildeten Hundetrainer gehen. Eine Therapie beim Trainer kann schnell wirken, aber bei manchen Tieren eben auch länger dauern.

SPIEGEL: Wenn man im nächsten Jahr frühzeitig mit einem Gelassenheitstraining beginnen will, wie und wann sollte man anfangen?

Martens: Spielen Sie ab März einmal in der Woche eine Feuerwerks-Geräusch-CD vor. Fangen Sie sehr vorsichtig und extrem leise an, und erhöhen Sie ganz langsam den Pegel. Später beginnt man damit, die Aufmerksamkeit weg vom Angstreiz hin zum Halter zu lenken. Und dann macht man ein Anti-Knalltraining, das geht aber nur mit zwei Personen. Die eine zündet in mindestens 80 Meter Entfernung einen kleinen Knaller. Der Halter bleibt beim Hund und belohnt ihn sofort. Wichtig ist, dass der Hund die Belohnung wirklich attraktiv findet. Dann kann man ganz allmählich mit den Knallern näher rücken und somit lauter werden. Der Hund lernt, dass diese Geräusche keine Bedeutung haben. Und wenn er sie doch wahrnimmt, verbindet er durch das Belohnungstraining etwas Positives mit ihnen.

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